Machtkampf bei 75-Jahr-Feier VW-Chef und Betriebsrat beharken sich auf offener Bühne

Herbert Diess drängt im Streit um Vorstandsposten und Konzernumbau auf eine Entscheidung. Bei der Feier zu 75 Jahren Mitbestimmung konnte die Belegschaft den Machtkampf nun auf offener Bühne erleben.
Offensiv: Volkswagen-Chef Herbert Diess

Offensiv: Volkswagen-Chef Herbert Diess

Foto: ALBERT GEA / REUTERS

Die Bühne ist hergerichtet, Altkanzler Gerhard Schröder (76) ist für eine Ansprache geladen. 75 Jahre Mitbestimmung sind im Volkswagen-Konzern ein Ereignis, das der Autobauer zelebrieren muss, auch in Corona-Zeiten. Schließlich ist das Unternehmen seit Generationen vom kooperativen Miteinander geprägt, vom gegenseitigen Geben und Nehmen. In wohl keinem deutschen Großkonzern spielen die Arbeitnehmer eine so herausragende und mächtige Rolle. Nur geht es aktuell weniger um Kooperation als um Konfrontation.

Gerade jetzt, wo der weltgrößte Autobauer vor den größten Herausforderungen seiner Geschichte steht, liefern sich der angezählte Vorstandschef Herbert Diess (62) und Konzernbetriebsratsboss Bernd Osterloh (64) einen Machtkampf. An diesem Freitag quasi auch auf offener Bühne, übertragen via Internet.

Diess forderte in einer Grußbotschaft zum Festakt den Betriebsrat und den Großaktionär, das Land Niedersachsen, unverblümt auf, den Umbau des Konzerns nicht zu blockieren und wichtige Richtungsentscheidungen mitzutragen. "Das gilt auch für die Besetzung von Spitzenpositionen", wie Diess sich eine Spitze nicht verkneifen konnte.

Hintergrund ist, dass der Vorstandschef bei der Besetzung zweier Vorstandsposten Mitstreiter sucht, die seinen scharfen Umbaukurs und die Renditeziele mittragen. Doch kommt er nicht voran, weil der Betriebsrat nach Informationen von manager magazin eine Paketlösung anstrebt.  Offiziell betont Betriebsratschef Osterloh hingegen, es gebe keinen Streit.

Im nächsten Jahr muss die Nachfolge von Finanzchef Frank Witter (61) geregelt werden, der im Juni ausscheiden will. Außerdem muss seit dem Rückzug von Stefan Sommer (57) der freie Posten des Beschaffungsvorstands neu besetzt werden – Witter veranwortet das Ressort seit Frühsommer kommissarisch mit. Gestritten wird hinter den Kulissen über den Zuschnitt der Ressorts und auch über weitere Sparprogramme.

Diess mahnte, in den kommenden Jahren müssten "mutige Entscheidungen" getroffen werden, um den Fortbestand des Konzerns mit mehr als 600.000 Beschäftigten zu sichern. Mit dem Zukunftspakt der Marke Volkswagen, dem Umbau der Komponentenstandorte, der Umrüstung von Werken auf die Produktion von Elektroautos und dem Ausbau der Softwarekompetenz seien wichtige Weichen gestellt worden. Der Konzern müsse aber effizienter werden. Hier habe Volkswagen Nachholbedarf, mahnte Diess an.

Betriebsratschef Osterloh demonstriert Selbstbewusstsein

Betriebsratschef Osterloh reagierte auf die Spitze demonstrativ selbstbewusst: Der Betriebsrat feiere "nicht sein Alter, sondern seine Erfahrung und seine Stärke als Gremium". Die Gewerkschaft IG Metall, der auch Osterloh angehört, ist bei Volkswagen besonders stark vertreten.

"Krisen werden bei Volkswagen nicht kurzfristig auf Kosten der Kolleginnen und Kollegen ausgetragen", mahnte Osterloh. Das werde auch die nächsten 75 Jahre gelingen, "solange das VW-Gesetz, unser hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad und vor allem der enorme Rückhalt unserer Belegschaft weiter hinter unserer Arbeit als Betriebsrat stehen". Das aus dem Jahre 1960 stammende VW-Gesetz verleiht dem Betriebsrat und dem Land Niedersachsen als zweitgrößtem Aktionär nach der Familienholding Porsche SE eine besondere Stellung bei VW.

Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch (69) machte seinem Ruf als Machttaktiker von Wolfsburg  alle Ehre und übte sich in salomonischen Worten. Volkswagen sei ein Beispiel dafür, dass sich nachhaltige Rendite und nachhaltige Beschäftigung nicht ausschlössen, sagt er. Die paritäische Mitbestimmung sei ein wichtiger Teil der Unternehmenskultur und des Erfolgs von Volkswagen.

Fragt sich, wie lange Diess, der erst im Juni knapp einer Entlassung entgangen war , nachdem er dem Aufsichtsrat bei einer Managementtagung Indiskretionen vorgeworfen hatte, dem Kräftemessen noch standhalten kann und will. Dem Vernehmen nach soll er die Anteilseigner erneut mit dem Wunsch nach einer vorzeitigen Vertragsverlängerung - sein Kontrakt läuft noch bis April 2023 - konfrontiert haben, um aus einer Position der Stärke heraus den Umbau schneller voranzutreiben. Damit hat er den Druck erheblich erhöht. Doch ohne die Zustimmung des einflussreichen Betriebsratsrats wird er seinen Vertrag kaum vorzeitig verlängert bekommen, heißt es.

rei mit Reuters