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"Zusammenspiel wird immer wichtiger"

Was die Experten der OECD über die Trends der Technologieentwicklung wissen
aus manager magazin 9/2001

mm* Aus Sicht der Wirtschaft lassen sich die wichtigsten Technologien für die nähere Zukunft einigermaßen präzise benennen: Bio-, Informations-, Nanotechnologie und einige mehr. Erkennen Sie aus der quasi höheren Warte der OECD Megatrends, die über diese einzelnen Stichworte hinausweisen?

Michalowski Das Zusammenspiel ursprünglich verschiedener Wissenschaften wird immer wichtiger. Die Trennung in Einzeldisziplinen macht nur noch Sinn bei Betrachtung der Produkte, allenfalls bei technologischen Entwicklungen. Auf der Ebene der Forschung wirkt längst vieles zusammen.

mm Das klingt abstrakt. Können Sie ein Beispiel geben?

Michalowski Die Strukturanalyse von kompliziert gebauten Molekülen, etwa von Proteinen, durch Röntgenstrahlen. Die Geräte für diese nanoskopischen Untersuchungen wurden entwickelt für die Untersuchung der Röntgenstrahlung im Weltall.

mm Hat diese Erkenntnis der verschmelzenden Forschungsdisziplinen bereits Auswirkungen für die Wirtschaft?

Maass Wir wissen heute, dass nur jene Länder Spitzentechnologien entwickeln können, die großes Gewicht auf die Grundlagenforschung legen ...

mm ... auch das müssten Sie bitte erläutern.

Michalowski Die genannte Röntgen-Strukturanalyse von Proteinen soll zu neuartigen, hoch spezifischen Medikamenten führen, zu Wirkstoffen mit wesentlich weniger unerwünschten Effekten, zu einer Revolution der gesamten Pharmabranche. Die wäre ohne die Röntgen-Astronomie ausgeblieben - eine Wissenschaft, die auf den ersten Blick keine wirtschaftlich nutzbare Anwendung hervorbringt.

mm Aber die vornehmlichen Aufgaben, etwa in der Chipentwicklung oder beim Aufbau von "Breitband"-Datennetzen, werden nicht durch Grundlagenforschung gelöst.

Maass Mehr als Sie denken. Japan hat zum Beispiel die Spitzenstellung bei elektronischen Geräten, die es in den 60er und 70er Jahre hatte, vor allem deshalb verloren, weil die Unternehmen nur noch auf Entwicklung gesetzt, die Forschung aber vernachlässigt haben.

Michalowski Das ändert sich seit etwa zehn Jahren. Heute ist es wieder so, dass japanische Grundlagenwis-

senschaftler auf allen international wichtigen Konferenzen entscheidende Beiträge leisten. In Japan entstehen gerade die teuersten und wichtigsten Großforschungsanlagen der Welt.

mm Wie und wo erzeugen diese Institutionen konkreten wirtschaftlichen Nutzen?

Michalowski Das neue Kernspin-Spektrometer, das derzeit in Japan gebaut wird, braucht supraleitende Elektromagnete. Schon jetzt ist absehbar, dass diese Anforderung wichtige Impulse in die Supraleitungs-Technologie gibt. Und die hat bekanntlich ein enormes kommerzielles Potenzial.

mm Bei welchen Technologien wurden in jüngerer Zeit Hoffnungen enttäuscht?

Michalowski Die Robotik ist zum Beispiel bislang bei weitem nicht den Erwartungen gerecht geworden, die seit den 60er Jahren in sie gesetzt wurden. Das Prinzip eines Arbeitsarms mit Greifer oder das einer sich selbstständig und frei fortbewegenden Maschine scheint derzeit kaum praktikabel, zumindest nicht besonders effektiv.

mm Die Genomforschung und andere Zweige der Biotechnologie, die kombinatorische Chemie und die pharmazeutische Analytik sind ohne Roboter nicht denkbar.

Michalowski Stimmt. Allerdings entsprechen diese Geräte nicht dem Klischee eines Roboters. Sie sehen eher aus wie Bankautomaten. Und wenn wir nach Ursache und Wirkung suchen, dann war es wohl eher so, dass die Biotechnologie den Robotern das Leben gerettet hat. Nicht umgekehrt.

mm Woran liegt es, dass die USA einen so großen Vorsprung auf dem Gebiet der Biotechnologie haben?

Michalowski An der engen Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft. In den USA ist es für Forscher nicht ehrenrührig, mit den Ergebnissen ihrer Arbeit Geld zu verdienen.

mm Warum sind manche Länder, manche Regionen weiter fortgeschritten bei der technologischen Entwicklung als andere?

Maass Mir scheint das Universitätssystem eine wichtige Voraussetzung zu sein.

mm Welches ist beispielhaft?

Michalowski Ganz klar: das amerikanische. Nirgendwo haben Forscher größere Freiheiten. Zugleich gibt es nirgends bessere Bedingungen für Studenten, ihre Ideen einzubringen, Neues zu finden und ganze Wissenschaftszweige mit zu gestalten.

Maass Außerdem ziehen amerikanische Hochschulen Legionen von ausländischen Studenten und Wissenschaftlern an. Die finden dort ideale Arbeitsbedingungen und werden mühelos integriert.

mm Warum haben andere Nationen dieses System nicht längst kopiert?

Maass Einige europäische Länder versuchen gerade, einige positive Elemente des US-Systems zu übernehmen. Man kann aber ein so komplexes System wie akademische Forschung und Lehre nicht einfach verpflanzen.

Michalowski Wissen ist kein Produkt wie ein Handy oder ein Medikament. Wissenschaft hängt von den Menschen ab, die sie betreiben, von deren Mentalität. Die lässt sich nicht so einfach auswechseln.

mm Weiß die OECD mehr über die Bedenken gegenüber einzelnen Technologien, über Entwicklungsbremsen auf gesellschaftlicher Ebene ?

Maass Dass Deutschland zum Beispiel bei der Stammzellenforschung zögert, hat historische Gründe: die Barbarei der Nazis.

Michalowski Bei der Kernphysik spielt der Tschernobyl-Effekt eine große Rolle, die Lehren, die aus dem Gau in dem ukrainischen Kraftwerk gezogen wurden. Zudem sind die Bedrohungen, die vom internationalen Atomwaffenarsenal ausgehen, ebenfalls noch nicht gebannt - und blockieren die weitere Erforschung dieses Wissenschaftszweiges.

mm Welche Regionen könnten sich als Technologiezentren der Zukunft erweisen?

Maass Die USA, Europa, Japan werden ihre Bedeutung so schnell nicht verlieren. Korea könnte in einigen Jahren ebenfalls dazugehören.

mm Was ist mit Schwellenländern wie Brasilien, China, Indien?

Maass Persönlich hege ich da nur wenig Hoffnung. Wie sollten die den inzwischen jahrhundertegroßen Vorsprung der reichen Industrienationen aufholen?

mm Gilt hier nicht: Wo ein Wille ...?

Maass Vielleicht. Aber versetzen Sie sich in die Lage der dortigen Regierungen: Spitzenforschung ist vielleicht nicht ihre Priorität. Sie wollen das wenige Geld, das sie haben, vielleicht eher für Alphabetisierungskampagnen ausgeben.

mm Wie geht es weiter? Zeichnen sich große technologische Trends bereits am Horizont ab?

Michalowski Hätte ich Geld, würde ich es derzeit vielleicht in Quantenforschung investieren. Also in eine Technik, die auf der modernen Physik kleinster Teilchen beruht. Wenn es etwa tatsächlich gelingen sollte, einen Quantencomputer zu bauen, dann wird der die Welt ähnlich revolutionieren wie dereinst die Mikroelektronik.

mm Was wären die Folgen?

Michalowski Klimaforschung und Wettervorhersage, die Erkundung der Meeresströmungen und all die rechenaufwändigen Bereiche der Welterklärung werden einen ernormen Schub erleben.

Maass Ein wenig erinnert mich das an die Träume der Fusionstechnologie: Saubere, unbegrenzte Energie soll sie produzieren. Doch bislang waren alle Ansätze unpraktikabel. Immer sind es noch 50 Jahre bis zum ersten Strom liefernden Fusionsreaktor.

Michalowski (lacht) Stimmt. Vielleicht gibt es immer mindestens eine Technologie, die noch 50 Jahre vor uns liegt.

*Das Interview führte Redakteur Michael O. R. Kröher.

*Das Interview führte Redakteur Michael O. R. Kröher.

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