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Zurück an die Arbeit

Sie glauben immer noch an eine Erholung der Börsenkurse? Dann träumen Sie weiter. Oder lesen Sie das hier.
aus manager magazin 9/2001

VON HENRIK MÜLLER*

Schlagzeilen wie aus einem anderen Zeitalter: "Schneller reich werden" ("Telebörse" Januar 2000), "Heute wieder reich werden" ("Focus Money" März 2000), "Dax 10 000?" ("Finanzen" September 1998) - es ist noch nicht lange her, da schien es an der Börse nach oben kein Limit zu geben. Der Himmel war die Grenze.

Selbst heute, nach dem Crash bei Technologieaktien und während eines gespenstischen Abbröckelns bei den Standardwerten, trauen sich Leute wie der US-Börsenguru Ralph Acampora, mal eben eine Verdoppelung der Kurse vorherzusagen (siehe Interview Seite 188).

Ist das plausibel? Ich habe da meine Zweifel.

Zwei Megatrends deuten nämlich auf eine lange Baisse. Trend Nummer eins, die Globalisierung, nähert sich seiner Vollendung. Die 80er, vor allem aber die 90er Jahre waren Jahrzehnte der Grenzöffnung. Zölle wurden gesenkt, die Kapitalmärkte liberalisiert. Ganze Kontinente - Lateinamerika, Osteuropa, China, Indien - öffneten sich. Länder mit hunderten Millionen billiger Arbeitskräfte und hohem Kapitalbedarf integrierten sich in den Weltmarkt. Ein ökonomischer Schock: Das weltweite Angebot an (überwiegend gering qualifizierter) Arbeit und die Nachfrage nach Kapital nahmen dramatisch zu.

Zugegeben, Ökonomen wissen vieles nicht, aber eins doch: Ein steigendes Angebot senkt den Preis - eine steigende Nachfrage erhöht den Preis. Entsprechend fielen in den entwickelten Ländern die Löhne (wie in den USA) beziehungsweise wurden einfache Arbeitsplätze unrentabel (wie in Europa). Kapital hingegen war knapp und begehrt: Die Kurse für Aktien und Anleihen hoben ab.

Mittlerweile ist dieser Prozess zur Ruhe gekommen. Die Globalisierung ist eine Realität, die großen Anpassungsprozesse sind gelaufen. Folglich dürften sich die Preise für Kapital und Arbeit an die neue Situation angepasst haben. Ergo: Der Kurstreiber Globalisierung hat seine Schubkraft verloren.

Nun bewirkt Megatrend Nummer zwei - die Alterung der Gesellschaft - eine Schubumkehr. Warum? Weil in den Industrieländern die Menschen knapp werden. Bis zum Jahr 2050 wird das Arbeitskräfteangebot in der EU um 15 Prozent sinken, in Japan gar um 31 Prozent. Einzig für die USA ist dank liberaler Einwanderungsgesetze ein Zuwachs von 14 Prozent zu erwarten.

Schon heute klagen viele Branchen über einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften - selbst bei derzeit flauer Konjunktur. Wer begehrt ist, kann satte Lohnforderungen durchsetzen. So gelang es den Lufthansa-Piloten, ein Gehaltsplus von satten 30 Prozent herauszuholen. Simple Rechnung: Steigende Lohnkosten schmälern die Unternehmensgewinne. Das drückt die Börsennotierungen.

Einschränkung: Einzelne hoch profitable Firmen können auch künftig zu Börsenstars aufsteigen. Aber der breite Aufwärtstrend der Kurse dürfte vorbei sein.

Schlechte Nachrichten für alle, die "schneller reich" werden wollen. Doch wir haben auch eine gute Nachricht: Wer sich vor eineinhalb Jahren fragte, warum er überhaupt noch morgens zur Arbeit geht, da es doch an der Börse so einfach so viel zu verdienen gab, dem können wir versichern: Arbeit wird sich wieder lohnen! u

*mm-Redakteur Henrik Müller schreibt über wirtschaftspolitische Themen.

*mm-Redakteur Henrik Müller schreibt überwirtschaftspolitische Themen.

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