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Kirch Media: Die Hinterlassenschaft des Ex-Medienmoguls Leo Kirch kommt unter den Hammer: Was sind die Reste wert? Ein Berger-Gutachten enthüllt Erstaunliches.
Von Klaus Boldt
aus manager magazin 8/2002

Die Hoffnung ist eine gnädige Institution: Weil sie bekanntlich erst dann stirbt, wenn alles andere schon tot ist, konnte Leo Kirch (75) sie beispielsweise monatelang anwenden, um sich ein Wunder vorzustellen, dessen ganzer Sinn seine Rettung wäre: dass womöglich eine gute Fee käme mit Zauberstab und mehreren Milliarden, in Dollar oder Euro.

Erleichtert wurden ihm seine Fantasien dadurch, dass Kirch Media (Umsatz 2001: 3,4 Milliarden Euro, Beschäftigte: 2960, Verbindlichkeiten: 4,9 Milliarden Euro), die Firma, in der und für die sein Herz schlägt, theoretisch und trotz Pleite immer noch ihm gehörte. Und nun - puff! - ist auch sie tot, die Hoffnung.

Statt einer Fee kam ein Banker: Florian Lahnstein (37), Topmanager bei UBS Warburg in London. Lahnstein wird Kirch Media versteigern. Bald ist Leo Kirch nur noch Rentner und muss seine Hoffnungen auf weniger anspruchsvolle Ziele richten.

Knapp 100 interkontinentale Schlipsträger schaufeln sich zurzeit in der Ismaninger Firmenzentrale durch Dünen von Ordnern und Papieren; sie sprechen Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch, Holländisch und heucheln aus taktischen Gründen schweres Desinteresse.

Sechs Bietergruppen sind zugegen: Die Verlage Bauer und Axel Springer; die Commerzbank und Columbia Tristar (Sony); der US-Medienkonzern Viacom; der französische TV-Sender TF1; der US-Milliardär und Filmproduzent Haim Saban; sowie die Altgesellschafter Lehman Brothers, News Corp. und Mediaset. Die niederländische Produktionsfirma Endemol und die amerikanische Senderkette NBC werden sich wohl bestehenden Konsortien anschließen.

Auktionator Lahnstein meldet: "Wir sind sehr zufrieden mit der Quantität und Qualität der Nachfrage."

Bis zum 31. Juli müssen bindende Angebote eingehen. Am 1. August benennt die Gläubigerversammlung zwei oder drei Finalisten, die ihre Gebote nachbessern dürfen. Noch im August soll der Sieger feststehen.

Grundlage des Firmen-Checks ist eine streng vertrauliche, 247-seitige Expertise der Unternehmensberatung Roland Berger: "Kirch Media. Wirtschaftliche Situation. Planungseinheiten. Key Financials."

Das Konvolut zeichnet ein frohes Bild von den Aussichten der siechen Medienfirma und ihrer drei Kostbarkeiten: der Mehrheitsbeteiligung (52 Prozent) an der Pro Sieben Sat 1 Media AG, des Filmstocks und der Programmrechte (siehe Grafik oben). Die Zuversicht setzt freilich eine brutale Straffung der Geschäfte auf "circa 30 wesentliche, operative Gesellschaften" voraus. Als überlebensfähig gilt nach Maßgabe der Berger-Strategen nur eine Mini-Version der Kirch Media: "Kirch Media 2.0" soll die Sparten TV und Programmhandel sowie wenige Produktions- und Technikfirmen umfassen. 588 Beschäftigte verlieren bei der Umsetzung des Schrumpfmodells ihre Jobs; weitere 657 Stellen müssen bis Ende 2002 abgebaut werden, damit der Businessplan aufgeht.

Die Gläubiger setzen auf einen Auktionserlös von rund 3,7 Milliarden Euro. Ein relativ bescheidenes Eintrittsgeld für einen der größten TV-Märkte der Welt.

Schließlich, heißt es, werde der Marktführer im Rechtehandel und im hiesigen TV-Werbemarkt schuldenfrei übergeben: "Das ist eine historische Chance."

Wirklich? Die ersten Gebote, so ist aus Bieterkreisen zu hören, lagen bei rund 2,5 Milliarden Euro: Die Beteiligung an der Senderfamilie Pro Sieben Sat 1 hat derzeit nur einen Kurswert von 500 Millionen Euro.

Die Sportrechte, sagt ein Berger-Mann, seien "eine gute Milliarde wert". Doch die Gewinnaussichten sind, abgesehen von 2006 (Ebit-Prognose: 534 Millionen Euro), dem Jahr der Fußball-WM, dürftig: Sie schwanken zwischen minus 3 und 27 Millionen Euro - vorausgesetzt, der Bezahlsender Premiere, auf den "circa 50 Prozent der Verwertungserlöse" entfallen, überlebt.

Schleierhaft bleibt der Wert von Kirchs legendärer Filmbibliothek: 1,7 Milliarden Euro werden als fiktiver Buchwert für die "Library" festgestellt - gefüllt ist sie größtenteils mit verderblicher Flimmerware: Nur jeder 80. der 9800 Kirch-Filme gilt als Topware, jeder 5. als unverkäuflich.

"800 Millionen Euro" sei der Filmstock wert, sagt ein Berger-Mann. Renditemindernd kommt hinzu, dass Kirch 92 Prozent seiner Programme an die eigene Senderfamilie liefert.

Die Gewinn- und Verlustrechnung der Kirch Media 2.0 weist für 2003 zwar ein Ebit von 323 Millionen Euro aus. Nach der Ergebnisabführung an die weiteren Gesellschafter der Pro Sieben Sat 1 Media bliebe, laut Plan, aber nur ein Konzern-Jahresüberschuss von 5,9 Millionen Euro übrig.

Als "kritische Aspekte" listet das Berger-Papier obendrein die "Erlösschätzung der Library" auf, den "Programmbedarf der Senderfamilie" sowie die nötigen Programminvestitionen: 1,94 Milliarden Euro bis 2006. Kirchs Rechtefirma Beta Film sei schließlich wegen der Output-Deals mit Paramount, Universal und MGM "erheblichen Bürgschaftsrisiken ausgesetzt (bis circa 310 Millionen Euro)".

Einmal beiseite gelassen, dass die Marke Kirch zerstört ist, dass Pro Sieben und Sat 1 weit hinter RTL rangieren: Der Medienmarkt steckt in einer tiefen Krise. Wer auch immer Kirch ersteigert: Das Hoffen geht weiter. Das Hoffen hört nie auf. Klaus Boldt

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