Zur Ausgabe
Artikel 9 / 50
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BDI Zu schön, um aufzuhören

Der umstrittene Präsident Jürgen Thumann strebt offenbar eine dritte Amtszeit an.
aus manager magazin 6/2008

Der 17. April war ein weiterer schöner Tag im Leben von Jürgen Thumann (66), dem nebenberuflichen Präsidenten des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). In Tokio tagte der "G8 Business Summit", eine von Thumann ins Leben gerufene Initiative der Industrieverbände aus den größten westlichen Wirtschaftsmächten und Russland. Es gab viele Fotos und ein Abschlusskommuniqué von zeitloser Schönheit ("Stabilität und Wachstum der Weltwirtschaft sichern").

Thumann mag solche Aufritte auf internationaler Bühne. Dabei kann der Mittelständler jene Talente ausspielen, die ihm selbst seine ärgsten Kritiker nicht absprechen: diplomatisches Geschick und tadellose Umgangsformen.

Termine wie jener in Tokio lassen Thumann immer mehr Gefallen an seinem Amt finden. Schade nur, dass die schöne Zeit als Spitzenrepräsentant der deutschen Industrie schon fast vorbei ist: Zum Jahreswechsel endet seine zweite zweijährige Amtsperiode, eine reguläre Wiederwahl ist nicht möglich.

Wohl aber die Nominierung für eine außerordentliche dritte Amtszeit. Die satzungsmäßige Voraussetzung: Ein entsprechender Vorschlag des Präsidiums und eine Zweidrittelmehrheit auf der Mitgliederversammlung im November. Diese Lösung, so ist in BDI-Kreisen zu hören, strebe Thumann nun an.

Die Chancen, dass ihm der Hattric gelingt, stehen gar nicht mal schlecht. Zwar mangelt es im BDI-Präsidium nicht an Thumann-Gegnern. Doch denen fehlt bislang ein geeigneter Alternativkandidat. Dabei spielt die Zeit für den amtierenden Präsidenten: Erfahrungsgemäß dauert es einige Monate, bis sich die vielen Fraktionen im BDI-Präsidium einhellig auf einen Kandidaten verständigt haben, der dann traditionell mit realsozialistischer Mehrheit von der Mitgliederversammlung bestätigt wird.

In dieser Konsenskultur wäre eine Zweidrittelmehrheit für Thumann kein Problem, eine Begründung für die dritte Amtszeit lässt sich ebenfalls finden: Schließlich täte dem BDI nach einigen Chaos-Jahren ein wenig Kontinuität an der Spitze ganz gut - auch wenn der derzeitige und womöglich künftige Präsident selbst an der Unruhe nicht ganz unschuldig war.

Die ersten drei Thumann-Jahre wurden überschattet von zwei gescheiterten Fusionsversuchen, erst mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammer-Tag (DIHK), dann mit dem Arbeitgeber-Verband BDA.

Hinzu kam die pannenreiche Suche nach einem neuen Hauptgeschäfts-führer, bei der mit Norbert Röttgen (42) ein Kandidat absprang, mit Klaus Bräunig (54) ein kommissarischer Hauptgeschäftsführer derart düpiert wurde, dass er zum Automobilverband VDA flüchtete, und mit dem ehemaligen bayerischen Umweltminister Werner Schnappauf (54) schließlich ein Kandidat gekürt wurde, dessen Zenit in der Politik bereits überschritten war.

Gerade erst hat Schnappauf den BDI einer gründlichen Umorganisation unterworfen. Weitere wichtige Führungskräfte des Verbands haben gekündigt: Klaus Mittelbach (54, Umwelt und Technik) ging zum Elektroverband ZVEI. Und auch Kay Lindemann (36), Leiter Verkehr, Telekommunikation und Energie, wird den BDI verlassen. Er wechselt wie Bräunig zum VDA und wird dort Leiter der Hauptstadtrepräsentanz.

Letzte Hoffnung der Thumann-Gegner: Sie wollen Arndt Kirchhoff (54) zur Kandidatur überreden. Der Chef des gleichnamigen Automobilzulieferers hat Interesse, so ist zu hören, und wäre im BDI konsensfähig. Doch Kirchhoff zögert: Für ihn kommt der Präsidentenjob einige Jahre zu früh. Der Vorsitzende des BDI-Mittelstandsausschusses steht in seinem Betrieb noch voll im operativen Geschäft, will sich zudem um seine drei halbwüchsigen Kinder kümmern.

Ähnliches Problem beim Wunschkandidaten Nummer zwei: BASF-Vorstandschef Jürgen Hambrecht (61). Dessen Vertrag läuft noch bis 2011.

Sofort einsatzbereit wäre hingegen ZVEI-Präsident Friedhelm Loh (61). Doch der gilt als enger Thumann-Vertrauter und würde niemals gegen Thumann putschen, sagen BDI-Insider. Er trete nur an, wenn Thumann verzichte.

Daher gilt: Wenn es Thumann gelingt, die Nachfolgedebatte bis nach der Sommerpause zu unterdrücken, dann wird ihm die dritte Amtszeit kaum noch zu nehmen sein. Ein Erweis der eigenen Unentbehrlichkeit, der bereits einem von Thumanns Intimfeinden zuteil wurde: seinem Vor-Vorgänger Hans-Olaf Henkel (68). Christian Rickens

Zur Ausgabe
Artikel 9 / 50
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel