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Zu bieder

van Laack: Ein Ex-Ruheständler soll den Hemdenmacher gesundschrumpfen.
aus manager magazin 2/2001

Kenner wissen schon von weitem Bescheid. Allein die abgeschrägte Manschette verrät, dass der Gesprächspartner ein Oberhemd der Marke van Laack trägt.

Weiteres Erkennungszeichen sind die glänzenden Perlmuttknöpfe, mit drei Löchern - statt mit vieren, wie bei der Konkurrenz. Oder gar nur mit zweien, wie bei Billigware. Und innen, unterm Kragen, prangt das in schwungvollen, goldfarbenen Linien gestickte Krönchen.

Jahrzehntelang gehörten Van-Laack-Hemden zur Standardgarderobe des konservativ-gediegen angezogenen Herrn. Bei Damenbekleidung galt das Gleiche für die Blusen des Mönchengladbacher Traditionshauses. In der Preisklasse zwischen 250 und 350 Mark kommen Hemden und Blusen von van Laack auf einen Marktanteil von 60 bis 80 Prozent.

Diese Position ist erheblich gefährdet: 120 Jahre nach Firmengründung steckt einer der ältesten und bekanntesten deutschen Markenartikler (Jahresumsatz 1999: 102 Millionen Mark) in einer tiefen Krise. Nach "existenzbedrohenden negativen Ergebnissen" in den Jahren 1999 und 2000, heißt es in einer Betriebsvereinbarung, entlässt das Tochterunternehmen der Bad Homburger Delton-AG für Beteiligungen 70 seiner rund 230 Mit-arbeiter. Delton gehört dem BMW-Großaktionär Stefan Quandt (34).

Eine großteils neu besetzte Geschäftsführung muss nun die Strategie der Hemdenfabrik radikal ändern, um dem Unternehmen überhaupt eine Chance auf Fortbestand zu eröffnen. Ganze Geschäftszweige, etwa die Herstellung von Damenober-bekleidung, werden eingestellt, die schmucken Läden in den Innenstädten von Hamburg, München, Paris, London, Hongkong oder Singapur geschlossen.

Diese Politik bedeutet eine Kehrtwendung weg von jenem Kurs, den Hauptgeschäftsführer Rolf Schümann (63) verfolgt hatte - bis die Delton-Holding im August 2000 plötzlich sein Ausscheiden "aus gesundheitlichen Gründen" bekannt gab.

Schümann hatte van Laack zu einer weltweit operierenden Dachmarke machen wollen, nicht nur für Hemden, sondern auch für die Herrenmode der Schwesterfirma Regent, für Röcke und Kombis von Alexander und Wäsche der Firma Modena.

Schümann wollte den Anteil des Auslandsgeschäfts von 38 auf 60 Prozent steigern und den biederen Hemdenhersteller zum internationalen Inbegriff für Luxus und Lifestyle machen - vergleichbar mit Boss, Cerruti oder Dior. Diese "Total Look" genannte Strategie hätte eine dreistellige Millioneninvestition erfordert. Doch eine Alternative gab es für Schümann nicht. Die angestammte Beschränkung auf Hemden und Blusen hielt er für "absolut tödlich".

Eigner Quandt war zu Opfern bereit. Bis auf weiteres wollte er auf die Umsatzrendite verzichten, die bis weit in die 90er Jahre immer zweistellige Ziffern ausgewiesen hatte.

Doch der kühne Sprung in den Modeweltmarkt - im Dezember 1997 vom damals 31-jährigen Quandt auf Empfehlung seines väterlichen Freun- des, des früheren BMW-Chefs Eberhard v. Kuenheim (72), und einer Unternehmensberatung beschlossen - endete in einem Fiasko. Die Firma erlitt horrende Verluste; von einst fünf Topmanagern blieben nur zwei übrig.

Nachfolger von Schümann wurde im September 2000 Günter Bläser (56). Der ehemalige Geschäftsführer von Jobis und Joop-Womenswear hatte sich schon in den Ruhestand nach Südspanien zurückgezogen. Dort ereilte ihn der Auftrag von Delton-Vorstandsmitglied Klaus-Dieter Petersson, für van Laack ein Konzept zur Sanierung, zur Strategie- und Strukturänderung zu entwerfen.

Bläser schlug eine Aufgabe des eigenen Einzelhandels und eine Beschränkung auf Hemden und Blusen vor. Mit diesen "Premium-Produkten", hergestellt in eigenen Fabriken in Vietnam und Tunesien, will er jetzt das Traditionsunternehmen retten.

Als Hauptgeschäftsführer zielt Bläser, anders als Vorgänger Schümann, nicht nur auf Schickimickis, denen das Haupthaar allmählich schütter wird. Mittelfristig will er auch Jüngere ans "Business-Shirt", an Sporthemden und die aufwändig verarbeitete Bluse, heranführen.

Bläsers rigoroser Kurs könnte van Laack dazu verhelfen, schon im laufenden Geschäftsjahr Gewinn abzuwerfen, hofft Delton-Vorstandsvorsitzender Berndt-Michael Winter. Winter möchte, dass seine Mönchengladbacher Krönchensticker "wieder zu sich selbst finden". Hierfür lässt er ihnen erst einmal Zeit.

Das muss er auch - wohl oder übel. Nach monatelangen, zum Teil recht offensiven Bemühungen waren im vergangenen Jahr alle Versuche der Frankfurter Investmentbank Lazard & Co. gescheitert, die Delton-Modesparte zu verkaufen.

Alle Interessenten hatten abgewinkt, als sie den desolaten Zustand der Firma van Laack erkannten. Es fand sich nicht einmal ein Mitgesellschafter, der den Delton-Beteiligungsverwaltern mit Textilkompetenz geholfen hätte. Jetzt bleibt den Hemdenmachern bei van Laack nichts anderes übrig, als selbst die Ärmel aufzukrempeln.

Die Belegschaft stellt sich dennoch schon einmal auf neue Eigner ein. "Wenn nicht in diesem Jahr, dann eben im nächsten", sagt Betriebsratsvorsitzender Wolfgang Darge.

Michael O. R. Kröher

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