Gefallener Coronagewinner Wie Zoom den Wiederaufstieg plant

Zusammen mit Peloton und Netflix gehörte der Videokonferenzanbieter zu den großen Gewinnern der Coronakrise. Dann kam der Absturz. Nun will Gründer und CEO Eric Yuan den Techkonzern als Plattform neu erfinden.
Plattformträumer: Zoom-Gründer Eric Yuan beim Börsengang 2019

Plattformträumer: Zoom-Gründer Eric Yuan beim Börsengang 2019

Foto: Kena Betancur / Getty Images

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Mit rasanten Aufstiegen und ebenso abrupten Abstürzen kennt Eric Yuan (52) sich aus wie wenige. Als sich im Frühjahr 2020 die Coronaepidemie in der westlichen Welt ausbreitete und Millionen Arbeitende und Schüler in den Lockdown zwang, gehörte das von Yuang gegründete Unternehmen Zoom zu den größten Gewinnern.

Zoom wurde zum Synonym für Videokonferenzen, aus dem Nichts eine der bekanntesten Marken der Welt. Zeitweise nutzten mehr als 300 Millionen Menschen täglich die Software des Unternehmens aus dem kalifornischen San José. Umsatz und Kurs explodierten. An der Börse war Zoom zwischenzeitlich sogar mehr wert als der amerikanische Ölriese Exxon. Doch nach der Pandemie folgte der Absturz. "Zoom fatigue", Zoom-Erschöpfung, wurde zum geflügelten Wort. Angesichts der Rückkehr des analogen Lebens ließ sich das Wachstumstempo nicht halten. Der Aktienkurs dümpelt inzwischen wieder auf Vorkrisenniveau.

Und auch bei Gewinn und Umsatz blieb Zoom zuletzt hinter den Erwartungen zurück. Im abgelaufenen Quartal halbierte sich der operative Gewinn um mehr als 50 Prozent auf 121,7 Millionen Dollar. Der Umsatz stieg gerade noch um 8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Kundenwachstum verlangsamte sich auf 3 Prozent.

Nun versucht Gründer und CEO Yuan, der mit seiner Firma zum fünffachen Milliardär geworden ist, den Restart. Zoom hat immer noch mehr als 200.000 Kundinnen und Kunden – und ist profitabel. Yuan konzentriert sich inzwischen aber wieder auf die Klientel, die er schon bei seiner Gründung im Jahr 2011 avisiert hatte: Unternehmen. Und er will nicht mehr nur Videokonferenzanbieter sein, sondern als Plattform auch mit externen Dienstleistern Unternehmen für die neue hybride Arbeitswelt ausrüsten. Man wolle, assistiert seine Finanzchefin Kelly Steckelberg (53), das "Betriebssystem für den Arbeitstag" liefern.

Es ist eine Art Flucht nach vorn – in ein Geschäft, das mächtige Rivalen ebenfalls für sich entdeckt haben.

Als Eric Yuan, ein ehemaliger Softwareingenieur des Zoom-Konkurrenten Cisco Webex das Unternehmen 2011 – zunächst unter dem Namen Saasbee – aus der Taufe hob, wollte er eine nutzerfreundliche und zudem zuverlässige Videokonferenzlösung entwickeln. Der gebürtige Chinese, der erst mit 27 in die USA gekommen war, fing klein an. In der ersten Version seiner Software konnten gerade einmal 25 Leute gleichzeitig teilnehmen. Doch bei den Unternehmen schlug das Angebot ein. Gerade einmal zwei Jahre nach der Gründung zählte Zoom bei einer Bewertung von sechs Millionen Dollar bereits 1000 Geschäftskunden. Zwei Jahre später, als unter anderem Yahoo-Gründer Jerry Yang (53) und Qualcomm Ventures 30 Millionen Finanzierung nachlegten, waren es bereits 65.000 Firmen.

Im April 2019 ging Zoom – mittlerweile profitabel und mit einer Bewertung von mehr als 9 Milliarden Dollar – an die Börse. Als Corona zuschlug, hatte Yuan "ein funktionierendes Produkt", das sich skalieren ließ, sagt Wayne Kurtzman, Kollaborationssoftwareexperte des Tech-Analysehauses IDC. Im Oktober 2020 war Zoom fast 159 Milliarden Dollar wert – mehr als das 250-fache des Umsatzes.

Doch der Boom hatte zu einem Preis. "Zoom bombing" und Probleme mit der Datensicherheit häuften sich, die US-Aufsichtsbehörde FTC wurde aktiv. 2021 scheiterte nach der Einleitung einer öffentlichen Sicherheitsüberprüfung schließlich auch noch die geplante Milliardenübernahme des US-amerikanischen Cloudanbieters Five9. Yuan steuerte gegen – und ließ zur Lösung der Sicherheitsprobleme zeitweise sämtliche Neuentwicklungen ruhen.

"Als die Pandemie uns erwischt hat, waren wir noch nicht bereit", sagt Yuan rückblickend. Den Popularitätsschub Zooms vergeicht er heute mit dem Aufstieg eines Highschool-Basketballers in die NBA.

Nun will er wieder zu den Wurzeln des Unternehmens zurück. Zu den Geschäftskunden, die mit 54 Prozent aktuell mehr als die Hälfte der Kunden ausmachen. Und die für das Unternehmen deutlich profitabler sind als Privatkunden.

Doch weil von den potenziellen Unternehmenskunden so ziemlich jeder eine Videokonferenzsoftware hat – laut IDC haben die meisten sogar vier Verschiedene –, hat sich Yuan eine neue Wachstumsstory ausgedacht. Zoom will nicht mehr nur Softwareanbieter sein, sondern seinen Kunden eine Plattform bieten, die ein ganzes Sammelsurium an Dienstleistungen vereint: von der Telefonie über Planung und Steuerung hybrider Meetings oder die Unterstützung des Salesteams bis hin zu Übersetzungsdienstleistungen. "Wir sind nicht nur die Meeting-Firma, als die uns jeder kennt", fasste es kürzlich Zoom-CFO Kelly Steckelberg zusammen.

Um den Kunden Mehrwert zu bieten, haben die Amerikaner 2021 ein KI-Start-up aus Karlsruhe zugekauft, über das Zoom seit Ende des Jahres Simultanübersetzungen und übersetzte Transkripte von Konferenzen in aktuell 13 Sprachen anbietet. Weitere 17 Sprachen sollen bis zum Jahresende dazukommen.

"Hybrides Arbeiten stellt viele Firmen vor große Herausforderungen", sagt Abe Smith, bei Zoom für das internationale Geschäft verantwortlich. Zoom bietet dafür etwa hybrid benutzbare Whiteboards, intelligente Konferenzsteuerung oder Features wie Smart Galery, die auch Nutzern Vorort jeweils eigene digitale Teilnehmerboxen zuweist. "So können die Teilnehmer zu Hause jeden Konferenzteilnehmer, ob im Homeoffice oder im Konferenzraum auf die gleiche Art sehen", erläutert Smith das Feature.

Jenseits des Homeoffice: Zooms echte Zentrale in San Jose

Jenseits des Homeoffice: Zooms echte Zentrale in San Jose

Foto: Justin Sullivan / Getty Images

Auch jenseits von Übersetzungen setzt Zoom auf Künstliche Intelligenz – etwa bei Zoom IQ. Die Software ermöglicht Unternehmen die nachgelagerte Auswertung von Verkaufsgespräche: Gesprächsführung, Inhalte, alles soll sich auf Basis von Video- und Sprachaufnahmen analysieren lassen. Selbst Emotionen - eine Technologie, vor deren Anwendung Datenschützer warnen.

Nicht alles liefert Zoom aus eigener Hand, sondern bindet als Plattform unterschiedlichste Partner und Dienstleister ein, von Microsoft über Google, Salesforce bis hin zu SAP. 2000 Produkte habe man so eingebunden, heißt es bei Zoom. Von Analysedienstleistern bis zum Hardwareanbieter.

Um den Datenschutzansprüchen deutscher Unternehmen gerecht zu werden, haben die Amerikaner zusammen mit der Deutschen Telekom etwa ein Angebot entwickelt, bei dem sämtliche Daten in Deutschland verarbeitet und gespeichert werden und nur eine pseudonymisierte E-Mail-Adresse zum Anmelden des Meetings in die USA gesendet wird, wie es heißt.

"Sie versuchen am Puls zu bleiben", sagt IDC-Experte Kurtzman. "Und bislang machen sie einen guten Job."

Allerdings hat Zoom mittlerweile mächtige Konkurrenz. Microsoft und Google haben Zoom bei den Kollaborationstools laut IDC-Daten zuletzt auf Platz drei verdrängt. Und Microsoft-Teams wird als Teil des Office-Pakets den Kunden zudem frei Haus geliefert.

Zoom-Manager Smith ist dennoch überzeugt, dass es im Markt genug Platz für mehere Anbieter gibt – trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen, in die sich die Welt aktuell hineinbewegt. "Kein einziger Anbieter kann in einem Ökosystem alles lösen", sagt er. "Und die Mitarbeiter, vor allem die Jungen, wollen heute mehr Flexibilität, wollen die besten Werkzeuge."

Konzernchef Yuan glaubt ohnehin, auf Dauer in der ersten Liga mitspielen zu können. Sein Rezept: "Noch härter arbeiten und sich weiterentwickeln." Genau das, ist er überzeugt, "tun wir". Um seinen Traum von einem 10-Milliarden-Dollar-Umsatz-Unternehmen zu erreichen, dürfte es allerdings noch länger dauern.

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