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Steigenberger Zimmerflucht

Die Eigentümerfamilie hat die Krisen des Hotelgeschäfts satt und sucht einen Käufer für die Betreibergesellschaft. Ein Investor vom Schlage Marriott könnte bei der überfälligen Internationalisierung helfen.
aus manager magazin 11/2008

Wladimir Klitschko (32) schwenkte statt der Fäuste das Champagnerglas. Der Boxweltmeister und mehr als 2000 weitere Gäste feierten Ende September in Hamburg die Einweihung des runderneuerten "Steigenberger Hotel Treudelberg". Die "Bild"-Zeitung schrieb von der "wahrscheinlich letzten Sommersause des Jahres". Für die Gastgeber war das Ereignis womöglich weit mehr - eine der letzten Feiern einer Ära.

Seit fast 80 Jahren steht der Name Steigenberger für Hotels unter der Führung der Familie. Bis heute hält die Sippe 99,6 Prozent der Anteile der Steigenberger Hotel AG, die 82 Herbergen betreibt. Gleich vierfach ist der Clan im Aufsichtsrat vertreten, mit Anne-Marie Steigenberger (80) und ihren Töchtern Bettina Steigenberger (44), Claudia Steigenberger (50) und Christine Steigenberger (52).

Damit könnte es bald vorbei sein. In aller Stille bereiten die Eigentümer ihren Ausstieg vor. Seit Wochen lassen sie nach einem potenten Investor fahnden, der die Gesellschaft übernehmen könnte. Einen Favoriten haben sie schon ausgemacht: die US-Kette Marriott. Sie könnte mit der Übernahme von Steigenberger zur Nummer zwei des deutschen Marktes aufsteigen, gleich hinter dem französischen Giganten Accor (Novotel, Mercure, Ibis, Etap; siehe Grafik rechts).

Die Diskretion, mit der die Steigenbergers die Suche betreiben, hat einen guten Grund: der Ausstieg käme einem Sakrileg gleich. Eisern wahrte die Familie nach dem Tod von Anne-Marie Steigenbergers Ehemann, des Gründersohns Egon Steigenberger (1926 bis 1985), die Tradition und hielt zur Firma - auch in schweren Zeiten. Davon gab es allerdings so reichlich, dass die Eigentümerinnen nun doch verkaufsbereit sind.

Mehrfach in den vergangenen beiden Jahrzehnten schrieb Steigenberger rote Zahlen, wiederholt musste die Familie mit Finanzspritzen aushelfen. In den 90er Jahren verrannten sich die Manager der Bettenkette bei einer kopflosen Expansion in den neuen Bundesländern, die kostspielig revidiert werden musste.

Besonders arg traf die Frankfurter der Konjunktureinbruch nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Zwei Jahre darauf erwog die Familie erstmals einen radikalen Umbruch: die Flucht in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Münchener Immobilien- und Brauunternehmer Stefan Schörghuber (47) und dessen Arabella-Sheraton-Hotels. Der Pakt platzte jedoch.

Heute steht Steigenberger leidlich saniert da. Doch von nennenswerten Renditen ist die Betreibergesellschaft weit entfernt. 484 Millionen Euro setzte die Aktiengesellschaft im Jahr 2007 um, einschließlich der Ableger im Ausland. Als Jahresüberschuss blieben davon lediglich 200 000 Euro übrig. Eine durchgreifende Besserung ist nicht in Sicht.

Es mag die Familie ein wenig trösten, dass sie noch weiteres Vermögen besitzt, unter anderem Grund und Mauern von sechs Steigenberger-Hotels, aus denen sie Mieteinnahmen bezieht.

Experten attestieren Steigenberger zwar seit Jahren große Chancen, wenn die Kette stärker im Ausland aktiv würde. Bislang macht das Traditionshaus sein Geschäft zum allergrößten Teil in Deutschland, mit gehobenen Hotels der Marke Steigenberger und Mittelklasseunterkünften der Marke InterCity-Hotels. Der große Marsch über die Grenzen scheiterte stets an mangelnder Finanzkraft und zu geringem internationalem Know-how.

Gerade dieses Manko könnte ein Investor vom Schlage Marriott beheben. Der könnte zumindest in den europäischen Metropolen neue Steigenberger-Häuser eröffnen und sie im Verein mit den deutschen Hotels global vermarkten, speziell an amerikanische Reisende.

Zum Richtungswechsel der Familie passt eine Veränderung im Management. Anfang 2008 drängten die Eignerinnen den langjährigen Vorstandssprecher Karl Anton Schattmaier (59) aus dem Amt und ersetzten ihn durch den auffallend dynamischen André Witschi (57), zuvor Chef bei Accor Deutschland.

Der versprach öffentlich, er werde im Juli eine neue Strategie vorstellen. Die Präsentation lässt seither auf sich warten. Gut möglich, dass Witschi die Richtungswahl nun einem neuen Hausherrn überlässt. Michael Machatschke

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