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Was macht eigentlich Wolfram O. Martinsen?

Was macht eigentlich Wolfram O. Martinsen?
aus manager magazin 8/2002

Ach ja, Siemens. Eigentlich wolle er die alte Sache ruhen lassen, seufzt Wolfram O. Martinsen.

Dennoch bricht es aus dem ehema- ligen Siemens-Manager heraus: Ein ganzes Jahr habe er an dem unrühmlichen Abgang von seinem Posten als Vorstandschef der Verkehrstechnik-Sparte geknabbert. Gegrübelt über seinen Anteil am Misserfolg des Geschäftsbereichs, der zwar ordentliche Umsatzzuwächse verzeichnete, aber auch hohe Verluste.

"Ich habe meinen Frieden gemacht", gibt sich Martinsen konziliant. Die ungewohnte Radikalität, mit der sich Siemens-Chef Heinrich von Pierer von seinem Bereichsvorstand trennte - vergeben und vergessen.

Dabei galt der nur notdürftig kaschierte Rauswurf damals als echte Sensation. Bis zum Fall Martinsen hatte die Siemens-Familie immer loyal zu ihren Mitgliedern gestanden, auch zu den glücklosen.

Bei dem weltgewandten Ingenieur, der besonders gern in Asien fette - aber leider oft nicht Kosten deckende - Aufträge für U-Bahn-Systeme, Züge und Signalanlagen heranschaffte, war erstmals Schluss mit der ewigen Nachsicht. Er musste gehen, obwohl er laut Insidern "ein netter Kerl war, der mit jedem gut konnte".

Die absolute Funkstille, die zwischen ihm und seinem ehemaligen Arbeitgeber herrscht, stört den immer frohgemut wirkenden Mann nicht. "Die wirklich wichtigen Kontakte sind mir schließlich geblieben", resümiert Martinsen: "Zu vielen Topmanagern in aller Welt sind mittlerweile echte Freundschaften gewachsen."

Das sorgsam gepflegte Netzwerk aus Asiaten, Amerikanern und Osteuropäern bildete dann auch das Kapital für den Neustart. Mit seinen sozialen Fähigkeiten betreibt der Teilzeit-Berliner nun in der Hauptstadt professionelle Kontaktpflege.

In einem vom Senat finanzierten Büro im Haus der Wirtschaft koordiniert Martinsen die Beziehungen des Regierenden Bürgermeisters mit Osteuropa - und zwar genauso gern für SPD-Mann Klaus Wowereit wie für dessen CDU-Vorgänger Eberhard Diepgen.

Im repräsentativen Wohnzimmer seiner Wohnung im Neu-Westend hält Martinsen Salons ab. Hier treffen sich Wirtschaftsführer mit Diplomaten aus Polen oder Japan zum west-östlichen Dialog. Stolz verweist der Gastgeber auf die Erfolge seines intensiven Networkings: "Wir haben ein deutsch-polnisches Experimentier-Theater gegründet, und das japanische Handelshaus Mitsui will mehr Aktivitäten nach Berlin verlagern."

Hinzu kommen zahlreiche Aufsichtsratsmandate (bei der angeschlagenen Berlinwasser, dem Bahn- spezialisten Balfour Beatty Rail, beim kleinen Softwarehaus Ifus), ein Sitz im Board des Instituts für Deutsche Sprache der University of Kansas, eine Firmengründung in London, gemeinsam mit Söhnen von Freunden.

Beinahe erscheint Martinsens kokette Klage glaubwürdig, er habe heute mehr zu tun als einstmals im Siemens-Vorstand. Sein Versprechen jedenfalls, drei Tage in der Woche in Berlin und sonst traut zu Hause in Bräuningshof bei Erlangen bei der Gattin zu weilen, bricht der emsige Geschäftsmann permanent.

"Aber mit 65 werde ich wirklich kürzer treten, mehr Musik hören, Urlaub machen, spazieren gehen", schwört Martinsen, und seine fröhlichen Augen hinter der runden Brille zwinkern. Eva Müller

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Wolfram O. Martinsen (61) war bis zu seinem Abgang im Herbst 1998 eine der wichtigsten Figuren der internationalen Bahnbranche. Fast zehn Jahre lang hatte er den Bereich Verkehrstechnik der Siemens AG als Vorstandsvorsitzender geleitet. Zeitweilig wurde der Topverkäufer sogar als potenzieller Chef der Bahn AG gehandelt. Am Ende musste die altgediente Siemens-Kraft - Martinsen war von 1975 an in verschiedensten Führungspositionen bei dem Elektrokonzern tätig - gehen, weil ihm die Konsolidierung seines Bereichs nicht gelang. Heute nutzt der Elektroingenieur seine vielfältigen Kontakte, um Geschäfte anzubahnen, vor allem in Asien und Osteuropa. Martinsen ist seit 1969 mit seiner Jugendliebe, einer Sprachwissenschaftlerin, verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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