Fußball-WM 2022 WM-Frust vermiest Geschäft mit Sportwetten

Fußball-Weltmeisterschaften bedeuten für Wettspielanbieter eigentlich ein riesiges Sondergeschäft. Die Branche setzte 2021 in Deutschland mehr als 9 Milliarden Euro um. Nun wird die Kritik an der WM in Katar zum Risiko.
Show in der Wüste: Eröffnungszeremonie zur Fußball-WM in Katar

Show in der Wüste: Eröffnungszeremonie zur Fußball-WM in Katar

Foto: Mike Egerton / IMAGO / PA Images

Seit Sonntag läuft sie nun, die umstrittene Weltmeisterschaft in Katar. Bei wohl keiner WM hat es im Vorfeld so viel Kritik gegeben – es begann mit Korruptionsvorwürfen rund um die Vergabe, setzte sich fort mit Empörung über den Termin und die exorbitante Ressourcenverwendung in Zeiten des Klimawandels und löste massive Proteste wegen der dramatischen Umstände auf den WM-Baustellen  oder dem menschenverachtenden Umgang mit Homosexuellen aus.

Statt WM-Fieber ist die Stimmung auch in Deutschland eher trüb: Fans zeigten Protestplakate während Bundesligaspielen und riefen zum Boykott der WM auf. 70 Prozent der Deutschen wollen die Spiele laut einer aktuellen Onlinebefragung  im Auftrag des SPIEGEL nicht schauen. Das Eröffnungsspiel am Sonntag schauten im Fernsehen nur 6,2 Millionen Menschen, 40 Prozent weniger als noch bei der WM vor vier Jahren.

Diese Stimmung könnte auch auf das Geschäft der Sportwettenanbieter schlagen. Die Branche boomt eigentlich: Jahr zu Jahr erwirtschaften die Anbieter neue Rekordsummen, in Wettbüros und digital. Erlösten sie in Deutschland vor zehn Jahren noch weniger als zwei Milliarden Euro, waren es 2021 schon 9,4 Milliarden Euro. Und eines der wichtigsten Segmente: Fußball. Ungefähr die Hälfte der Wetteinsätze sammeln die Buchmacher in dem Bereich ein.

"Fußball ist die mit Abstand beliebteste Sportart", sagt ein Sprecher von Tipico, einem der größten Anbieter. Neben den Umsätzen aus Champions League, Bundesliga oder DFB-Pokal liefert eine WM normalerweise lukratives Zusatzgeschäft. "Eine Weltmeisterschaft bringt eine Vielzahl interessanter Spiele und große mediale Aufmerksamkeit mit sich." Es würden dabei "Zielgruppen angesprochen, die sich im Regelbetrieb nicht unbedingt für den Sport interessieren".

Tipico kritisiert Ablenkung von sportlichen Themen

In diesem Jahr jedoch könnte alles anders kommen. "Diese WM ist anders als bisherige Turniere. Zum einen ist der Termin im Spätherbst ein absolutes Novum und zum anderen ist die öffentliche Auseinandersetzung äußerst kontrovers", heißt es bei Tipico. "Eine wirtschaftliche Prognose nach unseren gängigen Modellen ist daher schwierig."

Auch der Deutsche Sportwetten Verband (DSWV) betont, wie lukrativ vor allem Großevents für die Branche eigentlich sind. Eine WM erwirtschafte üblicherweise einen Umsatz wie ein 13. Monatsgehalt. "Auch in diesem Jahr rechnen wir mit einem vermehrten Wettaufkommen rund um die WM-Spiele", heißt es. Ob die allererste Winter-WM, die dazu noch in der Vorweihnachtszeit ausgetragen wird, genauso viele Menschen begeistern wird wie sonst, lasse sich allerdings schwer einschätzen. "Das hängt in Deutschland sicher auch sehr vom Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft ab."

Ob und wie sich die Kritik am WM-Austragungsort auswirken wird, bleibe ebenfalls abzuwarten. "Die FIFA hat entschieden, die WM in Katar auszutragen. Die breite Kritik an dieser Entscheidung können wir nachvollziehen und würden uns wünschen, dass in Zukunft große Turniere wieder eher in Ländern mit einer langen Fußball-Tradition ausgetragen werden", so der Verband.

Inflation und Energiekrise mindern Wettlust nicht

Mögliche Auswirkungen durch Inflation oder die Energiekrise spüren die Anbieter bislang nicht. "Ganz im Gegenteil", freut man sich beim DSWV. "Der deutsche Sportwettenmarkt hat sein Vor-Corona-Niveau in diesem Jahr wieder erreichen können." 2020 hatte es einen kurzen Einbruch der Umsätze auf insgesamt rund 7,8 Milliarden Euro in Deutschland gegeben.

Stressig ist die WM für die Anbieter ohnehin. "Aus Sicht der Buchmacher ist die Zeit vor und während einer WM besonders arbeitsintensiv. Es treffen Mannschaften aufeinander, die sich sonst in keinem anderen Kontext begegnen, was das Erstellen von Wettquoten besonders anspruchsvoll gestaltet", heißt es von dem Verband. Aktuelles Beispiel: Ein Titelgewinn von Deutschland, das im aktuellen Ranking von Tipico auf dem 6. Platz gehandelt wird, bringen bei einem Einsatz von 10 Euro im Falle des WM-Titels 110 Euro.

In der Werbung verweisen die Anbieter gerne darauf, dass es mit sportbezogenem Wissen und Kenntnissen möglich sei, solche Ergebnisse richtig vorherzusagen und Geld zu verdienen, erklärt Steffen Otterbach, der an der Universität Hohenheim den Forschungsschwerpunkt Glücksspiel leitet. "Einige internationale Studien zeigen jedoch, dass die eigenen Fähigkeiten und die Bedeutung von Kenntnissen über Sport für den Erfolg bei Sportwetten überschätzt werden. Dadurch werden die Sportwetten besonders gefährlich." Auch die ständige Verfügbarkeit und fehlende soziale Kontrolle bei Sportwetten im Internet führe zu einem hohen Risikopotential.

Nur knapp die Hälfte der – vornehmlich männlichen – Kunden von Sportwetten weisen laut aktuellem Glückspielsurvey aus dem Jahr 2021 ein normales Spielverhalten auf. Nach Automatenspielen treten ansonsten bei Sportwetten am zweithäufigsten Probleme auf. Nahezu jeder fünfte Spieler hat demnach eine Glücksspielstörung. "Bei den TeilnehmerInnen an Live-Sportwetten beträgt der Anteil der Personen mit einer leichten bis schweren Glücksspielstörung sogar 30 Prozent", sagt Forscher Otterbach.

Der Wissenschaftler geht daher davon aus, dass das Wettspiel für Katar nicht zwingend gedämpft sein wird. "Vermutlich werden die Wetten schon deshalb stark zunehmen, weil es durch die WM mehr Wettmöglichkeiten gibt und diese durch die ständige Präsenz in den Medien mehr im Bewusstsein der Menschen sind", sagt der Experte. Aber es könne natürlich sein, dass die Kritik sich auf die Wetteinsätze auswirkt. "Die Fußball WM ist ein internationales Großereignis und der Markt für Sportwetten ist international aufgestellt", so der Glücksspielexperte. Die Chancen stehen also 50:50.

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