Wirtschaftsprüfer EY prüft eigene Aufspaltung

Infolge mehrerer Bilanzskandale steigt der Druck auf die Gesellschaften. EY geht nun als erste der "Big Four" in die Offensive und arbeitet an Plänen zur Abspaltung des immer schwieriger werdenden Prüfgeschäfts.
Neuordnung: Bei EY sollen die führenden Partner an Radikalplänen zur Umstrukturierung arbeiten

Neuordnung: Bei EY sollen die führenden Partner an Radikalplänen zur Umstrukturierung arbeiten

Foto: Frank Hoermann / Sven Simon / IMAGO

Das Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen EY prüft offenbar die eigene Aufspaltung. So soll das durch mehrere Skandale in die Kritik geratene Prüfgeschäft womöglich in eine eigene Firma ausgegliedert und auf diese Weise vom margenstarken Beratungsarm getrennt werden. Es wäre die größte Umstrukturierung eines der vier großen Wirtschaftsprüfungsunternehmen innerhalb der vergangenen zwei Jahrzehnte. Gegenüber der "Financial Times" bestätigten  mehrere Insider entsprechende Überlegungen bei EY, nachdem der Blog des australischen Investigativjournalisten Michael West darüber berichtet hatte . EY selbst kommentierte die möglichen Pläne nicht.

Eine Aufspaltung wäre ein radikaler Einschnitt in das bisherige Geschäftsmodell der großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Mit weltweit 33,6 Milliarden Euro Umsatz lag EY 2021 auf Rang drei der Branche, in Deutschland mit rund 2,1 Milliarden Euro Umsatz sogar auf Rang zwei. Allerdings waren die "Big Four", zu denen neben EY auch KPMG, Deloitte und PwC gehören, zuletzt massiv unter Druck geraten. Aufsichtsbehörden werfen den Firmen mangelnde Unabhängigkeit bei der Bilanzprüfung vor, weil sie parallel gut an den Honoraren für die Beratung ihrer Kundschaft verdienen. Eine freiwillige Aufspaltung würde Zwangsmaßnahmen also womöglich vorgreifen.

Bislang hatte EY eine Aufspaltung immer abgelehnt. Der frühere Weltchef Mark Weinberger etwa hatte solche Ideen 2018 noch scharf kritisiert. Nach diversen Skandalen – in Deutschland hängen EY vor allem die Versäumnisse im Fall Wirecard nach – hatten die staatlichen Aufsichtsbehörden zuletzt jedoch den Druck verschärft. In Großbritannien fordern die Regulatoren des FRC die Aufspaltung bis 2024. Und in den USA untersucht die Börsenaufsicht SEC mögliche Interessenkonflikte.

Faktisch spüren die Wirtschaftsprüfer die neue Realität ohnehin. Wachstumsraten und Gewinnmargen der immer stärker regulierten Prüfer können schon lange nicht mehr mit der Geschwindigkeit und den Margen mithalten, die von den Consultants vorgelegt werden. Die Folgen des Wirecard-Skandals würden die Prüfungs- und Beratungskonglomerate "nachhaltig erschüttern", sagt Dietmar Fink (55), wissenschaftlicher Direktor des Beratungsunternehmens WGMB, der vor Kurzem die neue Hierarchie der Prüfkonzerne für das manager magazin  untersucht hat. "Die Schwergewichte werden sich künftig noch viel genauer überlegen, welche Unternehmen sie prüfen und welche sie beraten wollen."

Schon heute verweigern die "Big Four" oft die Teilnahme an Ausschreibungen für Prüfmandate selbst großer Konzerne, wenn dafür lukrative Beratungsaufträge aufgegeben werden müssten. Aus diesem Grund hielt sich etwa Deloitte beim Wettbieten um das Prüfmandat der Deutschen Bank ostentativ zurück. Und der deutsche EY-Anführer Henrik Ahlers (55) ging seit dem Wirecard-Skandal bei ausgeschriebenen Prüfaufträgen in der Dax-Liga meist leer aus. Mit der Commerzbank, der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau, der Deutschen Telekom und dem Assetmanagement-Arm der Deutschen Bank, DWS, verlor EY zuletzt prominente Kundschaft.

Zahlreiche vor dem Wirecard-Kollaps gewonnene Mandate bewahrten EY in Deutschland allerdings vor sinkenden Einnahmen. Allein die 2021 erstmals testierten Abschlüsse von Volkswagen und der Deutschen Bank spülten mehr als 100 Millionen Euro in die Kasse, sodass der Umsatz der Testatsparte zuletzt sogar noch zulegte. Doch über kurz oder lang werden die Partner aus dem Consultinggeschäft murren, sollten die Prüfmillionen ausbleiben.

Nun wird den Angaben zufolge über eine Aufspaltung beraten. Die Details des Plans müssten von den leitenden Partnerinnen und Partnern auch noch ausgearbeitet werden. Die Wirtschaftsprüfer könnten als Spin-Off in eine eigene Firma ausgegliedert und vom Rest getrennt werden, heißt es. Um Unternehmensprüfungen unterstützen zu können, sollten auch Steuerexperten in diese Firma wechseln. Allerdings bräuchte es für einen solchen Schritt eine breite Zustimmung in den nationalen Mitgliedsfirmen; auch eine Partnerabstimmung wäre notwendig.

EY, das 312.000 Mitarbeitende in mehr als 150 Ländern beschäftigt, ist als Netzwerk rechtlich getrennter nationaler Mitgliedsfirmen strukturiert, die jedes Jahr eine Gebühr für ein gemeinsames Branding, Systeme und Technologien zahlen. Bis die Abspaltung wirklich vollzogen sei, könne es "viele Monate" dauern, sagte ein Insider der "Financial Times". "Wir sind uns bewusst, dass dies den Berufsstand verändern wird".

lhy