Heiner Thorborg

Wirtschaftsskandale made in Germany Warum der Fall Wirecard kein Zufall ist

Heiner Thorborg
Ein Gastkommentar von Heiner Thorborg
Ein Gastkommentar von Heiner Thorborg

Ob Abgasskandal bei VW, Bilanzskandal bei Wirecard oder der Corona-Skandal beim Großschlachter Tönnies - das Versagen von Unternehmen und Institutionen in Deutschland ist groß.

Wirecard: Das volle Ausmaß des Skandals wird wohl erst in den kommenden Wochen klar werden

Wirecard: Das volle Ausmaß des Skandals wird wohl erst in den kommenden Wochen klar werden

Foto: DADO RUVIC/ REUTERS

"Why the Germans do it better" lautet der Titel eines neuen Buchs von John Kampfner, einem in Oxford ausgebildeten Redakteur und Journalisten, der beispielsweise für die "Times" oder den "New European" schreibt. Offenbar glaubt das angelsächsische Ausland noch immer unserer Werbung von deutscher Intelligenz und Qualität: Vorsprung durch Technik. Doch der Erscheinungstermin für dieses Buch ist denkbar schlecht gewählt, sind doch mit Volkswagen und Wirecard zwei der größten Wirtschaftsskandale der vergangenen Jahre made in Germany.

Arroganz und Selbstüberschätzung 

Wer an Führungsgestalten wie Boris Johnson und Donald Trump gewöhnt ist, muss Angela Merkel Respekt erweisen, das ist verständlich. Weniger nachvollziehbar ist, dass die Leute in den deutschen Bel Etagen inzwischen an die eigene PR glauben und von der deutschen Überlegenheit tatsächlich überzeugt sind. So kommentierte Felix Hufeld, Chef der Finanzaufsicht BaFin, den Fall Wirecard mit den Worten: "Es ist eine Schande". Er sei entsetzt, dass so etwas passieren konnte in einem Land wie Deutschland, das für Qualität und Zuverlässigkeit stehe. "Das ist ein komplettes Desaster." 

Ein Desaster in der Tat. Vor allem aber, weil aus der Aussage "in einem Land wie Deutschland, das für Qualität und Zuverlässigkeit steht" genau die Selbstgefälligkeit spricht, aus der das Problem entstanden ist. Wir fühlen uns überlegen und zeigen lieber mit dem Finger auf andere, als daheim aufzuräumen: Die Griechen sind faul und hätten erst gar nicht in die EU gedurft, die Italiener mit ihren ewigen Regierungswechseln sind sowieso Chaoten, die Chinesen Umweltvernichter, die Spanier haben keine Ahnung, wie man Corona in den Griff bekommt, und die Wähler von London über Warschau bis Washington sind Idioten. Und wenn es bei Wirecard klemmt, sind Short-Seller aus dem Ausland schuld. Wer denn sonst? Ein Fall wie Enron bei uns ? Niemals! 

Unglaubliches Ausmaß des Versagens 

Für Volkswagen war das Flensburger Kraftfahrt-Bundesamt eine reine Drive-through-Einrichtung, wenn es darum ging, manipulierte Fahrzeuge auf den Markt zu bringen. Das ist aber nur eine Seite der Fakten. Die andere ist: Bundesregierung, KBA und Bundesumweltamt hatten weit vor dem Skandal bereits deutliche Hinweise auf den Einsatz von Abschalteinrichtungen. Die Deutsche Umwelthilfe verwies bereits zehn Jahre vor dem Skandal auf Testergebnisse, die ein "ausgeprägtes Eigenleben" der Autos bewiesen: Die Wagen würden erkennen, wann sie sich auf dem Prüfstand befänden, und dann umschalten in einen besonders spritsparenden Modus. Allerdings fehlte den KBA-Prüfern offenbar das Mandat, sich mit VW und Co. anzulegen. Es gibt Belege für die These, dass der damalige Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt immer nur darauf aus war, die Autoindustrie zu schützen nach dem Motto: Deutsche Autos sind die besten der Welt, das weiß doch jeder! 

Den Fall Wirecard hat nicht etwa die BaFin ins Rollen gebracht, sondern die "Financial Times", der schon vor 18 Monaten klar war, dass große Teile des Zahlungsdienstleisters womöglich auf Sand gebaut sind - übrigens lange nach den ersten dokumentierten Zweifeln an Wirecards Bilanzierungsmethoden. Die stammen aus dem Jahr 2008. Seither reagierte Wirecard immer gleich auf unliebsame Fragen: Die Kritiker würden Insiderhandel treiben, in die eigene Tasche wirtschaften und zu diesem Zweck mit den Hedgefonds zusammenarbeiten. Die Behörden glaubten diese Mär der Aschheimer regelmäßig und fingen an, die Whistleblower zu untersuchen, nicht aber die Wirecard-Bilanzen. Motto: Deutsche Wirtschaftsprüfer machen keine Fehler! Dabei liegt die Vermutung nahe, dass das unglaubliche Ausmaß des Versagens der Herrschaften in dem Dax-Unternehmen und seinem Umfeld erst in den kommenden Tagen und Wochen klar werden wird. 

Bewusstes Wegschauen der Behörden 

Und last but not least: der Fall Tönnies. Das Elend der Schlachttiere in Deutschland ist lange bekannt, Ekelfleischskandale gab es zuhauf, genauso wie Versuche, die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter in der Fleischindustrie anzuprangern. Die Gier der Verantwortlichen bei Tönnies und Co. ist aber nur eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass es die Corona-Fälle braucht, bis die Behörden die widerliche Ausbeutung von Mensch und Tier zur Kenntnis nehmen. Diese Probleme hätten sich längst mit humaneren Gesetzen regeln lassen, doch die zuständige Weinexpertin im Landwirtschaftsministerium weigert sich genauso wie mindestens ein Dutzend ihrer Vorgänger, das Richtige zu tun. Grausamkeit in Deutschland? Kann nicht sein, haben wir 1945 abgeschafft. 

Dumm, faul und gierig sind immer nur die anderen, denkt sich der deutsche Michel, arrogant bis ins Mark. Ein dritter Mega-Skandal made in Germany ist wohl nur eine Frage der Zeit, solange in Deutschland in vielen Unternehmen, Behörden und Ministerien mit der selbstgefälligen Haltung gearbeitet wird, dass immer nur die anderen Fehler machen. The Germans do it better? Von wegen.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.