Wirecard-Skandal Staatsanwaltschaft verlangt von Moskau Auslieferung von Marsalek

Die deutsche Justiz hat sich mit einem Rechtshilfeersuchen an die russische Regierung gewandt. Die Ermittler fordern die Auslieferung des ehemaligen Wirecard-Managers Jan Marsalek. Dass dieser in Moskau untergetaucht ist, haben die Staatsanwälte offenbar erst jetzt erfahren.
Auf der Flucht: Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek soll in Moskau unter dem Schutz des russischen Geheimdienstes stehen

Auf der Flucht: Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek soll in Moskau unter dem Schutz des russischen Geheimdienstes stehen

Foto: Frank Hoermann; Sven Simon / imago images

Die deutsche Justiz hat im Fall des flüchtigen Ex-Wirecard-Vorstands Jan Marsalek (42) offenbar ein Rechtshilfeersuchen an die russische Regierung gestellt. Ziel sei Marsaleks Auslieferung, berichtet die "Bild"-Zeitung (Dienstag) unter Berufung auf Regierungskreise.

Demzufolge habe die Staatsanwaltschaft München vor Ostern an den Kreml ein Inhaftnahmeersuchen geschickt. Darin verlangten die Ermittler von der russischen Justiz, den seit zwei Jahren weltweit gesuchten Marsalek aus einem vom russischen Geheimdienst FSB bereitgestellten Versteck in Moskau zu holen, in Haft zu nehmen und an Deutschland auszuliefern. Das Ersuchen enthalte Marsaleks genauen Fluchtort aus dem Januar 2021. Die Staatsanwaltschaft München I teilte auf Anfrage mit, man könne sich nicht zu Maßnahmen der internationalen Rechtshilfe äußern.

Die "Bild"-Zeitung hatte vor einer Woche berichtet, dass Marsalek in Moskau untergetaucht sei. Demnach soll dieser Aufenthaltsort des früheren Wirecard-Vorstands dem Bundesnachrichtendienst (BND) und dem Bundeskanzleramt bereits seit vergangenem Jahr bekannt gewesen sein. Die deutsche Botschaft in Moskau erfuhr damals laut "Bild", dass ein Förderer der dortigen deutschen Schule ominöse Geschäfte betrieben habe. Der Mann soll mit dem russischen Impfstoff Sputnik V gehandelt, mit einer paramilitärischen Söldnertruppe in Verbindung gestanden und über beste Kontakte nach Österreich verfügt haben - laut "Bild" handelte es sich bei dem Mann um Marsalek. Die Münchener Ermittler seien aber nicht eingeweiht worden, sondern seien erst durch die Enthüllungen der Zeitung auf Marsaleks Aufenthaltsort aufmerksam geworden.

Zwei Münchner Staatsanwälte seien daraufhin am vergangenen Dienstag nach Berlin gereist, um in der BND-Zentrale die geheimen Marsalek-Akten einzusehen, schreibt das Blatt. Darunter befänden sich ein BND-Bericht aus Moskau und ein weiteres Dokument, das beweise, dass der BND das Kanzleramt über den Fluchtort des Betrügers informiert hatte. Auch ein vormaliges Angebot der Russen, dass die deutschen Ermittler Marsalek verhören dürften, befinde sich in diesen Akten.

Die Chefetage des Finanzdienstleisters Wirecard soll über Jahre hinweg Scheingeschäfte in Milliardenhöhe verbucht haben, um das damals im Dax gelistete Unternehmen über Wasser zu halten und Kredite zu erschwindeln. Das Unternehmen erklärte sich am 25. Juni 2020 für insolvent.

Die Staatsanwaltschaft München I hat Mitte März Anklage gegen Ex-Wirecard-Chef Markus Braun (53) erhoben. Die Ermittler werfen ihm und weiteren ehemaligen Wirecard-Managern Bilanzfälschung, Marktmanipulation, Untreue und gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor. Braun sitzt seit Juli 2020 in Untersuchungshaft und weist die Vorwürfe zurück. Er sieht sich als Opfer seines Vorstandskollegen und Vertrauten Marsalek.

mg/Reuters, AFP