Vor Prozessbeginn Ex-Chef-Buchhalter von Wirecard gibt Dokumentenfälschung zu

Der ehemalige Chef-Buchhalter von Wirecard hat gestanden, Dokumente für eine KPMG-Sonderprüfung gefälscht zu haben. Stephan von Erffa sagt, die gefälschte Zahlungsgenehmigung sei ein Einzelfall gewesen.
Dokumente gefälscht: Top-Buchhalter Stephan von Erffa erstellte für eine Sonderprüfung durch KPMG eine rückdatierte E-Mail und ein gefälschtes Autorisierungsformular

Dokumente gefälscht: Top-Buchhalter Stephan von Erffa erstellte für eine Sonderprüfung durch KPMG eine rückdatierte E-Mail und ein gefälschtes Autorisierungsformular

Foto: Liesa Johannssen / Bloomberg via Getty Images

Vor Prozessbeginn hat der ehemalige Chef-Buchhalter von Wirecard, Stephan von Erffa (47), zugegeben, Dokumente gefälscht zu haben, die von KPMG im Rahmen einer Sonderprüfung angefordert wurden. Das berichtet die Financial Times  mit Verweis auf Personen, die mit der Angelegenheit vertraut sind. Von Erffa ist einer von drei Angeklagten in einem Verfahren, das die Münchner Staatsanwaltschaft wegen des spektakulären Niedergangs eines der erfolgreichsten deutschen Technologieunternehmen angestrengt hat.

Der 47-Jährige ist der erste leitende Angestellte von Wirecard, der ein Fehlverhalten einräumt, seit Oliver Bellenhaus, früher Chef der Dubai-Tochter, sich im Juli 2020 den Behörden stellte und als Kronzeuge der Staatsanwaltschaft auftrat.

Wirecard war im Juni 2020 in die Insolvenz gestürzt, nachdem das Unternehmen zugegeben hatte, dass die Hälfte seiner angegebenen Umsätze und 1,9 Milliarden Euro an Firmengeldern, die angeblich auf Treuhandkonten in Asien lagen, nicht existierten. Neben von Erffa und Bellenhaus wurde auch der ehemalige Vorstandsvorsitzende Markus Braun (53) wegen Betrugs, Untreue und Marktmanipulation angeklagt. Braun bestreitet ein Fehlverhalten. Allen drei ehemaligen Wirecard-Managern wird noch in diesem Jahr der Prozess gemacht.

Von Erffa bestritt zunächst jede Verwicklung

Von Erffa bestritt jegliche Verwicklung in den umfassenden Betrug und beschuldigte im vergangenen Jahr den flüchtigen stellvertretenden Wirecard-Chef Jan Marsalek (42). Bei den polizeilichen Ermittlungen wurden jedoch Beweise dafür gefunden, dass von Erffa Anfang 2020 Dokumente fälschte, die dann an die Wirtschaftsprüfer von KPMG und EY weitergegeben wurden.

Die Dokumente standen im Zusammenhang mit einer 50-Millionen-Euro-Zahlung, die Wirecard 2018 erhalten hatte. Sie stammten angeblich von einem der asiatischen Treuhandkonten und wurden von einem Treuhänder auf Geheiß von Erffas überwiesen. Ein Jahr nach der Zahlung untersuchte KPMG im Rahmen einer Sonderprüfung die Bücher von Wirecard. Die forensischen Prüfer von KPMG wollten dabei von Erffas Zahlungsermächtigung für die Überweisung sehen. Da ein solches Dokument nicht existierte, beschloss der Top-Buchhalter, eines zu fabrizieren, wie er den Staatsanwälten mitteilte. Von Erffa erstellte dazu eine rückdatierte E-Mail und ein gefälschtes "Treuhandanfrage-/Autorisierungsformular". Beide wurden von der Financial Times eingesehen.

Von Erffa erklärte gegenüber der Staatsanwaltschaft, dass es sich bei der Fälschung um einen Einzelfall handele. Er sagte, die Transaktion selbst sei echt gewesen und er habe ein Dokument erstellt, um sie zu belegen. Als Grund nannte er den immensen Druck von KPMG, Beweise zu liefern. Er betonte, dass er nicht bereit gewesen sei, Dokumente zu fälschen, um die Konten des Unternehmens zu frisieren.

Der Zusammenbruch von Wirecard, das in der Spitze mit mehr als 24 Milliarden Euro bewertet wurde, hat die deutsche Finanz- und Politikelite erschüttert. Wirecards langjähriger Wirtschaftsprüfer EY erkannte den Betrug jahrelang nicht, während die deutsche Finanzaufsicht Bafin Wirecard vor Leerverkäufern schützte und Staatsanwälte gegen kritische Journalisten vorgingen. OCBC, die singapurische Bank, die angeblich die Treuhandkonten führte, teilte dem Verwalter von Wirecard nach dessen Zusammenbruch mit, dass sie nie erhebliche Bargeldbeträge im Namen des Treuhänders gehalten habe und dass einige der angegebenen Konten überhaupt nicht existierten.

Die Münchner Staatsanwaltschaft und ein Anwalt von Erffas lehnten eine Stellungnahme ab.

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