Bilanzskandal Wirecard-Kronzeuge verschwieg Millionen

Oliver B. ist der Kronzeuge der Staatsanwaltschaft im Fall Wirecard. mm-Recherchen zeigen nun: Dass er selbst von schwarzen Kassen profitierte, hielt der Mann lange vor den Ermittlern geheim.
Höhenrausch über dem Nebel: Aus seinem Apartment im welthöchsten Gebäude Burj Khalifa in Dubai steuerte Oliver B. die Wirecard-(Schein-)Partnerfirmen Al Alam

Höhenrausch über dem Nebel: Aus seinem Apartment im welthöchsten Gebäude Burj Khalifa in Dubai steuerte Oliver B. die Wirecard-(Schein-)Partnerfirmen Al Alam

Foto: Kamran Jebreili / AP

Der Kronzeuge der Staatsanwaltschaft im Wirecard-Skandal ist offensichtlich deutlich stärker in betrügerische Geldgeschäfte verwickelt als bislang bekannt. Nach Informationen von manager magazin hat Oliver B., der einstige Dubai-Statthalter Wirecards, Millionen von dem inzwischen zusammengebrochenen Dax-Konzern abgezweigt, diese als eine Art Prämie für die eigene Arbeit eingestrichen und auf ein Konto bei einer Liechtensteiner Stiftung transferiert. Nach mm-Informationen lagern bei der "Levantine Foundation" von Oliver B. 6,1 Millionen Euro. Knapp fünf Millionen Euro stammen demnach aus dem Asien-Geschäft des Unternehmens.

Die geheimen Geldflüsse hat er Insidern zufolge in einer Stellungnahme seines Verteidigers an die Staatsanwaltschaft Ende 2020 selbst eingeräumt, nachdem die Stiftung bekannt geworden war. In seinen Vernehmungen im Sommer vergangenen Jahres hatte er offenbar nichts davon erwähnt.

Oliver B. hatte sich Anfang Juli den Ermittlungsbehörden gestellt und als Kronzeuge angeboten, wenige Wochen nach der Insolvenz des Zahlungsanbieters. Was er über den mutmaßlichen Betrug enthüllte, führte zu einer Ausweitung der Ermittlungen und zu weiteren Festnahmen. Auf seinen Aussagen basieren die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft – allen voran gewerbsmäßiger Bandenbetrug, Untreue und Marktmanipulation. Demnach sollen Vorstandschef Markus Braun (52) und weitere Topmanager des Konzerns die Geschäfte mit den Partnerunternehmen vorgetäuscht haben, um so Umsätze und Gewinne aufzublähen. Das Unternehmen sollte erfolgreicher und finanzkräftiger erscheinen, um sich so von Banken sowie Investoren Milliarden zu erschleichen.

Die jüngsten, bislang geheim gehaltenen Aussagen von Oliver B. zur Herkunft seines Stiftungsgeldes lassen einiges davon allerdings in einem etwas anderen Licht erscheinen. Demnach war das Drittpartnergeschäft möglicherweise nicht komplett vorgetäuscht, sondern existierte in einem bisher nicht gekannten Umfang, so dass der einstige Wirecard-Manager Teile davon verschwinden lassen konnte. Und die Manipulationen der Bilanz dienten möglicherweise eher dazu, veruntreute Gelder zu verschleiern.

Oliver B. ist vor gut 16 Jahren zur Wirecard Bank gestoßen, fast zehn Jahre später ging er für den Mutterkonzern nach Dubai. Der 46-Jährige arbeitete dort an der Schnittstelle zwischen Wirecard und den sogenannten Drittpartnern. Das waren Unternehmen, die Zahlungen für den Aschheimer Dienstleister hauptsächlich in asiatischen Ländern abwickelten, wo dieser keine eigene Lizenz für solche Geschäft besaß. Von diesen Partnerfirmen stammte angeblich der Großteil der Wirecard-Gewinne.

Nach mm-Informationen hat Oliver B. vor etwa sieben Jahren Jahren im Auftrag von Jan Marsalek (41), dem für das operative Geschäft zuständigen Wirecard-Vorstand, eine Firma auf den Britischen Jungferninseln gegründet. Diese habe er "Al Alam Solution" genannt und damit so ähnlich wie einen Drittpartner, mit dem Wirecard eigenen Angaben zufolge wirklich zusammengearbeitet haben soll. Dieser hieß "Al Alam Solution Provider".

Das Ziel dahinter beschrieb Oliver B. angeblich so: Von der zweiten Al Alam Solution sollten Zahlungen als Al Alam vorgenommen werden. Auf diese Weise sollte die ursprüngliche Herkunft dieser Gelder gegenüber Wirtschaftsprüfern getarnt werden. Zunächst sollte also auf dem Konto der zweiten Al Alam ein Guthaben aus Geldern von Drittpartnern entstehen, mit dem das eigentliche Drittpartnergeschäft nach Bedarf hätte aufgepumpt werden können. Man wollte also offenbar die Größe dieser Erträge besser steuern können. Oliver B. soll das als eine Art Sparschwein beschrieben haben.

2015 füllte sich diese Rücklage innerhalb weniger Wochen mit knapp 5 Millionen Euro. Etwa ein Jahr später verabredeten Oliver B. und Marsalek, der seit vergangenem Jahr von Interpol gesucht wird, jedoch einen anderen Zweck dieser Gelder: Oliver B. habe sich angesichts seines Engagements für Wirecard und für andere Mitbeschuldigte unterbezahlt gefühlt. Marsalek habe ihm daher das Sparschwein als eine Art Prämie für seine bis dahin geleistete Arbeit und für künftiges Engagement zugesprochen. Später landeten die Gelder auf Konten der Liechtenstein-Stiftung "Levantine Foundation". Die Summe dort hat sich nach und nach durch weitere Einzahlungen des einstigen Wirecard-Managers erhöht und durch Kapitalerträge, die er durch das Stiftungsvermögen erwirtschaftet hat.

Nach mm-Informationen hat Oliver B. inzwischen eingeräumt: Er habe sich kaufen lassen. Marsalek habe ihn zudem immer wieder daran erinnert, dass es kein Entrinnen mehr gebe, wenn man einmal Teil des gesamten Systems geworden sei.

Die ursprüngliche Idee, Rücklagen auf Offshore-Konten zu bilden, um damit Umsätze aufzublähen, soll Marsalek bereits 2010 entwickelt haben. Damals landeten dort allerdings kleinere Beträge, die zudem unangetastet geblieben seien, wie Oliver B. informierten Kreisen zufolge gegenüber der Staatsanwaltschaft gesagt hat.

Einige Details des Schattensystems sind im Wirecard-Untersuchungsausschuss Ende vergangener Woche kurz aufgekommen. Es ist unklar, wie viel Geld auf diese Art und Weise aus Wirecard-Geschäften insgesamt abgezogen wurde und wer genau am Ende davon profitierte.

Der Verteidiger von Oliver B. lehnte einen Kommentar mit Hinweis auf das laufende Verfahren ab.

Der Verteidiger von Jan Marsalek wollte sich auf Anfrage von manager magazin nicht äußern.

Die Anwältin des ehemaligen Wirecard-Chefs Markus Braun, der alle Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zurückweist, teilte mit: Braun habe keine Kenntnis von wie auch immer gearteten Schattenstrukturen und habe auch nicht davon profitiert. Gleiches gelte für Veruntreuungen über solche Strukturen. Die Staatsanwaltschaft werde den Verbleib der Gelder von Aktionären und Investoren, so die Anwältin, umfassend aufzuklären haben.

Die Münchener Staatsanwaltschaft wollte die Stellungnahme von B. mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht kommentieren.

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