Gläubigerversammlung in München Wirecard-Gläubiger fordern 12,4 Milliarden Euro

Im Münchener Löwenbräukeller haben sich zwar nur einige Dutzend Gläubiger von Wirecard versammelt. Insgesamt fordern aber 11.500 Betroffene ihren Anteil - die Insolvenz ist viermal so groß wie die von Galeria Karstadt Kaufhof.
Fest für Anwälte: Andrang vor dem Münchener Löwenbräukeller vor der Gläubigerversammlung am Mittwoch

Fest für Anwälte: Andrang vor dem Münchener Löwenbräukeller vor der Gläubigerversammlung am Mittwoch

Foto: Sven Hoppe / dpa

Nach dem Zusammenbruch des Skandalkonzerns Wirecard haben gut 11.500 Gläubiger des insolventen Zahlungsdienstleisters Forderungen in Höhe von über 12 Milliarden Euro angemeldet. Das teilte das Münchner Amtsgericht am Mittwoch nach der ersten Gläubigerversammlung mit.

Damit übersteigen die angemeldeten Forderungen die bisher erzielten Erlöse bei der Abwicklung des Konzerns erwartungsgemäß um ein Vielfaches. Die sehr hohe Summe von gut 12,4 Milliarden Euro erklärt sich daraus, dass neben geschädigten Banken, Investoren und Geschäftspartnern auch viele Aktionäre Schadenersatzforderungen angemeldet haben.

Das einst als deutsche Technologiehoffnung gehandelte Unternehmen nimmt damit auch in dieser Hinsicht eine negative Ausnahmestellung ein: Nach Berechnungen der Auskunftei Creditreform gab es 2019 in Deutschland 19.400 Firmeninsolvenzen, die durchschnittliche Schadensumme für die Gläubiger lag demnach bei 856.000 Euro.

Als bislang größte Insolvenz des Jahres galt die des Handelskonzerns Galeria Karstadt Kaufhof mit Forderungen von drei Milliarden Euro, die mit dem im September beschlossenen Sanierungsplan zu einem Viertel befriedigt wurden. Inzwischen ist der Kaufhausbetreiber jedoch schon wieder in Turbulenzen .

Weitere Versammlungen für die sechs insolventen Tochterfirmen

Die Wirecard-Gläubiger und ihre Anwälte hoffen, dass ihnen der Insolvenzverwalter Michael Jaffé (57) zumindest einen Teil der verlorenen Milliarden in absehbarer Zeit zurückerstattet: "Ich habe Verfahren erlebt mit 14, mit 18, sogar mit 20 Jahren", sagte der Münchener Rechtsanwalt Peter Mattil, der geschädigte Aktionäre vertritt. "Aber wenn ein Vermögen da ist, das auf die Gläubiger verteilt werden kann, das kann schon nach zwei oder drei Jahren passieren."

Die Hauptfrage der Gläubiger: Mit wie viel Geld können sie rechnen? "Die Quote kann man heute schwer einschätzen", sagte Mattil dazu. Nach Angaben aus Finanzkreisen hat Wirecard-Insolvenzverwalter Jaffé bislang mit dem Verkauf von Unternehmensteilen und Technologie etwa eine halbe Milliarde Euro erlöst. Am Montagabend meldete Jaffé den Verkauf des verbliebenen Kerngeschäfts an die spanische Großbank Santander. Weitere Verkäufe sind geplant, doch es gilt als ausgeschlossen, dass der Insolvenzverwalter die verlorenen Milliarden komplett zurückholt.

Persönlich erschienen zu der Versammlung im Münchner Löwenbräukeller lediglich 74 Teilnehmer, darunter Anwälte wie Mattil, die die Ansprüche zahlreicher Gläubiger gebündelt vertreten. Das Amtsgericht hat insgesamt sieben Gläubigerversammlungen einberufen, die zwei Tage dauern sollen. Neben der Muttergesellschaft Wirecard AG sind auch sechs Tochtergesellschaften insolvent, für jede Gesellschaft ist eine eigene Gläubigerversammlung angesetzt.

Bei großen Betrugsfällen dürfen auch Aktionäre fordern

Der ehemalige Dax-Konzern hatte im Juni nach dem Eingeständnis von Phantomgeschäften Insolvenz angemeldet, allein Banken und Investoren haben nach Berechnungen der Münchner Staatsanwaltschaft mehr als drei Milliarden Euro verloren. Die Münchner Staatsanwaltschaft wirft Ex-Vorstandschef Markus Braun (51) und seinen Mitbeschuldigten gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor.

Neben den Verlusten der kreditgebenden Banken und Investoren, Lieferanten und anderer Geschäftspartner stehen die ungleich höheren Kursverluste der Wirecard-Aktie : Das Unternehmen war bei der Aufnahme in den Dax im September 2018 an der Frankfurter Börse mehr als 23 Milliarden Euro wert, nach der Insolvenz und dem Kurssturz waren es dann weniger als 100 Millionen. Das hat neben institutionellen Anlegern auch sehr viele Kleinaktionäre getroffen.

Aktionäre sind rechtlich betrachtet keine Gläubiger eines insolventen Unternehmens, sondern Gesellschafter - als solche gehen sie bei Insolvenzverfahren in der Regel leer aus. Erst wenn die Forderungen der Fremdkapitalgeber befriedigt sind, dürfen sich auch die Eigenkapitalgeber melden.

Wenn es sich jedoch wie bei Wirecard um einen großen Betrugsfall handelt, können Aktionäre ihre Schadenersatzforderungen beim Insolvenzverwalter anmelden, wie ein Sprecher der Anlegergemeinschaft DSW in Düsseldorf sagte. Doch auch die DSW betont, dass eine Prognose zur Höhe der möglichen Rückzahlungen nicht möglich sei.

Wirtschaftsprüfer dürfen vor Untersuchungsausschuss aussagen

Auch an diesem Donnerstag wird der Wirecard-Skandal wieder im Fokus stehen: Der seit dem Sommer in Untersuchungshaft sitzende frühere Vorstandschef Braun soll vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags aussagen. Entgegen seinem Willen muss der in Augsburg inhaftierte Manager persönlich in Berlin erscheinen. Die leitende Staatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl schickte drastische Warnungen vor dem Österreicher voraus, den sie als Drahtzieher einer eingeschworenen Bande betrachtet.

Vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss können die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young wie auch von KPMG ohne Auflagen aussagen. Insolvenzverwalter Michael Jaffé entband fünf namentlich genannte Vertreter der Beratungsunternehmen von ihrer Verschwiegenheitspflicht, wie aus einem Reuters am Mittwoch vorliegenden Schreiben an den Bundestagsausschuss hervorgeht.

SPD-Politikerin Cansel Kiziltepe (45) begrüßte dies. Die Wirtschaftsprüfer müssten zur Aufklärung des Skandals beitragen, sagte Kiziltepe zu Reuters: "Insbesondere EY muss darlegen, warum sie 1,9 Milliarden Euro nicht existierendes Cash bestätigt haben. Das große Schweigen muss jetzt enden."

ak/dpa-afx/reuters
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