Wirecard-Untersuchungsausschuss Warten auf ein Mea Culpa

Die Wirtschaftsprüfer von EY hatten ihren großen Auftritt im Wirecard-Untersuchungsausschuss. Die Manager wanden sich vor den Parlamentariern aus der Verantwortung.
Aus Berlin berichtet Katharina Slodczyk
Material für den Ausschuss: Aktenordner des Linken-Abgeordneten Fabio De Masi am Freitag im Bundestag

Material für den Ausschuss: Aktenordner des Linken-Abgeordneten Fabio De Masi am Freitag im Bundestag

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Fast sieben Stunden hat sich Christian Orth (51) an diesem Freitag vor Abgeordneten im Wirecard-Untersuchungsausschuss erklärt. Der Manager der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, der jahrelang die Betrügereien des Konzerns entgingen, hat belehrt, argumentiert und beschwichtigt. Stets mit der gleichen konzilianten Stimme, mit der man Leuten Nachhilfe gibt, die einfach die Feinheiten des Metiers nicht verstehen.

Nur an einer Stelle ist es kurz vorbei mit der Liebenswürdigkeit – bei der Frage, ob EY denn Wirecard zum Abbruch der KPMG-Sonderprüfung gedrängt habe, die ein Milliardenloch in der Konzernbilanz offenbarte: "Klares Nein – alles andere ist unzutreffend", betont Orth und schiebt irgendwann noch ein leiseres "aus meiner Wahrnehmung" hinterher.

EY wehrt sich damit gegen eine Ungeheuerlichkeit, die am Tag zuvor der ehemalige Wirecard-Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann (55) dem Untersuchungsausschuss gleich mehrfach berichtete und was er im Juni 2020 auch schriftlich festhalten ließ. Demnach hat EY signalisiert, es könnte das grüne Licht von EY für den Wirecard-Jahresabschluss 2019 womöglich wahrscheinlicher machen, wenn KPMG seine Untersuchung stoppt – zumindest vorübergehend.

Orth gelingt es nicht, die Zweifel auszuräumen, so energisch er auch widerspricht. Er schafft es genauso wenig, die Abgeordneten davon zu überzeugen, dass EY stets alles tat, um Fragwürdigkeiten bei Wirecard auf den Grund zu gehen. "Was uns vorgelegt wurde, war häufig gefälscht, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat", verteidigt sich Orth. Die Wirtschaftsprüfer seien Opfer krimineller Handlungen.

Den Abgeordneten platzt der Kragen

Dieselben Töne schlägt der scheidende EY-Deutschland-Chef Hubert Barth (52) im Untersuchungsausschuss an – bis den Abgeordneten wiederholt der Kragen platzt. Es könne nicht sein, dass alle immer alles richtig gemacht hätten und man dennoch mit Wirecard den größten Betrugsfall der Nachkriegsgeschichte erlebe, kritisiert etwa der SPD-Finanzpolitiker Jens Zimmermann (39).

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Die Abgeordneten warten vergeblich auf ein Mea Culpa. Stattdessen viel Pathos: "Wir wollen gemeinsam aufklären, dass die Dinge künftig noch besser gemacht werden", sagt Barth, "selbst wenn ich mir persönlich nichts vorzuwerfen habe, ich habe bei EY die politische Verantwortung zu tragen." Daher werde er zum 1. April als Deutschlandchef zurücktreten und einen neuen Job im EY-Europageschäft antreten. Matthias Hauer (42), CDU-Obmann im Untersuchungsausschuss, fasst Barths Auftritt schließlich so zusammen: "Viel Eigenlob, keine Selbstkritik."

EY hat ab 2009 Wirecard-Bilanzen geprüft und im vergangenen Jahr zum ersten Mal das Testat verweigert. Zuvor hatten die KPMG-Sonderprüfer knapp 2 Milliarden Euro nicht finden können – Geld, das auf Treuhandkonten in Singapur lagern und aus dem angeblich so wachstumsstarken und gewinnträchtigen Asiengeschäft des Unternehmens stammen sollte. Es führte zum Untergang des einstigen Dax-Konzerns – und zu einer Blamage für Analysten und Bankaufseher sowie für schmerzhafte Verluste bei Anlegern. Ihre Gemeinsamkeit: Sie haben sich auf die uneingeschränkten Testate der Wirtschaftsprüfer verlassen, die Jahr für Jahr kamen.

Widerspruch zu anderen Zeugen

Orth flüchtet sich teilweise in sehr formale Argumente, um keinesfalls Versagen zuzugeben. Warum sich die EY-Prüfer denn mit Nachweisen von Treuhändern für die Milliarden im Asien zufrieden gegeben und nicht Dokumente der Banken angefordert hätten, wo das Geld angeblich lag? "Das ist nicht die Praxis gewesen, dass Bankbestätigungen nötig gewesen wären."

Teilweise widersprechen Orths Argumente anderen Zeugen. Wie EY denn die Existenz des Asiengeschäfts geprüft, das Wirecard über Partnerfirmen abwickelte, und die Höhe der Summen, die auf die Treuhandkonten überwiesen werden mussten? Das Prüfungsteam von EY habe entsprechende Unterlagen, es gebe Arbeitspapiere, die werde man den Ausschussmitgliedern nachliefern, falls sie nicht schon vorlägen, verspricht Orth.

Noch am Vortag hat Daniel Steinhoff (38), ehemaliger Wirecard-Compliancechef, im Untersuchungsausschuss ein ganz anderes Bild gezeichnet. Steinhoff hat im Auftrag des Wirecard-Insolvenzverwalters Michael Jaffé (57) in den vergangenen Monaten nach Belegen für die Existenz dieses Partnergeschäfts gesucht und nichts gefunden: "Wir haben keine Strukturen und keine Ansprechpartner im Unternehmen für das Geschäft identifizieren können, keine Kommunikation, keine Preislisten, keine Händlerprüfung, keine Risikoanalyse, die sich mit möglichen Ausfällen beschäftigt hätte." Und weiter: "Nach der Insolvenz hat sich keiner gemeldet, kein Händler und kein Partner, dem etwas gefehlt hätte."

Orth berichtet ebenfalls von dem schieren Unglauben, mit dem der ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun (52) auf den fehlenden Milliardenbetrag reagierte: "Herr Orth, sie glauben doch nicht, dass ich mir 2 Milliarden Euro stehlen lasse." Bei dem EY-Manager selbst setzte das Misstrauen ein paar Monate früher ein. Als er Anfang 2020 erfahren habe, dass Wirecard seine Treuhandkonten aus dem stärker regulierten Singapur auf die Philippinen verlegt habe, "da ging bei mir der Feueralarm an".

Damit sich ein solcher Betrugsfall nicht wiederholt, hat die Bundesregierung eine Reform auf den Weg gebracht. Der Gesetzesentwurf sieht unter anderem vor: Wirtschaftsprüfer sollen künftig deutlich stärker haften. Und wer Bilanzen von Unternehmen prüft, soll diese nicht mehr gleichzeitig beraten dürfen.

Das müsse konseqent durchgesetzt werden, fordert SPD-Finanzpolitiker Cansel Kiziltepe (45). Auch wenn EY einen Zusammenhang zwischen Prüf- und Beratungsmandaten leugne, es bleibe ein fader Nachgeschmack. "Denn immer wenn es brenzlig wurde und EY überlegte, sein Wirecard-Mandat niederzulegen", so die Abgeordnete, "gab es lukrative Beraterverträge und am Ende wieder ein lupenreines Testat." Nur eine konsequente Trennung zwischen Beratung und Prüfung könne das verhindern.

slo
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