Ex-Wirecard-Aufsichtsrätin Tina Kleingarn Die Prophetin

Aussagen einer ehemaligen Wirecard-Aufsichtsrätin könnten Markus Braun gefährlich werden. Tina Kleingarn lieferte dem Untersuchungsausschuss des Bundestags als einzige aufschlussreiche Informationen.
Don't believe the hype: Wirecard-Hauptversammlung im Sommer 2019

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Peter Kneffel/ picture alliance/dpa

Im März 2017 haben sie sich zu einem Vier-Augen-Gespräch in der Münchener Käfer-Schänke getroffen: der damalige Wirecard-Chef Markus Braun (51) und Tina Kleingarn (47), die in der Zeit im Kontrollgremium des Konzerns saß. "Meine Aufwärmphase als Aufsichtsratsmitglied war da vorbei und der CEO sehr an meinen Einschätzungen interessiert", erzählt Kleingarn mehr als dreieinhalb Jahre später, im November 2020, vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss im Bundestag. Sie habe die Gelegenheit genutzt, um mit Braun vor allem all das zu bereden, was bei Wirecard aus ihrer Sicht im Argen lag – dass beispielsweise Informationen über Kreditbürgschaften für Firmen, mit denen Wirecard zusammengearbeitet habe, mangelhaft gewesen seien, dass Zukäufe amateurhaft abliefen, dass es mühsam bis unmöglich gewesen sei, als Aufsichtsratsmitglied seine Arbeit zu machen und den Vorstand zu kontrollieren. Das Ergebnis: Braun habe sich für die Vorschläge offen gezeigt. "Die Umsetzung war am Ende aber nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe."

Es ist eine von vielen Episoden, die die ehemalige Goldman-Sachs-Bankerin am Donnerstag den Mitgliedern des Untersuchungsausschusses erzählte. Doch vor allem das, was Kleingarn über ihr Vier-Augen-Gespräch mit Braun berichtete, hat das Zeug, Brauns voraussichtliche Verteidigung zu erschweren.

Der ehemalige Chef des Skandalkonzerns deutete seine Strategie für den kommenden Mammutstrafprozess in einem ansonsten wenig informativen Auftritt an: Er sieht sich als Opfer in der Affäre, als jemand, der ähnlich wie auch Wirtschaftsprüfer, Finanzprüfer und Anleger getäuscht wurde. Unter dem Strich gehen Ermittler davon aus, dass der Konzern ausgenommen wurde und bis zu drei Milliarden in fragwürdigen Kanälen versickerten – unter anderem durch Kredite an Partnerunternehmen.

Vorzeitiger Rücktritt nach einem Jahr im Aufsichtsrat

Kleingarn hatte sich im Gespräch mit Braun beschwert, dass solche Darlehen viel zu hemdsärmelig vergeben wurden, ohne dem Aufsichtsrat auch nur annähernd die notwendigen Informationen über Bonität und Geschäftsmodell zur Verfügung zu stellen.

Von Sommer 2016 bis Ende 2017 war sie im Kontrollgremium von Wirecard. Die Missstände, die ihr allein in dieser Zeit auffielen, füllten gute sechs Stunden bei der Sitzung des Untersuchungsausschusses, der im Bundestag die Gründe für den Zusammenbruch des Zahlungsdienstleisters zu rekonstruieren versucht - und welche Rolle Regierung und Aufsichtsbehörden dabei spielten.

Kleingarn erlebte einen Konzern, der zentrale Regeln zur guten Unternehmensführung schlichtweg ignorierte, die Zusammenarbeit mit Aufsichtsrat und Wirtschaftsprüfern nicht ernst nahm und sich Versuchen, die Zustände zu verbessern und professionelle Strukturen einzuführen, widersetzte. Früher oder später würden "sich diese Mängel rächen und eingegangene Risiken sich womöglich materialisieren", schrieb sie 2017 in einem Brief an ihre Aufsichtsratskollegen, in dem sie ihren vorzeitigen Rücktritt aus dem Gremium begründete. Sie spricht darin einige der Ursachen an, die Wirecard im Sommer 2020 in den Abgrund stürzten.

Markus Braun verweigert Aussage, der Kronzeuge auch

Die Staatsanwaltschaft sieht Braun als einen der Hauptschuldigen an. Er habe ein kriminelles Netz aufgebaut, das von "militärisch-kameradschaftlichem Korpsgeist und Treueschwüren" geprägt gewesen sei, und Braun sei mittendrin die "Kontroll- und Steuerungsinstanz" gewesen. Die Ermittler werfen Braun und anderen ehemaligen Topmanagern des Konzerns gewerbsmäßigen Bandenbetrug, Bilanzfälschung und Marktmanipulation vor. Brauns Verteidiger weist alle Vorwürfe zurück.

Vor dem Untersuchungsausschuss hat er sich den Fragen der Abgeordneten verweigert. Er wolle erst mit der Staatsanwaltschaft sprechen und danach mit den Politikern. Ähnlich argumentierten zwei weitere Ex-Topmanager des Konzerns, die wie Braun ebenfalls in Untersuchungshaft sitzen, darunter Oliver Bellenhaus (47), einst Wirecards Statthalter in Dubai und heute der Kronzeuge der Staatsanwaltschaft.

Um seiner Rolle öffentlich Nachdruck zu verleihen, entschuldigte er sich bei den Geschädigten. "Die heute hier zu Aufklärung anstehende Angelegenheit ist ein Riesendesaster, das sich durch nichts beschönigen lässt", ergänzte er.

Bellenhaus und einer seiner ehemaligen Wirecard-Kollegen wurden am späten Donnerstagabend per Video aus der Untersuchungshaft zugeschaltet. Braun ist mit der Forderung gescheitert. Nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs musste er persönlich nach Berlin kommen.

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