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Interview "Wir brauchen europäische Champions"

Unicredit-Primus Alessandro Profumo über die Krise an den Finanzmärkten und die Bedeutung von Größe im Geldgeschäft.
Von Arno Balzer und Ulric Papendick
aus manager magazin 9/2007

Herr Profumo, die Kreditmärkte spielen verrückt. Die Angst geht um, die Krise auf dem Markt für amerikanische Immobilienkredite könnte das Bankgewerbe mitreißen. Wie kritisch ist die Lage?

Profumo: Ich erwarte aus der Krise auf dem US-Immobilienmarkt keine nachhaltigen Belastungen für die Finanzmärkte. Es handelt sich jedoch mit aller Wahrscheinlichkeit auch nicht um ein kurzfristiges Phänomen. Allerdings ist es zum gegenwärtigen Zeitpunkt schwierig, Prognosen über die weitere Entwicklung abzugeben.

Weltweit schieben Geldhäuser einen dreistelligen Dollar-Milliardenbetrag an Kreditzusagen vor sich her, die sich nicht mehr am Kapitalmarkt platzieren lassen. Droht ein Credit Crunch, ein Engpass in der Versorgung der Wirtschaft mit Krediten?

Profumo: Den sehe ich nicht. Ich halte die großen Institute für gut positioniert, so dass sie die Auswirkungen höherer Kredit- und Marktrisiken auffangen können. Allerdings ist der Appetit der Banken auf fremdfinanzierte Firmenübernahmen derzeit beeinträchtigt, also gilt es jetzt, Transparenz zu schaffen und die Risiken mit adäquaten Preisen zu bewerten. Ich halte jedoch nichts davon, in einem nervösen Marktumfeld übertriebene Krisenszenarien zu zeichnen.

Haben die Turbulenzen am Kreditmarkt Folgen für die Strategie der Unicredit-Gruppe?

Profumo: Nein, unsere grundsätzliche Strategie und die Ausrichtung in unseren Kerngeschäftsfeldern bleiben von der momentanen Krise unberührt. Allerdings passen wir unsere taktische Planung laufend den entsprechenden Marktgegebenheiten an. Ich bin überzeugt, dass sich auch aus dieser Krise mittelfristig neue Geschäftsgelegenheiten ergeben werden. Wir sind offen für neues Geschäft und wollen weiter wachsen.

Vor Kurzem haben Sie versucht, durch die Übernahme der Pariser Bank Société Générale das zweitgrößte Geldhaus Europas zu schmieden. Warum haben sich die Franzosen Ihren Avancen verweigert?

Profumo: Unsere Firmenkulturen sind sehr unterschiedlich. Unicredit ist über Akquisitionen groß geworden, Société Générale hauptsächlich durch organisches Wachstum. Daraus ein gemeinsames Institut zu formen hätte das Risiko eines Verlusts an Identität bedeutet. Deshalb haben beide Seiten entschieden, das Projekt nicht weiterzuverfolgen.

Stattdessen haben Sie für knapp 21 Milliarden Euro die italienische Bank Capitalia gekauft, als vorläufige Krönung einer beeindruckenden Serie von Übernahmen. Ist Größe im Bankgeschäft so wichtig?

Profumo: Teilweise schon. Sie müssen unterscheiden zwischen der Produktion von Finanzdienstleistungen, wie Immobilienkrediten oder Leasing, und der Distribution dieser Produkte. Bei der Herstellung zählt Größe, da sind Skaleneffekte wichtig, da gibt es Gebiete wie die IT, wo man eine Menge Geld sparen kann. Beim Verkauf kommt es eher darauf an, über eine Marke zu verfügen, die in der jeweiligen Region stark ist.

Sie machen beides, Produktion und Distribution.

Profumo: Unser Vorteil ist, dass wir einerseits ein großer Produzent sind und andererseits über eine starke Präsenz in verschiedenen regionalen Märkten verfügen, von Italien über Österreich und Deutschland bis nach Osteuropa. Trotz der Capitalia-Übernahme werden wir Ende dieses Jahres etwa 55 Prozent unserer Umsätze außerhalb Italiens erzielen. Wir sind heute eine europäische Bank mit mehreren Heimatmärkten.

Welche Ihrer vielen Übernahmen war rückblickend am wichtigsten, um diesem Ziel näherzukommen?

Profumo: Zuerst der Zusammenschluss von Credito Italiano und regionalen Banken, mit dem wir die Konsolidierung in Italien eingeleitet haben. Dann der Kauf der Bank Pekao in Polen, unser Einstieg in Osteuropa. Und schließlich die Fusion mit der deutschen HVB, die uns mit einem Schlag in die europäische Champions League katapultiert hat. Am Tag nach der HVB-Übernahme hat mich sogar IBM-Chef Sam Palmisano angerufen, weil ihm bewusst wurde, dass wir plötzlich einer seiner wichtigsten Kunden waren.

Also hilft Größe auch, das Ego der Topmanager zu streicheln?

Profumo: Eine große Bank ist auf jeden Fall attraktiv für die besten Talente aus der Finanzbranche.

Einen internationalen Konzern von den Dimensionen der Unicredit zu steuern wird andererseits immer schwieriger. Machen Ihnen die steigende Komplexität, die zunehmenden Kulturkämpfe innerhalb der Bank nicht zu schaffen?

Profumo: Doch, natürlich ist Komplexität ein Thema, aber Kulturen zusammenzubringen ist unsere Stärke. Sie müssen auch aufpassen, dass Sie von der Börse nicht als ein Konglomerat betrachtet werden. Wenn wir nur 10 Prozent unseres Börsenwerts verlieren, ist das bereits die Marktkapitalisierung eines mittelgroßen Geldhauses. Auch die Führung einer rasch wachsenden Bank wird zweifelsohne nicht leichter. Ich hinterfrage jeden Tag, ob ich der Richtige bin, um ein europäisches Geldhaus dieser Dimension zu leiten ...

... die Antwort lautet jedes Mal Ja, wie wir annehmen.

Profumo: Offensichtlich ist dem so. Aber die Basis für unseren Erfolg sind klare strategische Vorgaben. Dazu zählen etwa unsere konsequente Aufstellung in Divisionen und unsere ausschließliche Fokussierung auf Europa. Außerdem haben wir kürzlich unsere Leitungsstrukturen reformiert. Es gibt jetzt bei uns drei Stellvertreter des Vorstandsvorsitzenden, die einen Teil meiner Aufgaben übernehmen.

Vornehmlich Italiener, von einer europäischen Dimension merkt man nicht viel.

Profumo: Sergio Ermotti, einer meiner Stellvertreter, ist Schweizer. Da er hauptsächlich für das in München angesiedelte Firmenkunden- und Investmentbanking zuständig ist, unterstreicht seine Beförderung zusätzlich die Bedeutung unseres deutschen Geschäfts. Aber auch ich selbst werde Deutschland weiterhin eine Menge Zeit widmen. Immerhin ist das unser zweitgrößter Markt, auf dem wir auch weiterhin kräftig expandieren wollen.

Durch Zukäufe?

Profumo: Zunächst einmal wollen wir unsere bestehende Organisation optimieren. Außerdem steht momentan die Integration der Capitalia an erster Stelle. Im Investmentbanking zum Beispiel wachsen wir mit hohem Tempo, aber aus eigener Kraft.

Ihr Investmentbanking durch Akquisitionen zu verstärken kommt für Sie nicht infrage? Eine Übernahme der Deutschen Bank zum Beispiel würde Unicredit im Kapitalmarktgeschäft einen großen Schritt voranbringen.

Profumo: Das Investmentbanking ist ein sehr stark von Personen getriebenes Geschäft. Die Gefahr, nach der Übernahme einer ganzen Bank die entscheidenden Leute zu verlieren, ist groß. Wir versuchen lieber, gezielt einzelne Leistungsträger anzuwerben.

Und im Privatkundengeschäft? Würde es nicht Sinn ergeben, in diesem Segment zuzukaufen? Beim Verkauf der Landesbank Berlin, für die Sie ursprünglich mitgeboten hatten, haben Sie sich schnell wieder verabschiedet.

Profumo: Die dort aufgerufenen Preise waren uns zu hoch. Aber die Teilnahme an der Auktion hat uns interessante Einblicke in den Markt verschafft.

Auch den, dass es noch andere Möglichkeiten gibt, das Filialgeschäft in Deutschland durch eine Akquisition zu verstärken?

Profumo: Für uns hat zunächst oberste Priorität, das deutsche Privatkundengeschäft noch besser aufzustellen. Wir haben zwar schon einige Fortschritte erzielt, aber es bleibt auch noch eine Menge zu tun. Erst wenn die Verkaufsorganisation in Deutschland ihre volle Schlagkraft erreicht hat, ist es sinnvoll, das Geschäftsfeld durch Zukäufe zu erweitern.

Bleibt die Marke HVB erhalten?

Profumo: Auf jeden Fall, wenn auch mit leichten grafischen Anpassungen, um die Zugehörigkeit zur Unicredit-Gruppe zu unterstreichen.

Was hat die HVB außer einer in Deutschland bekannten Marke und einiger Expertise im Firmenkunden- und Kapitalmarktgeschäft in die Unicredit-Gruppe eingebracht?

Profumo: Unsere Firmenkultur hat sich durch die Übernahme verändert. Wir Italiener sind traditionell eher intuitiv, dabei allerdings sehr ergebnisorientiert. Die deutsche Denkweise ist analytischer und stärker auf Prozesse ausgerichtet. Das hat uns beispielsweise bei der Neuausrichtung unserer Führungsstruktur entscheidend geholfen.

Andererseits hat Ihnen die HVB-Übernahme auch eine Menge Ärger eingebracht. Gerade erst wurden Sie persönlich von einer ganzen Reihe von Hedgefonds ...

Profumo: ... acht, um genau zu sein ...

... wurden Sie von acht Hedgefonds auf 17 Milliarden Euro Schadensersatz verklagt, weil Sie Kleinaktionäre der HVB beim Verkauf wichtiger Assets benachteiligt haben sollen. Können Sie noch ruhig schlafen?

Profumo: Durchaus. Wir haben diese Transaktionen korrekt abgewickelt, auf der Basis von Marktpreisen, was auch für die jeweiligen Transaktionen von externen unabhängigen Gutachtern bestätigt wurde.

Die Vorwürfe der Kläger klingen aber recht plausibel. Verglichen mit den Bewertungen, die am Kapitalmarkt bei Firmenkäufen gezahlt werden, hat Unicredit die HVB-Tochter Bank Austria und deren polnischen Ableger BPH zu Schnäppchenpreisen ergattert. Wie wollen Sie das dem Richter erklären?

Profumo: So pauschal kann man das nicht vergleichen. Bei jedem Deal spielen verschiedenste Details eine Rolle. Und noch einmal: Wir haben die Preise für Bank Austria oder BPH nicht einfach festgesetzt, sondern von unabhängigen Gutachtern ermitteln lassen.

Ein Münchener Richter hat in einer Vorverhandlung schon darauf hingewiesen, dass Sie für die Bank Austria vier bis fünf Mil-liarden Euro mehr hätten zahlen müssen.

Profumo: Das ist bislang nur ein Kommentar des Richters. Die gerichtliche Behandlung der Frage der Bewertung steht noch aus. Wir legen größten Wert auf eine faire Behandlung von Minderheitsaktionären. Das haben wir in der Vergangenheit wiederholt bewiesen.

An einem Vergleich mit den unzufriedenen Kleinanlegern scheinen Sie nicht interessiert zu sein. Stattdessen haben Sie Klage gegen den Beschluss der letzten HVB-Hauptversammlung erhoben, Ersatzansprüche geltend zu machen und damit einen besonderen Vertreter zu beauftragen. Warum?

Profumo: Der Beschluss als solcher weist bereits gravierende Mängel auf, da er alles andere als bestimmt ist. Wir möchten daher, dass die Bestellung des besonderen Vertreters sowie seine Rolle und Befugnisse gerichtlich geklärt werden. In dieser Hinsicht sind der Beschluss der Hauptversammlung und die existierende Rechtslage nicht eindeutig. Wenn ein Gericht dies geklärt hat, werden wir die Entscheidung akzeptieren. Allerdings möchte ich daran erinnern, dass 95 Prozent der HVB-Aktionäre ihre Anteile verkauft haben ...

... der frühere HVB-Chef Albrecht Schmidt hat seine Aktien allerdings behalten ...

Profumo: ... wie auch immer: Uns gehören heute rund 95 Prozent der Anteile, da sollten wir doch wohl auch gewisse Rechte haben.

Bedroht der Ärger mit den Kleinaktionären in Deutschland und Österreich die Wachstumsstrategie der Bank? Werden dadurch künftige Akquisitionen blockiert?

Profumo: Das sehe ich nicht. Ohnehin gönnen wir uns erst mal eine Pause, um die jüngsten Übernahmen zu verdauen. Wir haben jetzt als Unicredit-Gruppe eine Dimension erreicht, die dem Optimum bereits recht nahekommt.

Ihr Aktienkurs ist seit der Capitalia-Akquisition allerdings kräftig gefallen. Großinvestoren werfen Ihnen vor, den Konkurrenten aus Rom überhastet und ohne genaue Firmenbewertung gekauft zu haben.

Profumo: Eine solche Due Diligence ist aus meiner Sicht im Finanzsektor nur begrenzt sinnvoll. Für eine gründliche Analyse benötigt man mehrere Wochen, vielleicht sogar Monate. Bis dahin ist auf jeden Fall etwas an die Öffentlichkeit gedrungen, und die Chance auf einen guten Deal ist vorbei. Aber natürlich haben wir uns die größten Engagements von Capitalia vor der Übernahme genau angesehen und auch intensiv mit den Wirtschaftsprüfern gesprochen.

Wenn die Unicredit-Aktie weiter fällt, könnten Sie am Ende selbst zum Ziel einer Attacke werden. Bereitet Ihnen das aggressive Gebaren mancher Hedgefonds, die die Zerschlagung kompletter Konzerne fordern, Sorgen?

Profumo: In der Regel geht es bei den Initiativen dieser Fonds darum, vorausgegangene Fehler der Firmenleitung zu korrigieren, zum Beispiel unwirtschaftliche Konglomerate zu entflechten. Ich halte das für ein ganz gutes Korrektiv.

Politiker sehen das weniger entspannt. Sie wollen unerwünschte Investoren abwehren.

Profumo: Das Aufkommen eines neuen Nationalismus in der Wirtschaftspolitik würde ich in Italien und in Europa für einen großen Fehler halten. Wenn überhaupt, dann müssen wir Europäer gemeinsame Konzepte entwickeln, damit wir im Wettbewerb mit den USA oder China mithalten können.

Den Ruf nach "National Champions" im Finanzsektor halten Sie für falsch? Viele Topmanager deutscher Konzerne möchten ihre Kreditwünsche ungern in einer aus-ländischen Bankzentrale vortragen.

Profumo: Geben Sie den Managern mit Kapitalbedarf gern meine Nummer, sie sollen mich anrufen. Wir verstehen uns seit der Fusion mit der HypoVereinsbank auch als deutsche Bank. Ich bleibe aber dabei: Was wir brauchen, sind europäische Champions, keine deutschen oder italienischen. u

Das Interview führten die mm-Redakteure Arno Balzer und Ulric Papendick.

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