Zur Ausgabe
Artikel 28 / 124
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Wildern im Revier

WCM/Klöckner-Werke: Die Hamburger WCM will um jeden Preis in den Dax. Hierzu braucht sie Klöckner.
Von Sören Jensen und Heide Neukirchen
aus manager magazin 3/2000

Das jüngste Weihnachtsfest konnten die Vorstände der Duisburger Klöckner-Werke AG nicht so recht genießen. Kurz vor den Feiertagen hatten sie Post aus Hamburg bekommen. Die WCM Beteiligungs- und Grundbesitz AG teilte mit, dass sie exakt 10,2652 Prozent am Grundkapital der Klöckner-Werke besitze.

Die Klöckner-Manager waren überrascht, und sie waren beunruhigt. WCM ist in den Vorstandsetagen der deutschen Aktiengesellschaften keine unbekannte Größe; die Gesellschaft verbreitet vielfach Angst.

WCM kauft Firmen, bringt Vorstände auf Trab, hebt stille Reserven, ordnet Beteiligungen neu und steigt in der Regel nach gewisser Zeit mit einem hübschen Gewinn wieder aus. Oft haben Unternehmen nach der Behandlung durch WCM einen neuen Mehrheitsaktionär und einen anderen Geschäftszweck, manchmal auch einen neuen Namen.

Zuweilen reicht sogar die bloße Ankündigung, WCM wolle bei einer Firma einsteigen, um dort hektische Aktivitäten auszulösen. Karstadt wäre heute vielleicht kein Teil der Schickedanz-Gruppe, wenn dem Warenhauskonzern nicht die Übernahme durch WCM gedroht hätte.

Treibende Kraft dieser Firma, deren Kürzel einst für die zum IG-Farben-Erbe gehörende "Württembergische Cattunmanufactur" stand, ist der Hamburger Kaufmann Karl Ehlerding (57). Ihm und seiner Familie gehören zwei Drittel des Aktienkapitals.

Ehlerding lenkt die Firma höchstpersönlich, auch wenn er sich formal mit dem Amt des stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden begnügt und für die Tagesarbeit einen Vorstand beschäftigt. Mit seinen raffinierten Geschäften hat er den Börsenwert der WCM nach und nach auf fast 7 Milliarden Euro ausgeweitet.

Die Klöckner-Aktie beobachtet Ehlerding seit 15 Jahren. Doch richtig interessant wurde sie für ihn erst, als sich das Unternehmen im Frühjahr 1999 aus der problematischen Automobilzulieferbranche zurückzog. Für erstaunlich üppige 910 Millionen Mark verkaufte Klöckner die Tochter Peguform und entschuldete sich auf diese Weise fast vollständig.

Mit Wohlgefallen registrierte Ehlerding, wie unterbewertet die Klöckner-Aktie nach diesem Deal plötzlich war. Hinzu kam, dass der Vorstand den Konzern nach dem Vergleichsverfahren von 1993 konsequent vom alten Montanballast befreit und um profitable Sparten wie Folienproduktion und Verpackungstechnik ergänzt hatte.

Zudem verfügt das Unternehmen über äußerst attraktive steuerliche Verlustvorträge von 2,3 Milliarden Mark bei der Körperschaftsteuer und von 1,8 Milliarden Mark bei der Gewerbesteuer.

Ehlerding beschloss einzusteigen. Binnen eines dreiviertel Jahres kaufte er kleinere Pakete zusammen. Dies vor allem außerhalb der Börse; dennoch verdoppelte sich der Kurs der Klöckner-Aktie seit Beginn der Zukäufe nahezu.

Am 21. Dezember 1999 schließlich teilte die WCM dem Klöckner-Vorstand pflichtgemäß mit, dass sie über mehr als 10 Prozent des Aktienkapitals verfüge. Gleichzeitig baten die WCM-Vorstände Roland Flach (55) und Karl-Ernst Schweikert (51) ihre Kollegen von Klöckner um ein Gespräch.

Das fand im Januar statt. Bei dieser Gelegenheit klärten sich die Fronten. Die WCM-Leute kündigten an, dass sie die Mehrheit anstrebten und den Klöckner-Aktionären möglichst rasch ein Übernahmeangebot unterbreiten wollten. Freilich sei die WCM nicht an einer feindlichen Übernahme interessiert, also an einem Erwerb gegen den Willen der Klöckner-Verwaltung.

Einen Schmusekurs fuhren die Hamburger allerdings auch nicht gerade. Falls der Klöckner-Vorstand sich quer lege, so die kaum verhohlene Drohung, könne die WCM ihr Paket auch weiterreichen - etwa an einen industriellen Investor, der dem Management der Firma das Leben erst so richtig unbequem machen könnte.

Der Klöckner-Vorstand bat um Aufschub bis nach der Hauptversammlung am 17. März 2000. Dann stünden umfangreiche Kapitalmaßnahmen an, eine Tochtergesellschaft solle eingegliedert werden; und hierfür brauche man Ruhe, argumentierte Klöckner-Chef Heinz-Ludwig Schmitz (62).

Ehlerdings Emissäre willigten ein, bis Mitte März nichts zu unternehmen. Danach aber wollen die Hamburger rasch über die Konditionen eines Umtauschangebots verhandeln.

WCM verfügt inzwischen über knapp 25 Prozent der Aktien. Der Düsseldorfer Unternehmer Roland Oetker hält weitere knapp 10 Prozent. Ohne die beiden Großaktionäre - so Ehlerding - "läuft bei Klöckner nichts mehr".

Freilich ist Ehlerding nicht auf Krawall aus, er hat nach wie vor großes Interesse an einer gütlichen Einigung. Eine Schlacht nach dem Muster Vodafone/Mannesmann wäre dem Hanseaten, der lieber im Verborgenen wirkt, ein Gräuel. Ein solcher Kampf würde allen seinen Bemühungen zuwiderlaufen, die WCM als seriösen Investor darzustellen.

Was genau Ehlerding mit Klöckner vorhat, bleibt vorerst allerdings im Dunkeln. Sicher ist nur so viel: Die Duisburger Gesellschaft soll keinesfalls auf WCM verschmolzen werden, sondern eine selbstständige Tochter bleiben.

Wenn man WCM-Vorstand Flach glaubt, dann wird die Klöckner-Führung in Ruhe weiter arbeiten dürfen. "Für einen erfolgreichen Vorstand ist die WCM ein traumhafter Investor", sagt Flach und verteilt damit Lob nach Duisburg und an die eigene Adresse.

Wo aber liegt das Interesse der Hamburger, wenn sie das Unternehmen nicht zerschlagen wollen?

Der bislang so reizvolle Verlustvortrag könnte für die WCM sehr schnell wertlos werden. Dann nämlich, wenn - wie jetzt vorgesehen - im Zuge der Steuerreform die Gewinne aus Beteiligungsverkäufen von der Steuer befreit werden. Die WCM, die hauptsächlich von solchen Gewinnen lebt, hätte es in diesem Fall gar nicht mehr nötig, sich mit virtuellen Verlusten arm zu rechnen.

Interessant bleiben freilich, wie auch immer die Reform ausfällt, die hohen Gewinne, die Klöckner mit der Verpackungstechnik und der Folienproduktion in den USA erzielt. Diese Gewinne werden jenseits des Atlantiks mit relativ niedrigen 40 Prozent versteuert und an die Duisburger AG ausgeschüttet. Von dort könnten sie ohne weiteren Steuerabzug an eine Muttergesellschaft wie die WCM durchgeleitet werden.

Der Klöckner-Coup würde Ehlerding allerdings noch einen ganz anderen, viel wesentlicheren Vorteil bringen. Die WCM-Aktie, die derzeit im Börsensegment M-Dax gehandelt wird, würde endlich in die erste Liga, den Dax, aufrücken.

Nach der Übernahme der Immobiliengesellschaft RSE Grundbesitz und Beteiligungs-AG würde ein Erwerb der Klöckner-Werke den Börsenwert der WCM und deren Aktienumsätze mit deren Aktie derart erhöhen, dass die Deutsche Börse AG beim nächsten Prüfungstermin im August 2000 nicht umhin käme, WCM in den Dax aufzunehmen.

Da wäre es hilfreich, wenn die WCM-Leute sich mit dem Klöckner-Vorstand auf einen Umtausch von Klöckner- in WCM-Aktien einigen könnten. Jede Barzahlung der WCM an die Klöckner-Aktionäre wäre für Ehlerding nutzlos; sie würde das Eigenkapital und damit den Börsenwert der WCM nicht erhöhen.

Wenn Ehlerdings Plan aufgeht, sinkt zwangsläufig seine eigene Beteiligungsquote an der WCM. Das stört ihn jedoch nicht, im Gegenteil: "Es ist besser, 51 Prozent an einem Dax-Unternehmen zu besitzen als 67 Prozent an einer M-Dax-Gesellschaft."

Fraglich, ob ihm der Klöckner-Vorstand hilft, diesen Traum zu verwirklichen.

Sören Jensen/Heide Neukirchen

Zur Ausgabe
Artikel 28 / 124
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel