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Interview "Wie eine Religion"

Ferrari-Chef Jean Todt sagt, warum hohe Gewinne für den Sportwagenhersteller nicht genug sind.
aus manager magazin 9/2007

Herr Todt, die CO2-Emissionen scheinen für die Autoindustrie aktuell wichtiger zu sein als die PS-Werte. Die Internationale Automobil-Ausstellung mutiert zur Grünen Woche. Was hat Ferrari in Sachen Umwelt zu bieten, etwa einen Drei-Liter-Renner?

Todt: Sicher nicht. Ferrari baut Träume auf Rädern. Die Kunden lieben unsere Autos, wie sie sind: ihre Leistung, ihr Design, ihre Qualität. In Frankfurt stellen wir den neuen Ferrari 430 Scuderia vor. Der ist leichter, stärker und schneller als sein Vorgänger.

An den Öko-Vorgaben der EU kommt auch Ferrari nicht vorbei.

Todt: Gibt es neue Umweltregeln, halten wir diese natürlich ein. Aber die Führung auf diesem Feld überlassen wir anderen.

Ein Ferrari, der unter der Grenze von 130 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer bleibt, scheint kaum vorstellbar.

Todt: Für kleine Hersteller wird es Ausnahmen geben. Wir arbeiten da sehr eng mit der Europäischen Kommission in Brüssel zusammen; und wir sind nicht die Einzigen, die betroffen sind.

Fiat hält 85 Prozent an Ferrari. Sie könnten also eventuell davon profitieren, dass die EU einen CO2-Mittelwert für den gesamten Konzern ermittelt?

Todt: Darauf können wir uns nicht verlassen. Aber das ist eine der Möglichkeiten; für viele andere kleine Hersteller übrigens auch.

Fiat-Chef Sergio Marchionne hat große Ziele. 2010 soll der Konzern fünf Milliarden Euro verdienen, zweieinhalbmal so viel wie 2006. Wie viel muss Ferrari beitragen?

Todt: Sie dürfen uns nicht wie eine Finanzbeteiligung betrachten. Ferrari

ist der Stolz des ganzen Landes und natürlich auch der Fiat-Gruppe. Für viele hier ist Ferrari wie eine Religion, die Marke ist unglaublich stark. Davon profitiert auch Fiat. Zumal wir den Konzern kein Geld kosten.

Das allein dürfte Herrn Marchionne kaum zufriedenstellen.

Todt: Richtig. Aber wir lagen 2006 bei 12,6 Prozent Umsatzrendite, für dieses Jahr peilen wir 15 Prozent an. Das schaffen nicht viele in der Autobranche.

Sie arbeiten derzeit am "Mille Chili", dem "1000 Kilo", einem Leichtbau-Ferrari mit Aluminiumkarosse, geringerem Treibstoffverbrauch ...

Todt: ... das ist nur ein Projekt für die Zukunft, ein Konzept, das uns an unsere Ziele erinnert. Denn Gewicht ist kontraproduktiv für Leistung, Sicherheit und Verbrauch.

Wird der Wagen der Schritt in die nächste Größendimension, befindet sich Ferrari auf dem Weg in Richtung Porsche?

Todt: Nein. Wir sind ein exklusives Unternehmen, wir würden zum Beispiel niemals einen Geländewagen bauen; ebenso wenig wie Autos für andere Marktsegmente. So etwas ist nicht Teil der Ferrari-DNA.

Sie setzen sich damit Wachstumsgrenzen.

Todt: Sicher. Wir müssen zwar neue Märkte bedienen, zum Beispiel den Nahen Osten und China. Aber wir müssen dabei exklusiv bleiben. Also steigern wir unsere Produktion nur sehr langsam, auch wenn Kunden dann teilweise zwei Jahre auf ihren Ferrari warten müssen.

Wieso erweitern Sie dann Ihre Fabrik in Maranello?

Todt: Es geht uns vor allem darum, unsere Produktionsstraßen zu modernisieren. Wenn wir unsere Produktion von derzeit rund 6000 Autos pro Jahr kurzfristig auf vielleicht 7000 oder 8000 erhöhen wollten, gäbe es auch einfachere Mittel: So könnten wir eine dritte Schicht einführen.

Wir sind hier am Nürburgring, Sie tragen den roten Formel-1-Dress. Sind Sie eher Chef eines Formel-1-Teams oder eher CEO eines Automobilunternehmens?

Todt: Ich versuche die Jobs zu verbinden. Sie können Ferrari und die Formel 1 nicht trennen. Momentan kümmere ich mich vielleicht ein bisschen mehr um das Formel-1-Team. 2007 ist ein sehr wichtiges Jahr für uns. Michael Schumacher ist zurückgetreten, unser langjähriger Technischer Direktor Ross Brawn nimmt eine Auszeit. Wir müssen eine komplett neue Organisation aufbauen.

Wie wichtig ist der Rennsport für das Unternehmen? Ist Ferrari ohne Formel 1 vorstellbar?

Todt: Sicherlich nicht. Der Rennsport liegt Ferrari im Blut. Für die Italiener wäre Ferrari ohne Formel 1 ein Ding der Unmöglichkeit. Für sie ist ein dritter Platz wie in der WM-Wertung 2005 schon ein nationales Begräbnis. Aber wirtschaftlich hat Ferrari in den 80er Jahren bewiesen, dass es auch ohne Weltmeistertitel überleben kann.

Welchen Anteil am derzeitigen Aufschwung haben Ihre Erfolge auf der Rennstrecke?

Todt: Einen sehr großen. Profitabel wird der Rennsport wohl nie sein. Aber wir haben die Kosten dafür drastisch reduziert. Inzwischen werden 80 Prozent des Etats durch Sponsoren, Fernsehrechte und andere Einnahmen gedeckt. Die restlichen 20 Prozent tragen wir selbst, aber dafür haben wir praktisch keine zusätzlichen Marketingkosten. Unsere Siege sind die beste Werbung. Und - das darf man nie vergessen - die Formel 1 ist so etwas wie die Entwicklungsabteilung für unsere Straßenautos.

Andersherum gefragt: Könnte die Formel 1 ohne Ferrari überleben?

Todt: Ohne Ferrari wäre die Formel 1 nicht die gleiche. Aber vor allem wäre sie nicht die gleiche ohne die beiden wichtigsten Männer im Rennsport, Bernie Ecclestone und Max Mosley, den Chef des Automobilweltverbands FIA.

Formel-1-Chef Bernie Ecclestone gilt in der Szene vor allem als extrem geldgierig ...

Todt: Bernie Ecclestone leistet gute Arbeit, ebenso wie Max Mosley, also soll er auch gut verdienen. Die Formel 1 ist eine arrogante Welt. Schauen Sie sich nur mal hier um, all die übertrieben luxuriösen Motorhomes. Die Leute sollten nicht vergessen, wer das alles ermöglicht hat: Bernie.

Ferrari hat sehr stark von Michael Schumacher profitiert. Warum holen Sie ihn nicht ins Management?

Todt: Oh, das habe ich versucht. Er wäre ein sehr guter Manager. Michael hat sich für einen anderen Lebensmittelpunkt entschieden, berät Ferrari aber weiter bei der Entwicklung der GT-Autos. Außerdem profitieren wir von seiner unvergleichlichen Formel-1-Erfahrung. Er hat sicher keine Lust, 12 oder gar 14 Stunden am Tag im Büro zu sitzen.

Vielleicht will er sich ja neue Ziele setzen?

Todt: Sein neues Ziel ist Erfolg mit seiner Familie. Dafür hat er meinen vollen Respekt. u

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