Reimanns, Bahlsen, Berger Wie die Geschichte die deutsche Wirtschaft einholt

Continental ist kein Einzelfall. Viele namhafte deutsche Unternehmen finden erst nach und nach einen Weg, sich ihrer Nazivergangenheit zu stellen - oft durch Anstoß von außen.
Türme des Volkswagenwerks in Wolfsburg: Mit beschlagnahmtem Gewerkschaftsvermögen und Zwangsarbeit aufgebaut

Türme des Volkswagenwerks in Wolfsburg: Mit beschlagnahmtem Gewerkschaftsvermögen und Zwangsarbeit aufgebaut

Foto: Stringer/ REUTERS

Continental hat sich mit einer historischen Studie seiner NS-Vergangenheit gestellt - 75 Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur. Mit der späten Aufarbeitung steht der Dax-Konzern nicht allein.

Drei Fälle für die unangenehme Konfrontation mit der Vergangenheit allein im vergangenen Jahr: Aus einer ebenfalls von Paul Erker erstellten Studie wurde im Frühjahr enthüllt, dass die Reimanns  begeisterte Nazis und Antisemiten waren und zu Hause Zwangsarbeiter misshandelten. "Wir sind erleichtert, dass es jetzt raus ist", kommentierte die reichste Familie des Landes. Ihr Holding-Chef Peter Harf sagte: "Reimann senior und Reimann junior waren schuldig. Die beiden Unternehmer haben sich vergangen, sie gehörten eigentlich ins Gefängnis."

Im Oktober musste Beraterlegende Roland Berger (82) sich dem Vorwurf stellen, seine Karriere mit der Legende genährt zu haben, Vater Georg sei NS-Opfer gewesen - obwohl er tatsächlich frühes NSDAP-Mitglied und Profiteur von Arisierungen war. Auch Berger beauftragte einen Historiker: Michael Wolffsohn, der Berger senior bescheinigte, zumindest "kein Täter" gewesen zu sein.

Mittelstandsgrande Werner Bahlsen (71) engagierte den Historiker Manfred Grieger für eine ähnliche Studie - aber erst, nachdem sich Tochter und Firmenerbin Verena Bahlsen (27) im Mai öffentlich verrannt hatte, indem sie fälschlich behauptete, Bahlsen habe Zwangsarbeiter gut behandelt und genauso bezahlt wie deutsche Arbeitnehmer.

Audi-Studie "mangelhaft und verharmlosend"

Manfred Grieger hatte sich einen Namen als Chefhistoriker des Volkswagen-Konzerns gemacht. Dieser - auf Hitlers Geheiß mit beschlagnahmtem Gewerkschaftsvermögen und Zwangsarbeit aufgebaut - hatte schon in den 90er Jahren seine besonders heikle Geschichte aufarbeiten lassen, Grieger war damals im Team des Historikerstars Hans Mommsen. Doch noch 2016 ging dem Konzern die Aufklärung zu weit und es kam zum Bruch, als Grieger eine Studie zur Geschichte der Tochterfirma Audi als "handwerklich mangelhaft und verharmlosend" kritisierte.

Auch Daimler und die Deutsche Bank dokumentierten ihre NS-Geschichte bereits Mitte der 90er Jahre. Daimler musste jedoch mit einer Gegenstudie der Hamburger Stiftung für Zeitgeschichte leben, die das Auftragswerk für zu positiv hielt.

Die BMW-Großaktionärsfamilie wiederum wurde erst 2007 überhaupt tätig, nachdem der NDR die Fernsehdokumentation "Das Schweigen der Quandts" zeigte.

ak
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