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Wer einmal lügt ...

Neuer Markt: Viele Unternehmen an Deutschlands Hightech-Börse leben allein von einer gut erzählten Story. Geht die Geschichte nicht auf, brechen die Kurse ein. manager magazin sagt, woran Sie Flops rechtzeitig erkennen.
aus manager magazin 3/2000

Mit Kleinigkeiten gab sich der Freiherr von Münchhausen nie zufrieden. Zog er in die Schlacht, war allein eine Kanonenkugel schnell genug für den kühnen Angreifer. Brauchte er Geld, räumte er gleich die Schatzkammer des Großsultans von Kairo leer. Für weniger war er sich zu schade.

Seinen Reichtum konnte er zu Hause freilich nicht vorzeigen, alles war erfunden. Also gab er zum Besten, dass er auf der Rückreise durch Italien unter die Räuber gefallen sei. Und danach waren Dukaten und Dublonen eben weg.

Bevor sich der findige Lügenbaron allerdings beim Flunkern erwischen ließ, baute er in seine Erzählung lieber einen Haufen Banditen ein, von denen er sich dann wenig heldenhaft sein Geld abnehmen ließ.

Fantastische Geschichten, wie sie auch heute immer wieder zu hören sind. Besonders gern werden sie am Neuen Markt erzählt, wenn auch nicht immer mit der gleichen Raffinesse gestrickt wie die des Barons.

Nur das Thema ist stets das gleiche: märchenhafter Reichtum innerhalb kürzester Zeit. Firmenwerte verdoppeln und verdreifachen sich binnen weniger Wochen, nur um wenig später wieder zusammenzufallen.

Viele Stars von gestern sind die Verlierer von heute. Mitte Februar waren viele Papiere 50 Prozent und mehr von ihren Höchstkursen entfernt. Etwa 25 der 140 am Neuen Markt gestarteten Firmen lagen Mitte Februar unter ihrem Ausgabepreis.

Für Privatanleger gilt es auszusteigen, bevor es zu spät ist. Nur, wie erkennt der Aktionär, welche Wachstumsgeschichte stimmt und welche nicht? Wie entlarvt er die Dilettanten und Scharlatane, bevor der Schaden am eigenen Depot zu groß wird? manager magazin will Ihnen helfen, die Luschen rechtzeitig zu erkennen.

Bei vielen Unternehmen kündigte sich der Abstieg mit Kleinigkeiten an. Vor den meisten Kursstürzen gibt es Hinweise und Warnsignale, dass die Börsengeschichte allzu fantastisch geraten war und dass nach kurzem Höhenflug der Absturz droht.

Das Ergebnis leerer Versprechungen und überzogener Ankündigungen ist stets das gleiche: Die Investmentprofis fliehen. Wenn die Fonds ihre Positionen in großem Stil reduzieren, rauschen die Kurse nach unten. Der Privatanleger, trotz Internet und Börsenfernsehen immer noch am Ende der Informationskette, hat das Nachsehen.

Dies sind die wichtigsten Verkaufssignale, die Sie veranlassen sollten, rechtzeitig ein Papier des Neuen Marktes abzustoßen:

1. Signal: Gewinnwarnung

Der Abstieg beginnt meist mit der Korrektur allzu optimistischer Umsatzprognosen. Für institutionelle Investoren ist die Gewinnwarnung das erste Symptom einer heraufziehenden Malaise. Die Firma scheint das eingeschlagene Tempo nicht fortsetzen zu können, Akquisitionen schlagen sich nicht schnell genug in steigenden Gewinnen nieder.

Dass Analysten und Fondsmanager beispielsweise Edel Music einmal zu den Absteigern rechnen könnten, schien noch vor wenigen Monaten undenkbar. Schließlich war die Aktie ungefähr neunmal so viel wert wie beim Börsenstart.

Edel-Chef Michael Haentjes legte mit der Übernahme zahlreicher kleinerer Plattenfirmen ein rasantes Tempo vor. Die Kooperation zwischen Edel und dem Disney-Konzern schien der Beginn einer wunderbaren Wachstumsgeschichte.

Was auch die Profis in ihrer Begeisterung übersahen: Der Markt für Pop-CDs stagniert. Das bislang vorgelegte Tempo kann Edel künftig nur halten, wenn das Unternehmen

kleinere Konkurrenten aufkauft. Das Kapital muss sich Haentjes von Zeit zu Zeit durch die Ausgabe neuer Aktien besorgen.

Doch der ersten Kapitalerhöhung im vergangenen September folgte die Gewinnwarnung. Weil drei Alben nicht rechtzeitig hätten fertig gestellt werden können, müssten die Planzahlen korrigiert werden, hieß es in einer dürren Mitteilung. Die Analysten schrieben Verkaufsempfehlungen und schickten das Edel-Papier in eine Abwärtsspirale. Mit sinkenden Gewinnen, so ihre Befürchtung, werde es für Edel schwer, an frisches Geld heranzukommen.

Ohne neues Kapital aber werde das Unternehmen nicht weiter zukaufen und wachsen können.

Das Ergebnis ist nicht zu übersehen. Seit den Rekorden des vergangenen Sommers ist die Aktie zeitweise um mehr als 50 Prozent gefallen.

Ähnlich böse erwischte es das Papier des Berliner Telekommunikationsunternehmens Teles. Der Kurs hatte sich in den ersten acht Monaten nach dem Börsengang knapp verfünffacht; dann setzte der langsame Sinkflug ein. Angekündigte Übernahmen wurden verschoben, Um- satzprognosen zurückge-

nommen.

Streitigkeiten mit der Internet-Tochter Strato beschleunigten den Niedergang. Das erst zum Jahresende 1998 gekaufte Unternehmen sollte ursprünglich das hohe Wachstumstempo der Muttergesellschaft sichern. Zwei Jahre später verabschiedete Teles-Chef Sigram Schindler den Vorstand der Internet-Firma und stellte den Hoffnungsträger plötzlich zum Verkauf. Und auch der wurde kürzlich um ein weiteres Jahr verschoben. Ein anderes Beispiel: die Teldafax-Aktie. Das Papier wird derzeit rund 50 Prozent unter der Erstnotierung gehandelt. Der Marburger Telekomdiscounter gehört zu den Verlierern des Preiskriegs im Telefonmarkt.

Anfang vergangenen Jahres sah das Bild noch ganz anders aus. Nach mehreren Tarifsenkungen meldete der Teldafax-Vorstand explosionsartige Umsatzzuwächse.

Das ging gut, bis die Telekom zurückschlug. Der Angreifer geriet in die Defensive. Die Zahlen der Marburger für die ersten drei Monate enttäuschten. Darauf reagierte das Unternehmen mit der Ankündigung, seine Position durch Übernahmen zu sichern. Vor allem Mobilfunkkapazitäten sollten zugekauft werden.

Auf die Übernahme warten die Aktionäre bis heute. Mit dem ebenfalls am Neuen Markt notierten Mobilfunkdienstleister Drillisch wurde man sich zunächst nicht einig. Statt der Fusion beschlossen beide Gesellschaften jetzt eine Kooperation.

Bei der ebenfalls umworbenen Debitel erhielt die Swisscom den Zuschlag. Der Zusammenschluss mit Talkline blieb auch nur ein Gerücht. Die Gewinnwarnung im August gab dem Kurs dann den Rest. Anfang Februar schied schließlich der Unternehmensgründer Hans Gerhard Lenz (56) aus dem Vorstandsvorsitz aus.

2. Signal: Bilanzartistik

Besonders groß ist der Ärger unter den professionellen Investoren, wenn Unternehmen ihre Planzahlen schon wenige Wochen nach dem Börsengang korrigieren müssen. Vergangenes Jahr rückten immerhin mehr als 10 Prozent der Neuen-Markt-Debütanten von ihren Planzahlen ab.

Unternehmen, die dann auch noch den Fehler machen, den negativen Trend durch Bilanzakrobatik zu verschleiern, werden schnell abgestraft.

Trotz mieser Umsatzzahlen kündigte beispielsweise der Softwareanbieter NSE ein besseres Ergebnis an. Dabei hatten die Münchener nicht etwa mehr Geld verdient als geplant; sie passten schlicht ihre Abschreibungspolitik der Geschäftslage an.

Das ist zwar zulässig, gilt aber als verpönt. Das Softwarehaus verlor rund die Hälfte seines Börsenwerts.

3. Signal: Informationsflut

Unternehmen, die zu den Gewinnern gehören wollen, müssen zeigen, dass sie ihre Versprechen halten können. Schnelle und transparente Berichterstattung ist gefragt. Doch daran mangelt es häufig am Neuen Markt, trotz strenger Regeln.

Anders als an der Nasdaq, der Wachstumsbörse in den Vereinigten Staaten, unterliegen die Zwischenberichte der Unternehmen keinerlei Standards. Das führt dazu, dass Zahlen oft nicht vergleichbar sind; und es verführt Unternehmen wie NSE dazu, negative Entwicklungen mit Meldungen über positive Details zu verschleiern.

Vor allem aber sorgt eine Flut von Ad-hoc-Mitteilungen für Verwirrung und Unübersichtlichkeit. Den gesetzlichen Zwang, kursrelevante Tatsachen als Eilmeldungen über die Ticker zu jagen, haben viele Unternehmen als PR-Waffe umgedeutet.

Es scheint ja so einfach zu sein: Die großen Nachrichtenagenturen verbreiten jede als ad hoc deklarierte Pressenotiz flächendeckend und unkommentiert. Was zum Schutz der Anleger gedacht war, ist zu einer riesigen Lawine aus Infomüll verkommen.

Nichts ist unwichtig genug, um nicht ad hoc mitgeteilt zu werden.

Der Internet-Kunsthändler Artnet beraumt auf diesem Weg eine Analystenveranstaltung an. Edel Music verbreitet, dass sich das Management aller Töchter erstmals vor Weihnachten zu einem gemeinsamen Treffen in Miami zusammengefunden hat. Metabox verkündet eine einstweilige Verfügung gegen den Telekommunikationsanbieter Teles. Und Teles wiederum beschwert sich per Adhoc-Mitteilung, dass die Telekom ihre Preissenkung nicht per Ad-hoc-Mitteilung bekannt gibt.

Die Kurswirkung solcher PR-Meldungen ist bescheiden. Und wenn, wie im September beim Gentechnik-Wert Morphosys geschehen, eine Nachricht die Notierung innerhalb weniger Stunden um zeitweise über 70 Prozent nach oben jagt, ist das Feuerwerk oft schnell wieder verpufft.

Drei Wochen später war auch das Morphosys-Papier wieder auf sein altes Niveau abgesunken.

Ihren Kredit bei den institutionellen Anlegern verspielen vor allem Unternehmen, die ihren Kurs zunächst durch eine Flut positiver Meldungen nach oben ziehen und sich wenig später durch schlechte Nachrichten selbst korrigieren. Nicht umsonst verzeichnen besonders mitteilsame Unternehmen wie das Softwarehaus CPU oder die Berliner Teles herbe Kurseinbußen.

4. Signal: Gierige Altaktionäre

Gleich von Beginn an ins Trudeln kommen die Kurse von Unternehmen, deren Eigentümer allzu kräftig abkassieren. Wer seine Anteile verkauft, so die Überzeugung von Analysten, glaubt nicht mehr an den Erfolg des eigenen Unternehmens. Zwar dürfen die Altaktionäre in den ersten sechs Monaten nach dem Börsengang keine Anteile abgeben; andernfalls drohen Geldstrafen oder der Ausschluss vom Neuen Markt. Doch davor und danach können sie tun und lassen, was sie wollen.

So starteten beispielsweise der Softwareanbieter Netlife und der Film- und Musikvideo-Spezialist Das Werk mit Schulden in zweistelliger Millionenhöhe an der Börse. Die Alteigentümer hatten bei der Umwandlung ihrer als GmbH gegründeten Firmen in eine AG auf Bargeld bestanden, anstatt sich wie sonst üblich mit Aktien der neuen Gesellschaft zu begnügen. Die Zahlungen an die Gründer standen beim Börsenstart im vergangenen Sommer als bleischwere Kreditpositionen in den Bilanzen beider Unternehmen.

Beide Werte sind nach monatelanger Talfahrt erst jetzt wieder bei den Kursen des Börsenstarts. Und das, obwohl die Netlife-Altgesellschafter den Deal längst rückgängig gemacht hatten.

5. Signal: Kurspflege

Auf eine ganz andere Weise verdarb es sich die österreichische Beko Holding mit den Investoren.

Nur wenige Monate nach dem Börsengang begannen die Wiener, eigene Aktien zurückzukaufen. Bei traditionsreichen Konzernen wie Schering oder der BASF treiben Aktienrückkäufe in der Regel die Kurse nach oben. Doch bei Wachstumsunternehmen ticken die Investoren anders. Die Beko-Notierung gab erst einmal nach.

Grund der Verstimmung war der fatale Eindruck, Beko wisse nicht so recht wohin mit dem Geld der Aktionäre. Beim Börsengang, so die säuerliche Argumentation der Investmentprofis, sei schließlich Kapital eingesammelt worden, um das Unternehmenswachstum zu finanzieren - nicht, um den eigenen Aktienkurs zu pflegen.

Eigentlich hätte die Raiffeisenzentralbank Österreich als Emissionshaus und Börsenberater den Beko-Vorständen das Vorhaben ausreden müssen. Aber die Banker nahmen das Aktienrückkaufprogramm der Beko-Vorstände hin. So etwas spricht nicht für die Emissionsbank.

6. Signal: Qualität der Emissionsbank

Für den Börsenstart sind Unterlassungssünden und Patzer der Emissionsbanken fatal. Beispiel: Ende Januar kündigte die Gontard & Metallbank, ohne das Urteil der Zulassungskommission abzuwarten, den Bör- senstart des Telekommunikationsunternehmens Comtelco für den Neuen Markt an. Als die Deutsche Börse die Zulassung versagte, wich die Metallbank kleinlaut auf den Geregelten Markt aus.

Für den Kurs heißt das nichts Gutes, der Geregelte Markt gilt als weniger lukrativ. Der Comtelco wird noch einige Zeit der Ruf nachhängen, dass es für den Neuen Markt nicht gereicht habe.

Bezeichnend, dass ein solches Missgeschick ausgerechnet der Metallbank unterlief. Das Frankfurter Geldhaus steht zusammen mit seinem Großaktionär, der Gold-Zack-Gruppe, ohnehin unter verschärfter Beobachtung.

Zum einen hält der Firmenverbund um Gold-Zack-Chef Dietrich Walther stets größere Aktienpakete seiner Börsenkandidaten und mischt über den Aufsichtsrat auch nach dem Börsengang noch kräftig mit.

Zum anderen gehen mit den Börsengängen des Softwarehauses Datadesign und des Altenheimbetreibers Refugium zwei der größten Flops des Neuen Marktes auf das Konto des Emissionsverbunds.

Bei Datadesign wird heute kein Hehl mehr daraus gemacht, dass die Prognosen, die das Venture-Capital-Unternehmen Knorr Capital, damals noch Bestandteil des Gold-Zack-Imperiums, schöngerechnet waren. Der Kurs verdoppelte sich innerhalb weniger Wochen. Genauso schnell ging es mit Datadesign abwärts. Im Frühjahr 1999 mussten die Planzahlen zum ersten Mal korrigiert werden, die zweite Korrektur folgte im Herbst. Bereits im Sommer 1999 verabschiedete sich Firmengründer Stefan Pfender aus dem Vorstand. Er sei mit dem Trubel im Vorfeld des Börsengangs überfordert gewesen. Für das Geschäft sei damals keine Zeit geblieben. Engültig verabschiedete er sich allerdings erst Anfang Februar, als er sein Aktienpaket an Investoren aus dem Gold-Zack-Umfeld verkaufte.

Auch der als Hoffnungsträger eingekaufte Vertriebsvorstand Wolfram Themann nahm wenige Monate nach seinem Einstieg wieder Abschied. Die einstigen Partner Datadesign und Knorr Capital verkehren heute nur noch vor Gericht miteinander.

Noch viel schlechter sah der Gold- Zack-Verbund beim Altenheimbetreiber Refugium aus. Im Sommer 1997 am Neuen Markt mit 35 Mark gestartet, explodierte der Kurs bis zum April '98 auf rund 90 Mark.

Eine einzigartige Luftnummer. Firmengründer Paul Kostrewa (56) war der Herr über ein verschachteltes Gebilde, in dem sich auch der zeitweilige Aufsichtsratschef und Gold-Zack-Mehrheitseigner Dietrich Walther nicht zurecht fand. Die Refugium war, so sieht es der heutige Vorstandschef Klaus Küthe, als Geldvermehrungsmaschine angelegt, die vor allem für Kostrewa arbeitete.

Das Spiel ging nicht lange gut. Kostrewa stieg als Refugium-Vorstand aus. Mit einer Kapitalerhöhung schienen im vergangenen Sommer die Probleme bereinigt.

Weit gefehlt. Nur zwei Monate später meldete der neue Refugium-Chef Klaus Küthe Verluste von 72 Millionen Mark. Die Bilanzen der Jahre '97 und '98 will er für ungültig erklären lassen. Das aber scheitert am Widerstand von Gold-Zack-Chef Walther. Erst nachdem die Verbindungen zum Emissionshaus endgültig gekappt sind, kann Küthe auch diese Altlasten beseitigen.

Ein Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen zeigt erst jetzt das Ausmaß des Desasters. Schon im Jahr des Börsenstarts schrieb Refugium nach dem Going Public rote Zahlen. Die für 1997 ausgewiesenen Gewinne beruhten auf Luftbuchungen und Scheingeschäften. Gewinn hat die Refugium im operativen Geschäft seit Börsenstart nie gemacht. Gegen die ehemaligen Vorstände Paul Kostrewa und Franz-Ludwig Solzbacher ermittelt inzwischen die Bonner Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Bilanzfälschung. Auch wenn bei Datadesign und Refugium kräftig aufgeräumt wurde - das Vertrauen der Investoren ist weg, die Wachstumsgeschichte kaputt. Die Unternehmen werden lange brauchen, bis ihnen die Investoren wieder vertrauen.

Schnell kommt nur einer wie Münchhausen aus jeder Bredouille heraus. Einer, der es schafft, sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen. So einfach geht es nicht am Neuen Markt. Dietmar Palan

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