Preissprünge bei Metallen Wie die Autoindustrie in die Rohstoffkrise rutscht

Die Preisrally an den Rohstoffmärkten trifft die Automobilindustrie empfindlich. Den Herstellern drohen Materialmangel, hohe Mehrkosten und Lieferverzögerungen. Ein Überblick.
Schatz vom Polarkreis: Das russische Unternehmen Nornickel ist Weltmarktführer in der Nickel- und Palladiumproduktion

Schatz vom Polarkreis: Das russische Unternehmen Nornickel ist Weltmarktführer in der Nickel- und Palladiumproduktion

Foto: TATYANA MAKEYEVA / REUTERS

Die Eskalation des Ukraine-Kriegs sorgt für eine Preisrally an den Rohstoffmärkten. Nicht nur die Preise für Öl und Gas kletterten auf den höchsten Stand seit vielen Jahren. Auch die Preise vieler Edel- und Industriemetalle, die etwa in Autos verwendet werden, stiegen rasant an. In den Vorstandsetagen herrscht Alarmstimmung. "Was passiert jetzt?", fragte bereits vergangene Woche Stellantis-Chef Carlos Tavares (63). "Wir sehen eine Kostensteigerung bei Rohstoffen und Energie, die Druck auf das Geschäftsmodell ausüben wird."

Rohstoffe wie Nickel, Palladium, Aluminium erreichten in dieser Woche Rekordpreise – und schickten neue Schockwellen in die Autobranche. Obwohl Metalle bisher noch nicht von den westlichen Sanktionen betroffen sind, halten sich einige Spediteure und Autozulieferer bereits von russischen Produkten fern. "Der Krieg sorgt für zusätzliche große Unsicherheit beim Import von Rohmetallen und metallhaltigen Vorstoffen", warnt BDI-Präsident Siegfried Russwurm (58). Am Markt führt das zu Engpässen – und aus Furcht vor Lieferausfällen zu Panikkäufen und drastischen Preissteigerungen.

In Krisensitzungen mit Zulieferern werde gerade "Katastrophen-Tetris" gespielt, heißt es bei einem Autohersteller: "Was bekommen wir wegen der Kämpfe nicht, was bekommen wir wegen der Sanktionen nicht, was bekommen wir wegen der Pandemie nicht." Praktisch alle großen Autobauer von BMW bis Volkswagen mussten die Produktion wegen fehlender Teile bereits drosseln oder ganz aussetzen. Schaeffler-Chef Klaus Rosenfeld (55) erklärte am Montag: "Nach Corona ist das der nächste signifikante Schock, den es zu überstehen gilt."

Drei Rohstoffe stehen besonders im Fokus: Nickel, Palladium und Aluminium.

Der Nickel-Preis trifft besonders Elektrofahrzeuge

Den größten Preissprung machte das Metall Nickel, das zur Veredelung von Stahlprodukten sowie in der Herstellung von Batterien etwa für Elektroautos eingesetzt wird. Allein seit Montag hat sich der Preis in der Spitze mehr als verdreifacht . Am Dienstag verdoppelte sich der Nickelpreis und war mit zeitweise 101.365 Dollar je Tonne so teuer wie nie zuvor. Die Londoner Metallbörse LME setzte sogar den Handel mit Nickel vorerst aus nach – möglicherweise für mehrere Tage. In Shanghai stieg der Terminkontrakt am Mittwoch um 17 Prozent auf ein Rekordhoch von 267.700 Yuan je Tonne und erreichte damit ein Handelslimit.

Rohstoffexperten führen den extremen Preisanstieg auf befürchtete Lieferengpässe zurück. Gleichzeitig waren Spekulanten, die zuvor auf fallende Preise gesetzt hatten, unter Zugzwang geraten. Einige Player seien offenbar vom Ukraine-Krieg auf dem falschen Fuß erwischt worden, sagte Commerzbank-Analyst Daniel Briesemann. Verzockt hatte sich offenbar vor allem ein chinesischer Tycoon, dem nach dem beispiellosen Preisanstieg in dieser Woche ein Verlust in Milliardenhöhe droht, wie Bloomberg berichtet.

Bereits vor dem Krieg in der Ukraine war der Nickelpreis wegen des knappen Angebots deutlich gestiegen. Binnen eines Jahres vor dem Kriegsbeginn legte er um rund 50 Prozent zu. Der Krieg verschärft die Sorge der Autobauer um den Nickel-Nachschub. Caspar Rawles von der Beratungsfirma Benchmark Mineral Intelligence (BMI) sagt, Russland steuere zwar nur fünf Prozent der weltweiten Nickelproduktion bei, liefere aber von hochwertigem Nickel ein Fünftel. "Das ist die größte Sorge für die Batterie-Lieferkette, die mit Rekordpreisen für Lithium und sehr, sehr hohen Kobaltpreisen zu kämpfen hat."

Einen schnellen Ersatz werden die Hersteller kaum finden. Immerhin: BMW will verstärkt Recyclingmaterial zum Einsatz bringen. Im neuesten Modell iX kämen bis zu 50 Prozent Recycling-Nickel zum Einsatz, sagt eine Sprecherin.

Russland war 2019 der drittgrößte Nickelförderer nach Indonesien und den Philippinen, beim raffinierten Nickel steht das Land auf Position zwei. Mit einem Verbrauch von rund 50.000 Tonnen Raffinadenickel lag Deutschland laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) hinter China, Indonesien, Japan, den USA, der Republik Korea und Indien 2020 auf dem weltweit siebten Rang. In der EU war Deutschland größter Nickelverbraucher vor Italien und Belgien.

Keine Katalysatoren ohne Palladium

Auch der Preis für Palladium schoss infolge von Panikkäufen in die Höhe. Der Preis für eine Feinunze (31,1 Gramm) des Edelmetalls stieg in London Zu Beginn der Woche bis auf 3442 Dollar und damit auf ein Rekordhoch. Inzwischen beruhigte sich der Preis aber, am Mittwoch fiel er auf rund 3005 Dollar je Feinunze. Palladium wird unter anderem für die Herstellung von Katalysatoren für Benziner verwendet.

Nach Berechnungen der Deutschen Rohstoffagentur kamen 2020 18 Prozent des in Deutschland verwendeten Palladiums aus Russland. Weitere Herkunftsstaaten sind Italien, Großbritannien und die USA. Vom globalen Bedarf an Palladium stammt rund die Hälfte aus Russland und der Ukraine – wovon 70 Prozent in die Autobranche geht. Der Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Peter Adrian, warnte daher bereits vor Lieferverzögerungen bei Autos wegen ausbleibenden Palladiums aus Russland.

Das Edelmetall statt aus Russland aus anderen Regionen zu beziehen, sei nicht so einfach, weil es überall knapp sei, sagte Henrik Marx, Leiter des Edelmetallhandels bei Heraeus. Und auch technisch gibt es in der Autoproduktion keine Ausweichmöglichkeit. Laut Chris Blasi, Chef des Edelmetallhändlers Neptune Global, gebe es keine andere Option als Palladiumkatalysatoren herzustellen. "Und ohne Katalysator kann man kein Auto bauen." Er schätzt den Wert des in einem Katalysator eingesetzten Palladiums auf rund 200 Dollar. Die Kosten könnten sich aber auch verdoppeln.

Aluminium-Kosten in vier Monaten mehr als verdoppelt

Einen Rekord verzeichnete zu Beginn der Woche auch der Preis für Aluminium, der am Montag um 3,9 Prozent zulegte und mit mehr als 4000 Dollar je Tonne so teuer wie nie war. Mittwoch notierte der Preis bei 3519 Dollar je Tonne.

Russland ist ein großer Hersteller von Aluminium mit 6 Prozent an der weltweiten Produktion. Laut der deutschen Rohstoffagentur ist Aluminium das weltweit bedeutendste Leichtmetall und wird vor allem in der Automobilindustrie und Bauindustrie, aber auch für Leichtverpackungen und in zahlreichen anderen Anwendungsgebieten verwendet. In der Autoindustrie kommt es vor allem für die Karosserie zum Einsatz.

Obwohl auch Aluminium noch nicht auf der Sanktionsliste steht, boykottieren Händler hierzulande russisches Aluminium. So hat sich die norddeutsche Voss Edelstahlhandel dazu entschlossen, aus dem Geschäft mit Lieferanten aus Russland auszusteigen. Gleichzeitig besteht wie bei Nickel oder Palladium die Gefahr, dass Russland als Gegenmaßnahme zu den Sanktionen des Westens seine Lieferungen von sich aus einschränkt. Der russische Konzern Rusal etwa ist der weltweit zweitgrößte Produzent von Aluminium.

Andreas Weller, Chef des Aluminium-Verarbeiters Aludyne, einem Unternehmen, das Aluminium- und Magnesiumdruckgussteile für Automobilhersteller herstellt, beziffert den Kostenanstieg im Europa-Geschäft allein für die vergangenen vier Monate auf 60 Prozent. Dazu kommen die höheren Energiepreise. Diese Kosten müsse er weitergeben: "Einige verstehen das besser und sind kooperativer als andere, aber wir können sonst nicht überleben."

Die Frage ist nun, wie sich die erhöhten Rohstoffpreise auf den Markt auswirken. Die Analysten der Schweizer Großbank UBS erwarten, dass die großen Hersteller angesichts der hohen Nachfrage in den wichtigsten Märkten die Preiserhöhungen wohl an die Kundschaft weitergeben könnten. Neuwagen würden demnach teurer werden.

Für die Zulieferer ist das wohl nicht so leicht möglich. Sie, so schätzen die UBS-Banker, würden wahrscheinlich weiterhin unter Margendruck leiden. Bei Continental traute man sich in dieser Woche nicht mal zu, Szenarien für die Auswirkungen zu erstellen. Dass die Rohstoffpreise steigen, ist klar; nicht nur bei Metallen, auch bei ölbasierten Rohstoffen etwa für die Reifenproduktion. Kann sein, dass der Zulieferer darauf sitzen bleibt. "Wir haben 2021 unsere Preise regelmäßig überprüft, haben das auch dieses Jahr vor", sagt Finanz-Chefin Katja Dürrfeld. "Was wir durchsetzen können, hängt aber von der Marktlage ab."

dri/dpa-afxp/reuters/afp