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Kunst der Gegenwart Wegweiserin

Warum der Kompass von Linde Rohr-Bongard als wichtigstes Ruhmesbarometer der internationalen Szene gilt.
aus manager magazin 11/2008

In den 70er Jahren diskutierte sie lange Abende mit Joseph Beuys und Heinrich Böll. In den 80ern übernachtete sie regelmäßig bei Jeanne-Claude und Christo in deren Haus in New York. Anfang der 90er erforschte sie mit dem Galeristen Gerd Harry Lybke - ihrem Freund Judy - die ostdeutsche Szene. Und im kommenden Jahr übernimmt sie voraussichtlich eine Gastprofessur an der ältesten Universität Shanghais.

Seit fast 40 Jahren zählt Linde Rohr-Bongard zum festen Inventar der internationalen Kunstwelt. Mehr noch - die Herausgeberin des Kunstkompasses besetzt eine außergewöhnliche Position. Denn ihre Rangliste, die ab sofort exklusiv im manager magazin erscheint, gilt international als der kompetenteste Maßstab für die Bedeutung zeitgenössischer Künstler.

Gefürchtet und geliebt - der allherbstlichen Veröffentlichung der Rangliste fiebern Künstler, Galeristen und Sammler rund um den Globus entgegen. Da spricht der weltberühmte Maler Sigmar Polke die Kölnerin auf der Treppe zur Bibliothek des Museums Ludwig an: "Wo stehe ich?" Der langjährige Spitzenreiter Bruce Nauman lässt sich das Ruhmesbarometer regelmäßig von seiner Galerie Leo Castelli in sein abgeschiedenes Refugium in New Mexico faxen.

Zeigt doch das Ranking der Top 100 an, welche lebenden Maler, Bildhauer, Fotografen und Performance-Artisten zu den Herausragenden ihrer Zunft gehören. Wer hier auf Platz eins steht, kann sich mit Fug und Recht als "der Größte" unter den Kreativen fühlen.

Die Punktewertung dient indes nicht nur der Selbstbespiegelung der Kunstschaffenden oder als Orientierungshilfe für Museums- und Galeriebesucher. Sie hat sich über die vergangenen 38 Jahre auch als zuverlässiger Wegweiser für Sammler und Investoren erwiesen.

Die Werke der im Kompass Versammelten haben fast ohne Ausnahme eine höchst erfreuliche Wertentwicklung genommen. So kostet ein Bild des US-Malers Cy Twombly heute fast 160-mal so viel wie 1970. Die Taxen für Produkte des Bildhauers Richard Serra erhöhten sich seit der Kompass-Gründung sogar um bis zum 300-Fachen. Werke von Jeanne-Claude und Christo, die damals 5000 bis 17 500 Euro brachten, erlösen heute 280 000 bis 600 000 Euro.

"Was teuer ist, hat vermutlich auch hohe Qualität", konstatiert Wieland Schmied, langjähriger Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, einen Zusammenhang zwischen Preis und Bedeutung eines Kunstwerks. Eine Prognose über den Marktfaktor Ruhm zu wagen, diesen "höchst ernsthaften, wenn auch notwendigerweise unvollkommenen Versuch", unternehme der Kunstkompass seit Jahren. Will heißen: Der Leitfaden kann helfen, Geld in Gegenwartskunst anzulegen.

Sachkundige Unterstützung beim Investment in Bilder oder Skulpturen - mit dieser Intention entwickelte der Journalist Willi Bongard 1970 denn auch den Kunstkompass. Jahrelang hatte er da schon für den Wirtschaftsteil der "Zeit" über Kunst als Ware geschrieben und die Intransparenz des Kunstmarktes angeprangert. Zugleich fragte er sich - wohl wie die meisten Betrachter zeitgenössischer Exponate - "Was ist große Kunst?"

Seine Antwort: Kunst ist eine soziale Übereinkunft - nämlich das, was die wenigen, die sich damit befassen, darunter verstehen. Entsprechend zog Bongard nicht Marktwerte und Auktionserlöse, sondern die Resonanz der Fachwelt - sprich Kuratoren und Kritiker - als Richtschnur für die Beurteilung der Gegenwartskunst heran.

So erfasste der Analytiker die öffentliche Exposition Hunderter Künstler und vergab je nach Auftritt Ruhmespunkte - besonders viele für Einzelausstellungen in großen Museen, etwas weniger für Beteiligungen an Gruppenevents wie der Documenta Kassel und noch weniger für Artikel in der Fachpresse.

Die aus den kumulierten Punkten entstandene Rangfolge der berühmtesten Künstler fachte damals eine aufgeregte Debatte an. Als "skandalös" und "kommerziell" verfluchten viele Protagonisten die Liste, die auch noch im Wirtschaftsblatt "Capital" erschien.

An der heftigen Auseinandersetzung beteiligte sich auch die junge Künstlerin Heidelinde Rohr, genannt Linde, die sich ihre Studien der Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie sowie der Kunst an der Akademie in Düsseldorf mit Rezensionen finanzierte. In der Diskussion mit dem älteren Kollegen flogen die Funken - und entzündeten eine leidenschaftliche Liebe.

Ab 1971 lebten und arbeiteten die beiden zusammen in Köln in einer Atelierwohnung im berühmten Galeriehaus in der Lindenstraße. In den Ausstellungsräumen präsentierten die Stars der Kunstwelt ihre jüngsten Werke, im Innenhof trafen sich Gäste wie der Pop-Artist Claes Oldenburg oder Monumentalbildhauer Serra mit den Bewohnern.

Mittendrin wirbelte die quirlige junge Frau, bekochte die Clique. Das bis heute stets farbenfroh gekleidete Temperamentsbündel mit dem Spitznamen "Ballerina" tanzte, sang, lachte und bestach dennoch mit Kreativität, Realitätsbezug und Tatkraft. Die Beziehungen, die das "Blumenmädchen" - Polke nennt sie so - damals knüpfte, bestehen dank ihrer ansteckenden Fröhlichkeit bis heute.

Ein Grund, warum es ihr immer wieder gelingt, ihre zu Megastars avancierten Freunde zu Editionen zu bewegen. Seit 1995 erscheinen regelmäßig zum aktuellen Kompass hochwertige Kleinauflagen von Meistern wie Günther Uecker, Nam June Paik, Rosemarie Trockel, Jörg Immendorff oder Polke - und jetzt exklusiv für manager magazin ein Holzschnitt von Georg Baselitz (Seite 221).

Viele aus dem intellektuellen Völk- chen aus der Lindenstraße - allen voran Beuys mit seinem erweiterten Kunstbegriff - beteiligten sich an der Weiterentwicklung des Kompasses, den das Paar Rohr-Bongard gemeinsam erstellte. Bis heute helfen Künstler und Kuratoren mit, die wichtigsten Ausstellungen zu identifizieren, feilen mit an der Bewertung. So stieg die Zahl der Parameter kontinuierlich an. Mit der Bemessungsgrundlage wuchs auch das Ansehen dieses einmaligen Bewertungssystems, von dem Baselitz gesteht: "Ich bin immer sehr, sehr neugierig auf die Ergebnisse."

Dann 1985 der Schicksalsschlag. Willi Bongard, der inzwischen gemeinsam mit seiner Frau und Beuys in Nümbrecht im Oberbergischen Land eine Schule für Kreativität betrieb, starb bei einem Autounfall. Beuys musste all seine Überzeugungskraft aufwenden, um Bongards Partnerin zu überreden, die Rangliste weiterzuführen.

Nachdem sie sich jedoch für den Kompass und gegen ihre Künstlerkarriere entschieden hatte, stürzte sich Rohr-Bongard mit der ihr eigenen Verve in die Arbeit. 1988 renovierte sie das Bewertungsschema gründlich. Zu fest hatten sich die Superstars, die mit ihren über die Jahre aufgehäuften Punkten einen uneinholbaren Kontostand erreicht hatten, an der Spitze eingenistet. Gemeinsam mit einem Informatiker entwickelte sie ein neues System, das in der Vergangenheit erwirtschaftete Punkte auf einem Sonderkonto deponierte und somit auch dem Nachwuchs eine Chance eröffnete.

Zudem erfasste sie nur mehr lebende Künstler. Verstorbene Ikonen wie Andy Warhol und Beuys existieren weiter in der Sonderauswertung "Olymp" und akkumulieren dort weiter fleißig Ruhm in ihrer eigenen Kategorie.

Zudem dehnte die agile Journalistin das Spektrum der in der Wertung berücksichtigten Ausstellungen und Publikationen sowie die Zahl der erfassten Künstler enorm aus. Möglichst viele der wichtigen Museen, der Biennalen und Messen besucht sie selbst. Regelmäßig arbeitet sie sich durch die Literatur von "Flash Art" bis "Art in America". Auf der Suche nach Trends und jungen Künstlern jettet sie um die Welt - allein in den vergangenen 16 Monaten nach Istanbul, Singapur, Abu Dhabi, Peking und Shanghai. Und daneben natürlich zu den üblichen Verdächtigen von der Nationalgalerie in Berlin über die Tate Modern in London und das Moma in New York bis zum Kunsthaus Zürich.

"Immer in Bewegung bleiben, damit sich was bewegt", nennt sie ihren Wahlspruch - und auch den Grund für ihren Wechsel vom Rhein an die Elbe. Für seinen neuen Auftritt bei manager magazin verpasst die Herausgeberin ihrem Kompass deshalb erneut ein Lifting.

Sie modifizierte mit ihrem langjährigen Technikpartner, der die unzähligen Daten zu den derzeit rund 16 000 Künstlern in ihrem Computer betreut, den Rechenmodus. Die in den vergangenen fünf Jahren ergatterten Punkte werden dabei stärker gewertet als ältere, wobei die letzten zwölf Monate das prozentual größte Gewicht erhalten.

Auch das Portfolio an Ausstellungen wuchs weiter - auf insgesamt 233 Museen und 118 Gruppenevents. Rund 40 neue Venues kamen hinzu - darunter Bombay, Seoul, Delhi, Peking und Moskau. Begeistert berichtet die Fachfrau, die Biennale in Istanbul sei "fantastisch experimentierfreudig" und Peking entwickle sich zum "brausenden Kulturzentrum".

Und mittendrin im Brausen und Toben der verwirrend schillernden Kunstwelt steht ihr Kompass - und gibt Orientierung. Eva Müller

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