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Web-Studien

Zukunftschancen: Kompetenz im E-Commerce erhöht die Chance auf Spitzenjobs - auch in der alten Wirtschaft. Einige deutsche Hochschulen bieten jetzt innovative Ausbildungsgänge. Ein mm-Report.
aus manager magazin 2/2001

Neuerdings wird das Thema eher gemieden: New Economy, E-Commerce, E-Business. Schweigen breitet sich aus. Eine Fehlreaktion. Dem Netz gehört die Zukunft im Handel mit den Endverbrauchern und im Handel zwischen Unternehmen. Studenten der Wirtschaftswissenschaften, die sich mit dem technologischen Wandel nicht auseinander setzen, werden immer seltener auf den Kandida- tenlisten für Spitzenpositionen auf-tauchen.

Die deutschen Hochschulen reagieren mit erstaunlicher Schnelligkeit und Kreativität. Immer mehr Unis und Fachhochschulen lehren E-Commerce und E-Business. Die Angebote sind vielfältig: Neue Kundenbeziehungen über das Netz, veränderte Finanzdienstleistungen, faszinierende Gestaltungsoptionen für Websites und Wissensmanagement.

Erste Absolventen stehen bereits auf dem ausgehungerten Arbeitsmarkt. In ein, zwei Jahren werden viele weitere folgen.

Ihr Titel wird nicht der Dr. rer. net sein. E-Commerce ist nirgends ein Hauptfach. Das wäre, wie alle Gesprächspartner auf einer Reise durch die deutsche Bildungslandschaft bekundeten, ein Irrweg. E-Commerce und E-Business wird vielmehr als neuer Kern in die klassischen Studienfächer der Ökonomie integriert.

manager magazin beschreibt fünf Initiativen, die beispielhaft sind.

FRANKFURT:

Last-Wednesday-Party

Vor knapp zwei Jahren richtete die Universität Frankfurt im wirtschaftswissenschaftlichen Schwerpunkt

"Wertschöpfungsmanagement" den ersten deutschen Lehrstuhl für E-Commerce ein. Bernd Skiera ereilte der Ruf. Er ist mit 33 Jahren Frankfurts jüngster Professor, und er begeistert Studenten wie Alex Michel (24) und Sonja Peichl (26).

Im vergangenen Semester setzten sie sich zum Beispiel mit der "Personalisierung im Netz" auseinander: Wie kommt ein Unternehmen an die Daten seiner Kunden, an Informationen über Gewohnheiten und Wünsche? Was ist "User-Tracking" und "Collaborative Filtering"? Wie können die Kunden dazu gebracht werden, ihre persön-lichen Daten wahrheitsgetreu preiszugeben?

Einige Kommilitonen durchsuchten das World Wide Web nach Beispielen, andere entwarfen Businesspläne und Geschäftsmodelle.

Was sie erarbeitet hatten, konnten die Studenten in der Diskussion mit Praktikern überprüfen. Professor Skiera lud Manager von McKinsey, Brokat, e-sap und anderen Unternehmen zu Vorträgen. Für das nächste Semester steht Holger Wohlenberg, Investmentbanker bei der Deutschen Bank, für eine Vorlesung auf dem Plan: "Performance Management von Internet-Unternehmen".

Die Studenten ihrerseits haben eine eigene Kommunikationsschiene zur Praxis aufgebaut. Inspiriert von Julie Meyers First-Tuesday-Partys, zu denen sich an jedem ersten Dienstag im Monat weltweit Start-up-Gründer und Venture-Capital-Geber zusammenfinden, haben die Frankfurter einen ähnlichen Treffpunkt eingerichtet. Sonja Peichl, Alex Michel und ihre E-Commerce-begeisterten Kommilitonen treffen sich jeden letzten Mittwoch im Monat mit Unternehmern und Managern zur Last-Wednesday-Party.

AUGSBURG:

Geldverkehr im Web

An der Uni Augsburg konzentrieren sich die Wirtschaftswissenschaftler im Rahmen von E-Commerce auf das Financial Management. Wie ist das mit dem Geld in Zeiten des Internets und personalisierter Märkte? Wie kann ein Unternehmen neue Kunden gewinnen, wenn die Leute ständig von einer Website zur anderen surfen und nie da sind, wo eine Marketingkampagne sie erreichen will?

"Multi-Channel-Management am Beispiel der Finanzdienstleistungsbranche" war auch ein Referatsthema von Annette Renz (24) und Jochen Dzienziol (25), die im neuen Studiengang "Financial Management and Electronic Commerce" den Master of Science anstreben.

Die Kombination von E-Commerce und Finanzen soll ein Markenzeichen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Augsburg werden. Keine andere Uni oder Fachhochschule bietet derzeit eine vergleichbare Ausbildung an.

"Unsere Absolventen haben ausgezeichnete Berufschancen", sagt BWL-Professor Hans Ulrich Buhl. Die Studenten müssen allerdings hart für ihr Diplom arbeiten: Wirtschaftsinformatik, Controlling, Finanz- und Bankwirtschaft, Besteuerung, mathematische Methoden - und das alles im Licht der neuen technologischen Möglichkeiten für die Verbreitung von Finanzdienstleistungen.

Ein anstrengendes Programm. Besonders für Jochen Dzienziol, der nebenbei noch als Stipendiat die Bayerische Eliteakademie besucht, mit der Augsburg eng zusammenarbeitet. Annette Renz hat sich zusätzlich für ein deutsch-französisches Doppelstudium eingeschrieben. "Wir sind eben keine Nullachtfünfzehn-Studenten", sagt Dzienziol. Das klingt nicht arrogant, nur selbstbewusst.

BERLIN:

Kunst und Kommerz

E-Business in Berlin zu studieren, das heißt, sich an der Hochschule der Künste (HdK) einzuschreiben. Das verwundert manchen Kandidaten.

Gleich zwei Gründe sprechen für diese ungewohnte Kombination. Erstens die Tatsache, dass Web-Auftritte von Unternehmen attraktiv gestaltet sein müssen - am besten von Gestaltern, die auch wirtschaftliche Grundkenntnisse besitzen.

Zweitens sind die bürokratischen Wege bei der Einrichtung neuer Studiengänge in der HdK offenkundig kürzer als an klassischen Universi-täten.

Der erste Punkt wird schon bei der Bewerbung offensichtlich: Die Zulassungskommission für das Studium zum "Diplom-Designer Electronic Business" verlangt neben dem Nachweis eines abgeschlossenen Grundstudiums in wirtschaftsnahen Dis-ziplinen eine "elektronische Bewerbungsmappe". Sie muss eine Selbstdarstellung des Bewerbers enthalten, dazu Arbeitsproben für die Gestaltung von Websites, die sachkundige Kommentierung von drei Internet-Seiten und eines Geschäftsmodells aus dem E-Commerce.

"Sie dürfen unsere Ausbildung nicht nur als eine reine Gestaltungslehre missverstehen", korrigiert Rainer Noack (24). Seine Kommilitonin Bettina Maisch (29), die nach der beruflichen Praxis in einer Werbeagentur an die HdK wechselte, erläutert das Konzept: "Wir lernen hier alles: von der Mediengestaltung über Marketing bis zu Geschäftsmodellen des Electronic Business."

Dieses Angebot zieht Interessenten aus den unterschiedlichsten Studiengängen an. An der HdK tummeln sich Absolventen der Wirtschafts- und Gesellschaftskommunikation, der BWL und der Informatik.

BOCHUM:

Fitnesskur für den Arbeitsmarkt

Der Schwerpunkt E-Business wird an der Fachhochschule Bochum nach dem BWL-Grundstudium angeboten und dauert drei Semester.

"Ich will mich mit meinen Kenntnissen von E-Business für den künftigen Arbeitsmarkt interessant machen", sagt Christiane Becker (27), gelernte Handelsassistentin. "Da kommt so viel Neues auf uns zu. Ich habe ja vorher von der Gestaltung einer Homepage noch nie etwas gehört."

Den Schwerpunkt E-Business lehrt vor allem Heinz Siebenbrock. Er beschäftigt sich mit den neuen Anforderungen an die innerbetriebliche Organisation und Planung. Hinzu kommen zwei weitere Professoren, die Fertigungswirtschaft und Logistik sowie Informations- und Kommunikationswissenschaft anbieten.

Eine spezielle Ringvorlesung ist allein Gastreferenten aus der Praxis vorbehalten. So referierte kürzlich Katrin Breidenbach, Projektmanagerin bei der jungen Beratungsgesellschaft Lynx Consulting Group, über Business Knowledge Management.

Der koreanische Student Chong-Won Lim (23) erzählt: "Als ich den Vortrag hörte, war ich schon erstaunt, wie viel sich durch die neue Technik ändert: die Qualität der Kundenbeziehungen oder auch das Wissensmanagement." Lims Traum ist es, das im Studium erworbene Wissen in einem Konzern einzusetzen "und die gesamte innere Wertschöpfungskette" umzubauen.

KÖLN:

Kölsch aus dem Netz

Christopher Nagel (27) studiert in Köln BWL, neben etwa 6000 anderen Kommilitonen. Trotzdem fühlt er sich wie an einer Privatuni. Das liegt daran, dass sich für den Wahlbereich E-Commerce, den der Wirtschaftsinformatiker Dietrich Seibt eingerichtet hat, bislang nur etwa 40 Studenten entschieden haben.

Der erste Kontakt mit der Netz-Wirtschaft war für Nagel über-zeugend: "Gleich zu Beginn der Auftaktvorlesung haben wir über einen Laptop einen Kasten Kölsch bestellt. Geliefert wurde noch während der Vorlesung." Getrunken wurde allerdings, schwört Nagel, erst am Abend.

Praxisbezug spielt neben Vorlesungen über Distributionslehre oder Medienmanagement im Wahlbereich E-Commerce die wichtigste Rolle. So werden manche Vorlesungen von Seibt ins Netz übertragen, per Kamera und live. Die Zuhörer zu Hause können in einem anschließenden Chat Fragen stellen.

Eine zweite Säule des Praxisbezugs sind lebensnahe Projekte mit Unternehmen. Beispiel: Studenten entwerfen im Auftrag des Kaufhof ein Online-Portal für jugendliche Käufer oder arbeiten mit Firmen wie Marketing Net Cologne oder Content Net Cologne an Lösungen für Internet-Auftritte.

Anschließend erfahren sie zum Beispiel in einem Vortrag des Geschäftsführers des Stuttgarter Digital Media Center die Geheimnisse der Entwicklung mobiler Reiseportale. Anschauungsmaterial für die Diskussion in der Lehrveranstaltung "Wireless Internet".

"Diese Vermittlung zwischen Theorie und Praxis macht uns fit für den Beruf", schwärmt Ines Marquardt (26), deren Ziel eine Führungsposition in der PR-Branche ist. Sie findet es eigenartig, dass die meisten BWL-Studenten E-Commerce meiden, weil sie es für ein technisches Fach halten.

Fazit

Grundlegendes Wirtschaftsverständ- nis als Basis für die Nutzung der neuen technologischen Potenziale - das sind die Grundpfeiler neuer akademischer Initiativen. Fünf sind hier beschrieben worden. Sie integrieren das Thema E-Commerce auf fantasievolle Weise in das Wirtschaftsstudium. Weitere Studienangebote finden Sie links in der Übersicht.

Alle Ausbildungsgänge zeigen, dass die Kompetenzen für die Gestaltung von E-Commerce und E-Business keine Zusatzqualifikationen darstellen, die sich mal eben in einem aufgepfropften Kursprogramm vermitteln ließen. Das Internet und die aus dem Web entstandenen neuen Formen der Wirtschaft erfordern universell ausgebildete Führungskräfte: Manager mit wachem Sinn für die Technik und mit betriebswirtschaftlichem Geschick, mit gestalterischer Kreativität und mit klarem Blick für die neuen Kommunikationsformen zwischen Unternehmen und Kundschaft.

Deutsche Hochschulen stellen sich in unterschiedlichen Konzepten der Herausforderung. Studenten, die diesen Impulsen folgen, lösen eine Garantiekarte für ihre persönliche Zukunft. Holger Rust

online

Wo kann ich E-Commerce studieren? Verträgt sich ein Kontaktstudium E-Commerce mit meiner gegenwärtigen Fächerkombination? Diese und andere Fragen beantwortet Holger Rust, mm-Autor und Hochschullehrer, im Chat am 13. Februar von 19 bis 20 Uhr.

www.manager-magazin.de

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