Dienstag, 12. November 2019

Kritik an Sigmar Gabriel "Die Gerechtigkeitsdiskussion läuft gerade völlig falsch"

Sigmar Gabriel stellt die Vorstandsboni in Frage - und erntet Kritik: Alle deutschen Vorstände als raffgierig darzustellen, sei falsch - das Problem liege eher bei den Aufsichtsräten

Bei den Gehältern von Topmanagern sei "Maß und Mitte" verloren gegangen, sagt SPD-Chef Sigmar Gabriel. Vergütungsexperte Helmuth Uder von Willis Towers Watson findet den SPD-Vorstoß "unglaublich populistisch": Deutsche Vorstände als raffgierig darzustellen, gehe an der Realität vorbei. Statt an den Vorstandsgehältern sollte man eher an den Aufsichtsräten ansetzen.

mm: Herr Uder, Dax-Vorstände verdienen zum Teil das Fünfzigfache eines Facharbeiters. Manager erhalten Millionenboni, obwohl einige kriminell gehandelt haben und ihre Unternehmen in der Krise stecken. Finden Sie das gerecht?

Helmuth Uder: Die Grundidee, die hinter jedem Vergütungsmodell steckt, lautet: Nicht jeder Job ist gleich. Es ist ein Unterschied, ob ein Unternehmenschef für 50 Mitarbeiter verantwortlich ist oder für 500.000. In einigen Branchen ist das Gehaltsniveau sehr hoch, in anderen geringer. Das und viele weitere Faktoren spiegeln sich in der Bezahlung von Topmanagern wieder. Ich halte es für wichtig und richtig, dass darüber öffentlich diskutiert wird. Aber man sollte schon bei den Fakten bleiben und nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Die Gerechtigkeitsdiskussion läuft gerade völlig falsch.

mm: Inwiefern? Viele normale Beschäftigte halten Boni in Millionenhöhe für ungerecht.

Helmuth Uder
  • Copyright: Willis Towers Watson
    Willis Towers Watson
    Helmuth Uder ist Managing Director und Head of Talent and Rewards von Willis Towers Watson Deutschland. Er ist seit 1997 in dem Unternehmen tätig und hat mehr als 20 Jahre Erfahrung als Management-Berater im Bereich Human Resources Management Consulting. Uder betreut eine Vielzahl von Dax-Unternehmen.

Uder: Es wird aber so getan, als sei das Festgehalt eines Vorstands der Lohn für seine Arbeit und die Bonuszahlung eine Art Bonbon, das irgendwie obendrauf kommt. Hier liegt ein Grundirrtum vor: Boni sind Teil einer gerechten Vergütung, die sich aus fixen und variablen Bestandteilen zusammensetzt. In jedem Großunternehmen ist das vertraglich klar geregelt und vom Aufsichtsrat abgesegnet. Ich bin dafür, dass über die Höhe der Managervergütung offen diskutiert und auch gestritten wird. Aber bitte sachlich und ohne das Thema zu mystifizieren.

mm: Noch-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) sagt, bei den Managementgehältern sei "Maß und Mitte" verloren gegangen. Er will noch in dieser Legislaturperiode ein Gesetz anstoßen, das den Maximalverdienst an das Gehalt eines durchschnittlichen Facharbeiters koppelt.

Uder: Dieser Vorstoß ist unglaublich populistisch, geradezu absurd, ich kann das nicht nachvollziehen. Da werden alle in einen Topf geworfen und wichtige Fakten außer Acht gelassen.

mm: Zum Beispiel?

Uder: Topmanager tragen eine höhere Verantwortung und arbeiten deutlich mehr als andere Arbeitnehmer. Zudem haben sie Zeitverträge mit unterschiedlich langen Laufzeiten oder besondere Qualifikationen, die es auf dem Markt nicht so häufig gibt. Wie will man da einen fairen Faktor finden? Und was ist bitteschön ein Durchschnittslohn? Müssen Unternehmen, die ihre Forschungsabteilung ausgliedern und dadurch der Durchschnittslohn sinkt, ihren Vorständen anschließend die Gehälter kürzen? Was ist denn da die Basis? Mit Gerechtigkeit hat das nichts zu tun.

mm: Sie sagen also, es gibt keine Exzesse und alles soll bleiben, wie es ist?

Uder: Ich sehe diese angebliche Ungerechtigkeit bei der Mehrzahl der deutschen Unternehmen in der Tat nicht. Aber ich will nicht bestreiten, dass es eine gefühlte Ungerechtigkeit gibt, ausgelöst durch einzelne Unternehmen, deren Vergütungssystem und die Art, Leistung zu beurteilen, nicht gut waren.

mm: Sie sprechen von Volkswagen und der Deutschen Bank… ...

Uder: … ... und vor allem von der aktuellen Debatte, die durchaus auch angebrachte Kritikpunkte enthält. Ich halte es jedoch für falsch, deshalb alle deutschen Vorstände als raffgierig darzustellen. Das stimmt einfach nicht. Die Vergütung des Vorstandes ist Aufgabe des Aufsichtsrats und Aufsichtsräte sind per Gesetz dem Wohl des Unternehmens verpflichtet. Dazu gehört auch, den sozialen Frieden zu wahren. Das heißt in dem Kontext, für eine angemessene und nachvollziehbare Vergütung zu sorgen. Wenn es zurzeit die Wahrnehmung gibt, hier würde etwas aus dem Ruder laufen, dann hat das mehr mit mangelnder Transparenz zu tun als mit mangelnder Gerechtigkeit.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung