Streit um Boni bei VW und Deutscher Bank Verträge sind verbindlicher als Moral

Von Irina Kummert
Von Irina Kummert
Volkswagen will bis zu 30.000 Stellen abbauen und damit Verluste auf Kosten der Mitarbeiter ausgleichen. Bei der Deutschen Bank sollen auch die Vorstände in Haftung genommen werden und ihre Bonuszahlungen zurückerstatten. Das klingt gerecht - ist aber ein zweischneidiges Schwert.
Foto: FABIAN BIMMER/ REUTERS
Irina Kummert

Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft und Mitglied der Ethikkommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Seit 2003 ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung IKP Executive Search.

Donald Trump hat nach seiner Wahl zum US-Präsidenten erklärt, dass er auf sein Präsidentengehalt verzichten wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass seine politischen Entscheidungen deshalb richtig oder moralisch unfehlbar sein werden, steigt damit nicht. Allerdings wird es deutlich schwerer, ihn bei unliebsamen oder gar falschen Entscheidungen zur Verantwortung zu ziehen. Übertragen wir dieses Modell auf Bonuszahlungen in der Wirtschaft, könnte sich ein Vorstand jederzeit darauf zurückziehen, dass er in Krisenzeiten auf einen nicht unerheblichen Gehaltsbestandteil verzichtet - und deshalb vielleicht moralisch, nicht aber professionell eine Maximalleistung schuldet.

Die aktuell wieder intensiv geführte Debatte um die Rückzahlung von Manager-Boni geht deshalb in die falsche Richtung. Hinzu kommt, dass eine vertraglich garantierte Bonuszahlung, die aus moralischen Gründen zurückgefordert wird, immer Good Will aufseiten des betroffenen Vorstands voraussetzt. Und dieser ist alles andere als einklagbar und verbindlich.

Rückzahlungsklauseln und Ethikbeiräte

Bislang sind wir bei Fehlentscheidungen oder gar Fehlverhalten auf Vorstandsebene auf die Bereitschaft eines Vorstands angewiesen, ein guter Mensch zu sein und Boni freiwillig zurückzuzahlen, obwohl er vertraglich nicht dazu verpflichtet ist. Um hier Abhilfe zu schaffen, ist eine Reform des Aktienrechts mehr als überfällig. Nach geltendem Recht verhandeln Vorstände ihr Gehalt mit den Aufsichtsräten hinter verschlossenen Türen. Die eigentlichen Arbeitgeber der Dax-Vorstände aber sind die Aktionäre, die in die Vertragsgestaltung nicht eingebunden werden.

Eine Reform des Aktienrechts könnte beispielsweise vorsehen, dass ein hohes Gehalt noch verbindlicher als bisher an die Übernahme von Verantwortung gekoppelt wird. Dazu gehört insbesondere, dass Vorstände auch über ihre Amtszeit hinaus für die Entscheidungen haften, die sie während dieser getroffen haben. Eine Klausel könnte vorsehen, dass gezahlte Boni zurückbezahlt werden müssen. Auch eine Auszahlung der Boni ausschließlich in Form von unternehmenseigenen Aktien und der Verpflichtung zu einer Haltefrist würde dazu beitragen, dass die eigene Vermögensentwicklung enger an das Wohl, aber auch das Wehe des Unternehmens gebunden und damit auch von den eigenen Entscheidungen abhängig ist.

Zusätzlich könnten die Dax-Konzerne unabhängige Ethikbeiräte etablieren, die bei Vertragsverhandlungen beratend hinzugezogen werden. Diese könnten mögliche moralische Vorbehalte antizipieren und gemeinsam mit Aufsichtsrat und Aktionärsvertretern Regelungen finden, die zum einen dazu führen, dass die Vorstände sich ihrer Verantwortung noch bewusster werden. Zum anderen könnte sich die Belegschaft sicher sein, dass unpopuläre Entscheidungen wie die Einsparung von Personal nicht nur aus professionellen, sondern auch aus ganz persönlichen Gründen gut durchdacht und begründbar sind - schließlich können sie dem betreffenden Vorstand empfindlich auf die Füße fallen.

Schluss mit Worthülsen und Ablenkungsmanövern

Jenseits der erforderlichen vertraglichen Anpassungen gibt es auch bei der Kommunikation unpopulärer Maßnahmen noch viel zu tun. Beispiel VW: Durch den Abgasskandal entstehen dem Konzern Verluste von geschätzt 4,1 Milliarden Euro. Die angekündigten Personalkürzungen stehen unter der Überschrift "Zukunftspakt". Die Bezeichnung ist mit Bedacht gewählt: "Zukunft" klingt besser als "Sanierung" oder "Verlustausgleich" und "Pakt" steht für etwas, das Hand in Hand umgesetzt wird. Faktisch sollen die Personalkürzungen bei VW einen Rekordverlust ausgleichen und den Konzern auf Kosten der Mitarbeiter, die ihren Arbeitsplatz verlieren, langfristig wieder zukunftsfähig machen. Tatsächlich geht es also um Sanierung, von Hand in Hand kann nicht die Rede sein. Insofern ist die Bezeichnung "Zukunftspakt" nicht nur irreführend, sondern schlicht falsch.

Und dass der Sonderbeauftragte für "Kulturwandel" bei der Deutschen Bank lange bevor das gewünschte Ziel erreicht wurde nach nur zweieinhalb Jahren das Unternehmen wieder verlassen hat, zeigt, dass auch hier der Begriff etwas anderes suggeriert haben könnte, als letztlich gewollt war. Vor allem dann, wenn erkennbares Fehlverhalten ausschlaggebend für eine Situation ist, ist das Verständnis für Wortakrobatik seitens der Öffentlichkeit gleich null.

Ausblenden und einschläfern

Trotzdem wird diese Strategie immer wieder genutzt, um nicht direkt sagen zu müssen, dass etwas nicht so gelaufen ist, wie es hätte laufen sollen, und dass daraus unangenehme Konsequenzen für andere folgen. Das lässt sich eindrucksvoll am Begriff des "Rettungsschirms" zeigen: Der Rettungsschirm sollte, nachzulesen in der Erklärung der Staats- und Regierungschefs vom 11. Februar 2010, dazu dienen "die finanzielle Stabilität im Euro-Währungsgebiet zu sichern". Der "Schirm" suggeriert Schutz vor einer Gefährdung von außen durch Naturgewalten.

Die Neurolinguistin Elisabeth Wehling konnte zeigen, dass unser Gehirn, um Wörter zu begreifen, abgespeichertes Wissen, so genannte Frames, abruft, die dem Gesagten einen Deutungsrahmen geben. Der Frame "Schirm" sieht keine Gefährdung durch menschliche Akteure vor und blendet aus, dass der Konkurs von Banken oder ganzen Staaten letztlich durch das Fehlverhalten von Menschen verursacht worden ist.

Mit Begriffen wie "Rettungsschirm" oder "Zukunftspakt" wird versucht, unseren Widerstand gegen unpopuläre Maßnahmen einzuschläfern oder gar nicht erst aufkommen zu lassen. Was beim "Rettungsschirm" im politischen Kontext noch halbwegs funktioniert hat, könnte beim "Zukunftspakt" scheitern. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Es handelt sich um Fehlverhalten konkret benennbarer Personen, die noch dazu auskömmlich für ihre Arbeit bezahlt wurden. Und: Der "Zukunftspakt" ist näher dran an den Menschen als der "Rettungsschirm", weil der Verlust von Arbeitsplätzen sie direkt betrifft, während die Milliarden für den Rettungsschirm einer anderen Welt anzugehören scheinen. Wenn wir, statt zahnlose Moraldebatten zu führen, erreichen wollen, dass Fehlverhalten auf Vorstandsebene Konsequenzen für die Entscheider hat, dann müssen wir eine vertraglich verbindliche Grundlage dafür schaffen.

Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft, Mitglied des DVFA Ethik Panels sowie Mitglied des Arbeitskreises Wirtschaft & Soziales beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken und schreibt als Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.


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