Montag, 20. Mai 2019

Kohle statt Karma Je größer der Schaden, desto höher das Gehalt

Höhere Gehälter in ungeliebten Branchen: Kohle statt Karma
DPA

Eine Studie zeigt: Wer in der Tabak-, Alkohol- oder Glücksspielbranche Karriere macht, verdient wesentlich mehr als Kollegen in durchschnittlichen Branchen. Dafür hat er ein Imageproblem - und wird von anderen Jobs ausgeschlossen.

Hamburg - Für durchschnittlich 331.000 Dollar im Jahr verkaufen Top-Manager ihre Seelen - so könnte man die Studie der Cass Business School an der City University London zusammenfassen. Sie zeigt: Um die gesellschaftliche Stigmatisierung der Glücksspiel-, Tabak- oder Alkoholindustrie auszugleichen, werden die leitenden Angestellten dort weit besser bezahlt als vergleichbare Kollegen in gemeinhin unauffälligen Bereichen.

Die Forscher analysierten die Einkommen der 1500 größten börsennotierten US-Unternehmen der vergangenen 20 Jahre. Ihr besonderer Fokus lag dabei auf den Verdiensten der Topmanager der Alkohol-, Glücksspiel- und Tabakindustrie. "Es ist ja so, dass Arbeiter in Berufen, die sozial stigmatisiert sind, besser verdienen. Würde beispielsweise ein Leichenwäscher schlecht bezahlt, wäre es schwer, Leute für diesen Job zu finden. Wir fragten uns: Lässt sich das auch auf das Topmanagement beziehen in Branchen, die soziale Normen verletzen, weil sie der Gesundheit schaden?", so Pawel Bilinski. Er ist Professor für Finanzierung und Buchhaltung an der Cass Business School und hat die Studie mit Jiri Novak von der Prager Karls-Universität durchgeführt.

"Je größer der Schaden, den die verkauften Produkte den Menschen zufügen, desto höher das Gehalt, das die Verantwortlichen bekommen," fasst Pawel Bilinski seine Ergebnisse zusammen. Die CEOs der Tabak-Firmen, der wohl am meisten stigmatisierten Branche, erhalten den höchsten Aufschlag von im Schnitt 479.647 US-Dollar pro Jahr mehr als Kollegen in vergleichbaren Positionen bei gut beleumundeten Firmen. Dahinter klingeln die Kassen der Kollegen aus dem Glücksspiel-Bereich mit einem Plus von 304.980 US-Dollar, für die Chefs der Alkoholindustrie gibt es 297.738 US-Dollar extra zum Ausgleich fürs schlechte Karma. Insgesamt wurden in der Studie im Zeitraum von 1992 bis 2012 insgesamt 147.284 Jahreseinkommen ausgewertet. Die Autoren halten die Ergebnisse für übertragbar auf den europäischen Raum.

Um sicher zu gehen, dass der entscheidende Faktor für den Bonus das Negativ-Image des Arbeitgebers ist, haben Bilinski und seine Kollegen typische Faktoren, die ein höheres Gehalt rechtfertigen, analysiert und ausgeschlossen. "Unsere Analyse hat gezeigt, dass die höheren Gehälter der Sünden-Industrie nicht daran liegen, dass zum Beispiel die Aufgaben komplexer wären und somit nur besonders talentierte und teure Manager angeworben werden können. Auch besteht kein Ausfallrisiko beim Gehalt, auch ein klassischer Grund, mehr zu zahlen", so Bilinski.

Ein weiterer Beleg, dass das Stigma einer Branche sich auf die Chefs überträgt, ist die Tatsache, dass keiner mit den Schmuddelkindern spielen will. CEOs der Sündenbranchen sind wesentlich seltener in branchenübergreifenden Gremien anzutreffen als ihre Kollegen aus den Mainstream-Branchen. "Das soziale Stigma belastet den Ruf der Manager, sie werden wesentlich seltener in Aufsichtsräte berufen - und wenn, dann meist in kleinere Firmen," so Forscher Bilinski. "Das Statussymbol des Aufsichtsrates bleibt Sünden-Managern verwehrt". Auch das könnte mit ein Grund für ein erhöhtes Grundeinkommen sein: Zu lukrativen Nebengeschäften kommt es erst gar nicht.

Andererseits legt die Studie auch den Umkehrschluss nahe: In Firmen mit sehr gutem Image wird schlechter bezahlt. "Es gibt starke Anhaltspunkte, dass öffentliche Bewunderung auch eine Art der Bezahlung sein kann," so Bilinski.

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