Standort Deutschland "Jetzt zahlen wir die Zeche"

Korrupte Manager, Vergütungsexzesse einiger Vorstände und tumbe Aufsichtsräte machen unsere Konzerne zu Übernahmezielen, fürchtet der Hamburger Wirtschaftsprofessor Michael Adams. manager-magazin.de sprach mit dem Rechtsexperten über deutsche Versäumnisse und Wege aus der Krise.
Von Andreas Nölting

mm.de:

Trotz flauer Gewinne und mäßiger Börsenentwicklung haben Deutschlands Topmanager im vergangenen Jahr wieder ordentlich abkassiert. Gehaltssteigerungen im zweistelligen Prozentbereich waren die Regel. Sind unsere Manager tatsächlich so gut, dass sie sich diese Forderungen leisten können oder sind sie einfach nur gierig?

Adams: Eine gewisse Gier sollte man in den Wirtschaftswissenschaften grundsätzlich jedem zubilligen. Der Wunsch nach Verbesserung der eigenen finanziellen Situation ist ja legitim.

Das Problem besteht nur darin, dass zuweilen Managergehälter nicht mehr der Ausdruck des Wettbewerbs um die Besten und Tüchtigsten sind, sondern die Ausnutzung von Machtpositionen im Unternehmen. Die Manager erleichtern dann im Zusammenspiel mit den Kontrollorganen die Unternehmenskasse oder verstecken riesige Vergütungsbestandteile vor einem tumben Aufsichtsrat.

Das ist weltweit ein großes Problem. Wenn man sich die Zahlen anschaut - fangen wir mit den USA an - dann sieht man, dass im Jahr 1993 der CEO eines S&P-500-Unternehmens im Schnitt 3,7 Millionen Dollar verdient hat. Im Jahr 2003 waren es bereits 9,1 Millionen Dollar.

Bei der Gesamtvergütung der Top-Five-Verdiener ging es im Standard & Poor's 500 von 9,5 auf 21,4 Millionen hoch. Wir sehen also einen Verteilungskampf der Manager gegen die Aktionäre.

mm.de: In den USA fließen bereits 10 Prozent der Gewinne in die Taschen der Vorstände. Und in Deutschland sollen es immerhin 7 Prozent sein.

Adams: Das ist genau der Punkt. Nicht nur die absoluten Zahlen, sondern auch die relativen Positionen gehen nach oben. Das bedeutet notwendigerweise, dass die anderen Managementetagen gekürzt werden, denn den Vergütungskuchen kann man nicht vervielfachen. Der Kampf der Nachwuchsmanager um den Aufstieg auf die goldenen Etagen, gewinnt dadurch an Härte.

"Katastrophales Versagen"

mm.de: Mit welchen Folgen?

Adams: Die Nachwuchsmanager verlieren im Unternehmen Kooperationsvorteile. Denn wenn Sie dort oben ankommen und in wenigen Jahren Millionen, vielleicht 100 Millionen verdienen wollen, dann ist Rücksichtslosigkeit bis hin zur Sabotage der Kollegen angesagt.

mm.de: Wie können Aktionäre diese ungute Entwicklung zulassen? Der Vorstand kann sich ja nicht selber das Gehalt erhöhen, sondern das macht üblicherweise das Präsidium des Aufsichtsrates. Dem muss doch zugestimmt werden.

Adams: Wo die Eigentümer wirklich die Kontrolle ausüben, wie etwa bei BMW und Altana, beobachtet man, dass mehr die Unternehmensleistungen denn die Vergütungen der Manager Spitze sind. Bei börsennotierten Gesellschaften mit schwachen Eigentümern gelingt es einigen Vorständen, die Kontrolle durch den Aufsichtsrat auszuhebeln.

Dies geht einmal so, dass man das Gremium schlicht übertölpelt. Das war früher bei den Aktienoptionen der Fall. Viele Aufsichtsräte haben nicht verstanden, was das für ein Instrument ist.

Aber jetzt scheinen einige Vorstände mit den Gewerkschaften im mitbestimmten Aufsichtsrat zusammenzuarbeiten und machen sich so den Weg zu den Kassen des Unternehmens frei. Das halte ich für eine eher korrupte Unternehmensstruktur, die ganz schnell den Untergang der deutschen Aktiengesellschaft herbeiführen wird.

"Für null, plus Aufgeld"

mm.de: Die Gewerkschaften machen häufig gute Miene zum bösen Spiel, denn der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bekommt die Gehälter der Topmanager auch zu sehen und muss ihnen zustimmen?

Adams: Wir haben hier eine Koalition von Managern und Gewerkschaftsfunktionären, die ohne sonderliche Skrupel astronomische Summen verteilen, ohne hierfür eine wirtschaftliche Rechtfertigung zu haben. Schließlich ist es ja nicht das Geld der Manager und Funktionäre, sondern derjenigen, die in dieses Unternehmen typischerweise ihr Altersvorsorgevermögen investiert haben. Im Fall der Gewerkschaften fehlt auch jede demokratische Rechtfertigung für diese Machtposition, da nur noch rund 20 Prozent der Arbeitnehmer Gewerkschaftsmitglieder sind.

Die gute Lösung erfolgte im Fall der Deutsche Börse AG ja durch einen englischen Fonds, der gerade noch rechtzeitig ein wertevernichtendes Management ablöste. Das weniger schöne Ende können wir jetzt bei der HypoVereinsbank, die von UniCredito gekauft worden ist, besichtigen. Man zieht den Unternehmenssitz nach Italien und ist damit die lähmende Mitbestimmung los. Wenn Sie den Siemens-Verkauf der Handysparte sehen, da werden die Werke verschenkt und gleichzeitig noch eine Viertelmilliarde Euro draufgelegt.

mm.de: Das ist wahrscheinlich Geld für kommende Abfindungen, für Entlassungen?

Adams: Ja, wir sollten uns wirklich vor Augen halten, dass hier ein technologisch wichtiger Wirtschaftssektor für null weggeht, plus Aufgeld. Die durchaus tüchtigen deutschen Arbeitnehmer werden wirtschaftlich wie Sondermüll entsorgt. Ich persönlich halte die Organisationsstruktur der mitbestimmten Aktiengesellschaft, die wir in Deutschland haben, insbesondere auch wegen ihrer Wirkungen auf die unteren Ebenen des Managements nicht für zukunftsfähig. Dort werden die Menschen einerseits enorm unter Druck gesetzt, auf der anderen Seite gilt es dort, den Kampf in den Vorstand zu schaffen, um sich dann überproportional bereichern zu können. Das ist kein Wirtschaftsmodell, das funktionieren kann.

"Ein Hauch von Niedertracht"

mm.de: Die Qualität der Aufsichtsräte hat sich nicht gebessert. Nun werden wir dem globalen Wettbewerb ausgesetzt und zahlen für die Versäumnisse der Vergangenheit. Warum schreit da keine Hauptversammlung auf?

Adams: Wir hatten in Deutschland eine sehr viel vernetztere und starrere Wirtschaftsform. In der Deutschland AG war jedes Großunternehmen mit jedem wechselseitig verflochten, mit den großen Finanzkonzernen wie der Deutschen Bank als mächtige Zentren.

Das hat sich in den vergangenen acht Jahren dramatisch modernisiert. Nun hat die Deutsche Bank - nachdem dies steuerlich möglich war - ihre Beteiligungen weitgehend verkauft und moderne auf ihr Kerngeschäft ausgerichtete Strukturen geschaffen. Ackermann macht seine Bank sicherer, übernahmefester und verhindert das, was UniCredito gerade in Bayern gelungen ist. Heuschrecken sehen anders aus. Ich glaube auch, dass die neuere Generation von Managern, die gerade an die Spitze kommt, weltläufiger und viel besser vorbereitet ist. Nur die Länder, mit denen wir auf den Weltmärkten konkurrieren, sind auch erheblich besser geworden. Die haben ihre Hausarbeiten gemacht.

Sie haben dort Arbeitnehmer, die bereit wären, notfalls am Tag 35 Stunden zu arbeiten, während wir hier das immer noch zu starre Festhalten an einer viel zu kurzen Jahres- und Lebensarbeitszeit beobachten. Die neuen Manager können natürlich nur auf der Infrastruktur aufsetzen, die die Rechtsordnung ihnen vorgibt. Und die heißt ganz einfach, dass wir einen Arbeitsmarkt haben, der durch teure Arbeitsgesetze, ineffektive Mitbestimmungsregeln und aus dem Ruder gelaufene Sozialgesetze bestimmt wird.

mm.de: Obwohl Ackermann von der Öffentlichkeit und der Politik stark gescholten worden ist, als er in einem Lagebericht sowohl den Versuch einer Erhöhung der Eigenkapitalrendite als auch Entlassungen ankündigte.

Adams: Es hatte einen Hauch von Niedertracht, wie man seine Aussagen aus dem Zusammenhang riss, denn eines ist klar: Wenn Sie als Bank dauerhaft einen niedrigen Gewinn vorlegen, dann wird das ganze Institut entsprechend niedrig bewertet. Das ruft dann irgendwann die Corporate Raider in ihrer Funktion als Abbruchunternehmer auf den Plan.

Gelingt es Ihnen aber, die Gewinne zu erhöhen, steigt die Bewertung der Aktien und damit die Geschäftsmöglichkeiten der Bank über ihr verbessertes Eigenkapital. Hierauf beruhen letztlich alle Wachstums- und Überlebenschancen der Deutschen Bank - und eines jeden Unternehmens.

Hätte man in der deutschen Bankenlandschaft diese eher unbequeme Politik schon vor zehn Jahren gemacht, dann würden die deutschen Banken jetzt zu den Topspielern in der Welt gehören, statt als Übernahmekandidaten und selbst im Fall der Deutschen Bank nur unter "ferner liefen" ins Stadion einzulaufen.

"Populistischer Druck"

mm.de: Also zahlen wir jetzt für die schlechte Corporate Governance der Vergangenheit, für das Gekungel der Mitbestimmung? Zahlen wir dadurch, dass gute Unternehmen, die aber eine schlechte Rendite erwirtschaften, in ausländische Hände geraten?

Adams: Natürlich, wir zahlen jetzt die Zeche, dass es bei den Kostensenkungen zu langsam voranging, für Immobilität und Verpassen des Fortschritts. Man kann es am Bedeutungsverlust der Pharmaindustrie sehen, man kann es bei den Banken sehen. Diese Zeche wird jetzt auch jeden Tag von den Arbeitnehmern gezahlt.

mm.de: Zurück zu den Problemen bei der Vergütung der Vorstände. Bei den Dax-30-Konzernen werden im Schnitt 3,2 Millionen Euro gezahlt - in der Spitze zehn Millionen Euro. Hilft das geplante Transparenzgesetz die Gier der Vorstände zu zügeln?

Adams: Die Gier vielleicht nicht, wohl aber deren Umsetzung. Das Gesetz würde bei Vergütungsexzessen à la Udo Stark dramatisch weiterhelfen. Insbesondere würden die Pensionen und Abfindungen jetzt im Jahresabschluss mit ihren wirklichen Werten angegeben. Wenn das Gesetz kommt, wären wir in der Welt führend mit der Transparenz der Managergehälter. Die Politiker merken natürlich, dass es nicht sein kann, dass viele Menschen durch Übernahmen und Betriebsschließungen in Existenzangst leben und fürchten müssen, als wirtschaftlicher Sondermüll zu enden, während auf den Führungsetagen abstruse Verdienste eingestrichen werden. Insofern gibt es populistischen Druck, aber auch die sachliche Notwendigkeit, Geheimvergütungen zu verhindern.

Vergütung: Experte Maßmann über Gehaltstrends


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