Vorstandsgehälter Aktionäre blasen zum Sturm auf britische Topmanager

Britische Unternehmen müssen ihre Aktionäre seit Jahresbeginn über die Einkommen ihrer Spitzenmanager informieren. Auf den Hauptversammlungen kommt es deshalb zu peinlichen Szenen.

London - Anthony Burgmans, Co-Chef des Nahrungsmittelriesen Unilever, hat Angst um sein Leben. Die Diskussion über zu hohe Managergehälter könne Menschen dazu verleiten, "ihren Frust an Firmenchefs auszuleben und diese anzugreifen", sagte er dem britischen "Daily Telegraph". Seine Sorge kommt nicht von ungefähr - vor knapp einer Woche wurde Roel Pieper, ehemaliger Vizechef von Philips, im Garten seines Wohnhauses mit einem Messer attackiert. Der Angreifer, ein 42-jähriger Mann, der zuvor am Flughafen Schipol gearbeitet hatte und nicht vorbestraft war, nannte als Tatmotiv seinen Ärger über "Leute mit viel Geld und Macht".

Viel Geld zu verdienen kann derzeit ziemlich unangenehme Nebenwirkungen haben - vor allem in Großbritannien. Seit Beginn des Jahres müssen die Unternehmen nämlich nicht nur die Gehälter ihrer Spitzenmanager detailliert offen legen, sie müssen die Aktionäre auf der Hauptversammlung auch darüber diskutieren und abstimmen lassen.

Seit aber die britischen Aktionäre auch die Details der Bezahlung von Top-Managern nachvollziehen können, gibt es auf den Hauptversammlungen regelmäßig Ärger. Kaum ein Vorstand eines prominenten britischen Unternehmens bleibt davon verschont. Ob Shell, Hilton, British Aerospace, Barclays oder British Telecom - überall schlug den Vorständen die kollektive Empörung ihrer Anteilseigner entgegen.

Firmenjet-Flüge auf Lebenszeit

So musste sich etwa Shell-Chairman Phil Watts dafür rechtfertigen, dass er sich für das vergangene Jahr eine Gehaltserhöhung von 55 Prozent genehmigen ließ, während die Gewinne seines Unternehmens um 23 Prozent zurückgingen. Auch der neue British-Telecom-Chef Ben Verwaayen geriet in Erklärungsnot. In seinem Vertrag hatte er für die nächsten drei Jahre rund eine Million Euro an Beihilfen für sein neues Haus im britischen Surrey ausgehandelt. Hinzu kommen zusätzlich 300.000 Euro an Umzugskosten.

Als Grund für solch traumhafte Bezahlung wird gerne der internationale Markt für Top-Manager herangezogen. In den USA beispielsweise bekamen die Chefs der 100 größten Unternehmen im Krisenjahr 2002 laut "USA Today" 33,4 Millionen Dollar - im Schnitt. Rund ein Drittel von ihnen bekam über 50 Millionen Dollar. US-Importe wie Ben Verwaayen, der von Lucent Technologies nach Großbritannien wechselte, verlangen deshalb riesige Summen, weil sie es von ihrem vorherigen Job gewohnt sind.

Doch solche Begründungen werden immer seltener hingenommen. Oft genügt ein kleines Detail oder die Wortmeldung eines Kleinaktionärs, um die Stimmung kippen zu lassen. Auf diese Weise geriet kürzlich auch der Chef der britischen Großbank HSBC, John Bond, in die Defensive. Es geschah kurz vor der Abstimmung, bei der die Aktionäre unter anderem das Gehaltspaket des HSBC-Amerika-Chefs William Aldinger absegnen sollten. Aldinger bekommt in den kommenden drei Jahren insgesamt 23 Millionen Pfund (rund 32,2 Millionen Dollar). Außerdem genießen er und seine Frau lebenslang kostenlose medizinische und zahnmedizinische Versorgung, beide werden gratis vom hauseigenen Firmenjet befördert.

"Ich bekomme fünf Pfund die Stunde"

Dann war Abdul Durrant, Vater von fünf Kindern, auf der Hauptversammlung ans Mikrofon getreten: "Ich arbeite nicht am Computer, ich arbeite mit Wischmopp und Eimer. Man erwartet von mir, dass ich unsichtbar bleibe und in der Nacht arbeite", leitete Durrant seine Rede ein. "Ich bekomme fünf Pfund pro Stunde, kein Ruhestandsgeld, und das Krankengeld ist erbärmlich." Er bat Bond, sich doch für sein Gehalt mit gleicher Energie einzusetzen, wie er sie jetzt für Aldinger zeige. Ein Lohnzuschlag in Höhe von 1,50 Pfund pro Stunde würde ihm schon genügen.

An die Mitarbeiter: Bitte abends das Licht ausschalten

Kaum ein Beitrag hätte das Image, das Bond (Jahresgehalt rund 2,6 Millionen Euro) der HSBC in den vergangenen Jahren verpasst hat, besser bloßstellen können. Ganz auf schottische Bescheidenheit bedacht, benutzte er bei Dienstflügen immer mal wieder die Economy Class und bat seine Mitarbeiter, abends das Licht auszuschalten.

Bond, dem spontan keine passende Erklärung für den eklatanten Unterschied der Entlohnungen einfiel, versuchte es mit Diplomatie. Für die Forderung des Putzmannes habe er "viel Sympathie", erwiderte er. Als Firmenchef müsse er aber immer das günstigste Angebot am Markt auswählen. Außerdem habe er keine Direktionsgewalt über die Gehaltspolitik der Serviceunternehmen.

Doch das Spiel war verloren. Die Aktionäre zeigten ihren Unmut mit den schlechtesten Abstimmungsergebnissen in der Geschichte der Bank. Mehr als ein Viertel von ihnen stimmte gegen die Gehälter des HSBC-Vorstands oder enthielten sich, noch einmal rund ein Fünftel verweigerte der Bestellung Aldingers in das Führungsgremium seine Zustimmung - eine Ohrfeige auch für Bond. Genüsslich titelte der "Independent": "Der Putzmann, der Vorsitzende und der Zwei-Millionen-Pfund-Unterschied".

"Ich bin nicht Mutter Theresa"

Im Grunde konnte Bond froh sein, denn immerhin bekam er das Plazet der Aktionäre. Weniger glimpflich kam dagegen sein Kollege Jean-Piere Garnier davon, Chef des Pharmariesen GlaxoSmithKline.

Garnier hatte seine Aktionäre allerdings gleich mit mehreren Details seines Vertrages verärgert. Nicht genug, dass der 55-Jährige das eigene Geburtsdatum in seinem Anstellungsvertrag um drei Jahre zurückdatieren ließ, um früher Pensionsansprüche geltend machen zu können. Auf der diesjährigen Hauptversammlung wollte er sich außerdem einen so genannten goldenen Fallschirm genehmigen lassen: Im Falle einer Kündigung hätten ihm dann rund 30 Millionen Euro zugestanden.

Die Aktionäre, deren Anteile seit Garniers Amtsantritt etwa ein Drittel an Wert verloren hatten, stimmten mit knapper Mehrheit gegen die Vertragsregelung, die ein Gewerkschafter am Rande der Veranstaltung als "obszönes Paket" bezeichnete. GSK-Aufsichtsratschef Christopher Hogg versprach denn auch gleich eine "intensive Überarbeitung" der Gehaltspolitik. Garnier selbst zeigte dagegen wenig Einsicht. Einen Tag nach der Revolte sagte er: "Ich bin nicht Mutter Theresa."

Von Carsten Matthäus, Spiegel-Online

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