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Vorbild a. D.

Editorial Wolfgang Kaden
Von Wolfgang Kaden
aus manager magazin 8/2002

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass wieder ein amerikanischer Unternehmensführer eingestehen muss, seine Bilanz verfälscht zu haben. Die Unternehmen der weltgrößten Volkswirtschaft stecken in einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise. Millionen von Anteilseignern innerhalb und außerhalb der USA fühlen sich von den Topmanagern hintergangen, ausgeraubt.

Getrickst und getäuscht wird und wurde überall. Doch nirgendwo waren die Täter aus den Vorstandsetagen so dreist wie in den USA. Fälle wie Worldcom, Enron oder Xerox sind offenkundig nur die Spitze. Der "Economist" mutmaßt, dass rund tausend US-Unternehmen ihre Bilanz korrigieren müssen. "Corporate America" verkörpert derzeit einen ausgerasteten Kapitalismus, der den Ruf des marktwirtschaftlichen Modells nachhaltig beschädigt.

Es war die Wall Street, die aus den Investmentbankern für eine allzu lange Phase die heimlichen Herrscher der Wirtschaft machte. Die Spin-Doctors in den Geldunternehmen lieferten das ideologische Gerüst für eine Unternehmensszene, der schließlich völlig die Bodenhaftung abhanden kam.

Es waren zuerst amerikanische Manager, die bei der Honorierung ihrer eigenen Dienste jedwedes Maß verloren hatten. In abenteuerlichen Größenordnungen verteilten die Topleute die Aktienoptionen unter ihresgleichen. Von "absurden Auswüchsen" spricht Ex-Bundesbank-Chef Karl Otto Pöhl im mm-Interview (siehe Seite 84).

Und es waren nicht zuletzt die amerikanischen Bilanzierungsregeln, die so viele Täuschungs- und Betrugsmanöver ermöglichten. US-GAAP, das die Amerikaner als Weltstandard durchdrücken wollen, ist nicht mehr als eine Ansammlung von höchst unterschiedlichen Einzelfallregelungen, historisch gewachsen und entsprechend unsystematisch.

Eine wirkungsvolle Unternehmenskontrolle, die Fehlentwicklungen korrigieren könnte, gibt es in den USA noch weniger als in Deutschland. In den Boards sitzen Vorstände und auswärtige Kontrolleure einträchtig zusammen. Sie haben dem allmächtigen CEO in der Regel wenig entgegenzusetzen.

Natürlich, Amerikas Wirtschaft zeigte und zeigt eine bewundernswerte Dynamik und Innovationskraft. Die Unerbittlichkeit amerikanischer Finanzmarktprofis hat letztendlich auch in Europa dafür gesorgt, dass verkrustete Strukturen aufgebrochen wurden. Und fraglos werden die USA, die stets hohe Qualitäten der Selbstreinigung besaßen, schnell aus dieser Krise lernen.

Das aber sollten auch die Deutschen und die Europäer. Allzu lange haben viele hier zu Lande ungeprüft alles bejubelt, was von jenseits des Atlantiks kam. Es wäre nützlich, zukünftig etwas kritischer hinzugucken. Und sich besser auf die eigenen Stärken zu besinnen.

Wolfgang Kaden, Chefredakteur

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