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Von Verlierern lernen

Der Kollaps hunderter Dotcoms hat die New Economy in die Realität zurückgeholt. Kein Grund zur Schadenfreude. Eher die Chance, das eigene Unternehmen neu zu gestalten.
aus manager magazin 2/2001

VON REINHARD K. SPRENGER

Begräbnisse, auf denen die Trauernden voll Häme und Schadenfreude des Verblichenen gedenken, sind eigentlich unmöglich. Mir aber so geschehen. In San Francisco. Dabei war der Tote noch gar nicht tot. Nur fast tot. Ich war eingeladen auf ein Fest, auf dem die Gäste das nahe Dahinscheiden von Load Media Network, einem Internet-Video-Retailer, feierten. Cava in Strömen.

Rückblende: Eine Gruppe schwarz gekleideter 20-Jähriger erklimmt die Bühne und verbreitet sich über die Wunder der Web-Technologie. "Wir sind Load Media Network, wir haben tolle Ideen, wir verstehen die New Economy." Kein Einzelfall: Über die krudesten Konzepte wurde ein historisch beispielloser Geldsegen ausgeschüttet. Solange niemand das Geschäftsmodell richtig verstand, riss der Millionenstrom nicht ab.

Noch vor einigen Monaten war den Dotcoms der Neid der Welt sicher. Kaum erwachsene Multimillionäre verursachten eine Knappheit bei deutschen und italienischen Luxussportwagen. Sie kauften sich in die teuersten Wohngegenden ein, verjagten jene, die diesen Wettlauf nicht mitmachen konnten - und zogen sich den Hass auch ehemals wohlgesinnter Zeitgenossen zu.

Der Kollaps hunderter Dotcoms in den vergangenen Monaten hat daher unverhohlen Revanchismus ausgelöst. So exzessiv einst das Lob war, so sehr weidet man sich an der Niederlage. Mancherorts reibt man sich schon die Hände über das Ende der New Economy.

Das Scheitern am lautesten bejubeln - wen wundert's? - jene, die zuvor am meisten betroffen waren: Die Manager der alten Schornsteinindustrien, die gute Leute an die Dotcoms verloren; Investmentbanker, die an Blue Chips festhielten und sich vorhalten lassen mussten, nicht risikofreudig genug zu sein. Unzweifelhaft ist: Die Dotcoms, einst so zukunftsgewiss, sind zurück auf dem Boden der Tatsachen. Welcher Tatsachen?

Was diese Situation auslöste, war ihre Hybris. Es ging ihnen mehrheitlich nicht darum, ein Unternehmen aufzubauen. Es ging darum, reich zu werden. Und zwar schnell. Der ultrakurze Sprint zur IPO-Auszahlungskasse sollte den langen und beschwerlichen Dauerlauf zum erarbeiteten Wohlstand erübrigen. Die Verführungsmaschine Geld ersetzte Maß, Weitsicht und Führungskompetenz. Profit war unwichtig, Marktanteil alles. Jeder, der einen Computer einschalten konnte, wähnte sich gedanklich schon auf Arizonas Golfplätzen.

Man mag also die Schadenfreude verstehen. Aber sollten wir uns zufrieden zurücklehnen? Sollten wir den Verstörungsgewinn, den uns das Aufglühen dieser jungen Unternehmen schenkte, nicht besser nutzen?

Das können wir lernen: Dass es nicht genügt, mit wilden Ideen um sich zu werfen. Dass die Strategie "wachsende Marktanteile auf Kosten des Profits" langfristig nicht funktioniert. Dass seriöses Führungshandwerk nicht durch Aktienoptionspläne ersetzt werden kann.

Die Attraktivität der kleinen Start-ups auf den Arbeitsmärkten war zudem nicht nur ein Wettlauf zum schnellen Geld, sondern auch eine Absage an morbide Organisationsstrukturen. An Konzerne, die immer nur rhetorisch zu neuen Ufern aufbrechen. An Großunternehmen, in denen Einzelleistung und Zurechenbarkeit versickern. An die Regelungswut, die Persönlichkeit zum Störfall macht. An die lähmende und energiefressende Hierarchie. An den überbordenden Rechtfertigungsdruck, der jede Kreativität erstickt.

Die Flucht aus den Großorganisationen ist eine Tatsache, mit und ohne Dotcom-Reihengräber. Das ist die Lektion: Menschen als Ideenträger wertschätzen, ihre persönlichen Bedürfnisse berücksichtigen, sie am Unternehmenserfolg beteiligen. Auf Kontrollmaßnahmen weitgehend verzichten. Spaß und Lebensfreude während der Arbeit ermöglichen.

Die Chance, vom Verlierer etwas zu lernen, haben wir bei der Wiedervereinigung schon einmal vertan. Als Ökonomen sollten wir uns das nicht noch einmal leisten. u

"Mancherorts reibt man sich die Hände über das Ende der New Economy."

Reinhard K. Sprenger ist Unternehmensberater und Autor der Bücher "Mythos Motivation" und "Das Prinzip Selbstverantwortung".

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