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Porträt Vom Winde verwöhnt

Aloys Wobben wirbelt mit den Windrädern seiner Firma Enercon eine ganze Branche durcheinander. Von sturen Tüftlern wie ihm lebt die deutsche Wirtschaft.
aus manager magazin 11/2008

Verliebt tätschelt sein Zeigefinger das kühle Metall. "Das ist hier ein Hauptlager", erklärt Aloys Wobben (56) den etwa einen Meter großen Stahlkranz, der da in der Werkhalle vor ihm steht. Später einmal wird in diesem Bauteil die Achse eines riesigen Windrads rotieren. Der Chef tritt zwei Schritte zurück und betrachtet das gute Stück wie ein Galerist sein teuerstes Gemälde. "Das muss 30 Jahre halten", murmelt er andächtig, "ein typisch deutsches Produkt."

Wenn es um Technik geht - seine Technik -, kennt Bernhard Aloys Wobben keine Contenance. Dann schwärmt er hemmungslos von "wunderschönen Windmühlen".

"Aloys Wobben ist ein leidenschaftlicher Ingenieur, durch und durch", urteilt der ehemalige Umweltminister Jürgen Trittin. Der Politiker kennt Wobben seit den frühen 90er Jahren, als der in Vorträgen für die Windenergie warb. "Damals", erinnert sich Trittin, "wurde er von vielen als schrulliger Erfinder belächelt." Windräder - das klang wie die Neuauflage eines Kinderspielzeugs aus der Kaiserzeit. Größer zwar, aber genauso unnütz.

Dann kam der Klimaalarm. Dann kamen Rot-Grün und ein hoher Garantiepreis für Windstrom. Dann kam der ganz, ganz große Boom.

Das Windgewerbe zählt mittlerweile zu den heißesten Branchen. An der Börse erzielten Windradhersteller Rekorde. Wobben und seine Firma Enercon mischen oben mit. In Deutschland dominiert er den Markt klar. International rangiert Enercon mit 11 000 Mitarbeitern und mehr als 3 Milliarden Euro Umsatz an vierter Stelle. An Erfindergeist übertrifft Wobben sogar Weltkonzerne. Er und seine Enercon besitzen mehr Patente für Windenergieanlagen als General Electric und Siemens zusammen.

DER ERFOLG hat ihn erstaunlich wenig verändert. Wobben ist der geblieben, der er schon in Krauterjahren war: ein Überzeugungstäter mit reichlich Eigensinn.

Dem äußeren Bild nach tadellos seriös, streift der Ingenieur doch zuweilen die Grenze zum Skurrilen. Etwas Vergeistigtes umspielt seine Augen. Entschließt er sich einmal, einem Besucher seine Forschungslabore zu zeigen, dann kann es sein, dass er stundenlang Apparaturen und Experimente vorführt - und wenn der Gast noch so ungeduldig von einem Bein aufs andere tritt.

Seine Stellungnahmen zur Energiepolitik fallen wie kleine Missionierungen aus. Dann hebt der gertenschlanke Mann die Arme, schwenkt sie; mäßig elegant, aber weit ausholend. Spricht von der "grundsätzlichen Entscheidung", die zu treffen sei: für oder gegen eine "gesunde Energie". Hat man bei dieser Alternative überhaupt noch eine Wahl?

Im Betrieb tritt der Gründer auf, als müsse er immer noch alles selbst machen. Keine Entscheidung von Rang fällt ohne ihn. Er ist und bleibt der erste Kopf des Hauses. Nur im Tagesgeschäft gab er ein paar Kompetenzen ab.

Deutlich verändert hat sich allerdings sein Verhältnis zur Öffentlichkeit. Den Bundespräsidenten empfängt er noch. Niedere Politiker hingegen wimmelt er ab - aus Furcht vor Zeitverschwendung, aber auch aus einer gewissen Divenhaftigkeit.

Der Presse verschließt er sich völlig, seit durchsickerte, dass mit den Milliardenumsätzen auch ein potenzielles Milliardenvermögen des Alleineigentümers einhergeht. Aloys Wobben ein reicher Mann? So was liest er gar nicht gern. Und schweigt trotzig.

Milliarden und Glamour stehen ihm wirklich nicht. Dazu ist er viel zu bodenständig sozialisiert. Auf einem kleinen Bauernhof im Emsland wurde er groß, musste wie sein älterer Bruder kräftig mit anpacken. Eine Lehre machte ihn zum Elektromaschinenbauer. Nach ein paar Berufsjahren griff er höher, studierte Elektrotechnik in Osnabrück und Braunschweig.

1984, mit 32 Jahren, eröffnete er seinen eigenen Betrieb. In Aurich, mitten in Ostfriesland. Ein gewagter Schritt - auch geografisch. Wobbens Heimat, das Emsland, grenzt zwar an Ostfriesland. Verschiedene Konfessionen aber - die Ostfriesen mehrheitlich protestantisch, die Emsländer katholisch - halten beide auf Distanz. Aloys Wobben ist obendrein mit einem auffällig katholischen Vornamen gesegnet.

Den Grenzübertritt hat er dennoch bestens verkraftet. Zufrieden und geachtet lebt Wobben mit seiner Familie auf einem Gutshof am Rande Aurichs. Die Ostfriesen halten ihn längst für einen der ihren. Stur genug ist er ja. Und ein Segen fürs Land.

Kein Industrieller der Region beschäftigt mehr Menschen als er. Seine Gewerbesteuer saniert das hoch verschuldete Aurich. Seine Bauten an allen Enden der Stadt signalisieren einen Aufbruch, den niemand dem entrückten Ort zugetraut hat. Am Hauptsitz von Enercon, einem Komplex halbhoher Backsteingebäude, wird es eng. Bürocontainer wuchern an den hinteren Mauern - schon wieder fehlt Platz für Mitarbeiter. Die Wiese nebenan gehört Wobben schon. Das Windwunder greift aus.

Die Blüte verdankt Wobben dem Mut zur Einfachheit. Bei seinen Windrädern verzichtet er auf ein Getriebe. Das aber steigert ihre Zuverlässigkeit enorm. Denn üblicherweise geht mehr als die Hälfte der Ausfälle von Windkraftanlagen auf Schäden am Getriebe zurück. Die Konkurrenz stichelt zwar, Wobbens Technik mache die Anlagen schwer, Unmengen teures Kupfer würden gebraucht, für den Einsatz auf hoher See sei diese Technologie völlig ungeeignet. Unlängst jedoch kündigte der Strategiechef von Siemens eigene getriebelose Windmühlen an. An der Idee scheint doch etwas dran zu sein.

Wobben nutzt die Verlässlichkeit der eigenen Anlagen zu klugen Koppelgeschäften. Er schließt mit seinen Kunden langfristige Wartungsverträge ab, an denen er umso besser verdient, je trutziger seine Rotoren ihren Dienst versehen.

Dass da in deutscher Provinz kein Spinner am Werk ist, sondern ein handfester Ingenieur und Geschäftsmann, ging unter Kennern schon in den 90er Jahren um. Die Manager des US-Unternehmens Kenetech Windpower faszinierte seine Erfindungsgabe derart, dass sie dreist zur Spionage schritten - im Verein mit dem US-Abhördienst NSA. Es entspann sich, 1994/1995, eine Affäre, die Aloys Wobben bis heute traumatisiert hat. Denn sie besitzt alle Ingredienzien der Infamie.

Die Späher der Washingtoner Spionagebehörde NSA fingen in der Telefonzentrale von Enercon geheime Codes ab und gaben sie Kenetech weiter. Die Kenetech-Spione nutzten die Daten, um in eine Windkraftanlage von Enercon einzudringen und sie in aller Ruhe zu sezieren. Der Eindringling kopierte die Technik und ließ sie in den USA patentieren. Und verklagte die Deutschen - wegen angeblichen Abkupferns.

Wobben wollte sich vor Ort in Washington verteidigen. Er wurde schwer gedemütigt. Einem Verbrecher gleich wurde er vorgeführt. Während zwei Wochen musste Wobben sich fast jeden Tag von den gegnerischen Anwälten verhören lassen.

Der Prozess, obwohl fadenscheinig, ging zunächst verloren. Enercon wurde mit einem Exportverbot in die USA bis 2010 belegt. Kenetech ging trotz des Ideenraubs unter. Mit dem Rechtsnachfolger General Electric einigte sich Ener- con 2004. Seither dürfte Aloys Wobben wieder in die USA liefern. Doch jetzt will er nicht mehr. Sein Lebtag, ließ er Freunde wissen, werde er keinen Fuß mehr auf amerikanischen Boden setzen.

Der US-Albtraum hat bei Wobben bleibendes Misstrauen geschürt. Auch China schließt er in sein Lieferembargo mittlerweile ein, dort wähnt er seine Ideen erst recht nicht sicher. Neue Ein- fälle lässt er sich nun in ganz großem Stil schützen. Wettbewerber beklagen schon Übertreibungen. So habe Enercon exklusiv das Recht ergattert, die Türme von Windkraftanlagen farbig streichen zu lassen. Nur das fade Weiß hätten die Ostfriesen den anderen übrig gelassen.

Sicherheit sucht der Mittelständler aus Aurich in Autonomie. Gewinne hat er stets ins Unternehmen gesteckt, er gilt als komfortabel finanziert.

Möglichst wenig will er von Zulieferern abhängig sein. Das Gros seiner Bauteile produziert er selbst, sogar eine eigene Gießerei lässt er jetzt hochziehen. Die Fertigungstiefe von Enercon liegt bei gut 80 Prozent; die deutschen Autohersteller begnügen sich mit knapp 30 Prozent.

Und Wobben hört nicht auf, seine Entwickler zu triezen. "Die Kosten - ob es Stahl ist oder andere Dinge - steigen sehr stark", argumentiert er; außerdem sinke der garantierte Abnahmepreis für Windstrom. "Da muss man sich natürlich auf den Hosenboden setzen und gucken: Was können wir verbessern?"

Das klingt schon fast nach konventionellem Management mit Kostenklauben und viel Klein-Klein. Doch auch da büxt Wobben aus. Bei aller Bodenhaftung: Das Träumen vom Neuen, ja Fantastischen, hört bei ihm nie auf.

Er und die Seinen gehen einer Fülle von Nebengeschäften nach, die anregend nach Ökologie und Zukunft schmecken. Enercon fertigt Produkte für die Meerwasserentsalzung und die Nutzung von Wasserkraft. Wobben ließ ein 130 Meter langes Frachtschiff bauen, das teils mit an Bord erzeugtem Windstrom, teils mit Diesel fahren soll. In einem halben Jahr will der Erfinder sein "E-Ship 1" auf die Ozeane schicken - als Boten einer maritimen Revolution.

Die allergrößten Hoffnungen setzt er auf neuartige Speichertechniken für Elektroautos, an denen er eifrigst forscht. Erst wenn auch Autos mit Windstrom fahren, meint er, sei sein Auftrag erfüllt.

Nur eine Vision lässt der Norddeutsche hartnäckig aus: die Vorstellung von riesigen Windparks auf hoher See - "offshore", wie die Experten sagen. Davon schwärmen derzeit besonders die großen Energiekonzerne. Wobben aber will mit seinen Rädern an Land bleiben. Offshore-Parks hält er für zu aufwendig, störanfällig - letztlich unrentabel. Und er kann auf gute Kronzeugen bauen. In seiner Firma arbeiteten ja lauter Ostfriesen, viele von ihnen auf Inseln aufgewachsen; die wüssten, wie rau die See wirklich ist.

Gut möglich, dass die Windfänger vom Binnenland das auch noch merken.

Michael Machatschke

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