Kobalt, Lithium, Nickel Warum es doch kein Rohstoffbeben in der Autoindustrie gibt

Die Preissprünge bei wichtigen Industriemetallen versetzten die Autoindustrie in Alarmbereitschaft. Doch die befürchtete Krise kommt vorerst nicht. Nur bei Kobalt sind kurzfristig Engpässe zu erwarten.
Heiße Ware: Der russische Rusal-Konzern ist der weltweit zweitgrößte Aluminiumproduzent und betreibt Elektrolyseöfen unter anderem in Sibirien

Heiße Ware: Der russische Rusal-Konzern ist der weltweit zweitgrößte Aluminiumproduzent und betreibt Elektrolyseöfen unter anderem in Sibirien

Foto: REUTERS

Groß war die Panik in den Vorstandsetagen der Autohersteller, als die Eskalation des Ukraine-Kriegs Anfang März für eine Preisrally an den Rohstoffmärkten sorgte. Zusätzlich zu den fehlenden Chips und Kabelbäumen drohten nun auch noch Engpässe bei den Rohstoffen. Die Preise vieler wichtiger Industriemetalle, die für die Produktion von Autos benötigt werden, etwa Nickel, Palladium und Aluminium, stiegen auf Rekordniveaus. "Wir sehen eine Kostensteigerung bei Rohstoffen und Energie, die Druck auf das Geschäftsmodell ausüben wird", hatte Stellantis-Chef Carlos Tavares (63) gesagt. Die nächste Krise für die Autoindustrie deutete sich an.

Jetzt zeigt sich, dass das große Beben bei den Rohstoffen für Stellantis, Volkswagen und Co. vorerst ausbleibt. Die Versorgungslage hat sich bei den Industriemetallen wieder entspannt; statt zu weiteren Preissprüngen kam es zu Preisrückgängen an den Rohstoffmärkten. An der Londoner Metall Börse LME, die zwischenzeitlich sogar den Handel mit Nickel ausgesetzt  hatte, ist der Nickelpreis seit dem Ende des ersten Quartals um 12 Prozent zurückgegangen, Aluminium kostet rund ein Viertel weniger und selbst der Preis des kritischen Rohstoffs Kobalt ist um 10 Prozent gesunken. Nickel ist damit noch rund die Hälfte teurer als vor einem Jahr, der Preis für Aluminium ist fast auf das Vorjahresniveau zurückgekehrt.

Die Alarmstimmung in puncto Rohstoffe hat sich bei den Autoherstellern wieder etwas gelegt. "Wir sehen aktuell durch die Ukraine-Krise noch keine Versorgungsrisiken mit Auswirkungen auf unsere Fahrzeugproduktion", sagt ein Volkswagen-Sprecher. Ähnlich äußert sich die BMW Group: "Den Bezug von Rohstoffen (inkl. Strom und Gas) haben wir langfristig abgesichert." Renault teilt mit, von dem Konflikt in der Ukraine nicht direkt betroffen zu sein, da der Autobauer dort keine direkten Lieferanten habe. Stellantis betont, die Lehren aus der Covid- und Halbleiterkrise gezogen zu haben.

Gegen die Preisschwankungen bei Rohstoffen haben BMW und Volkswagen sich nach eigenen Angaben abgesichert. Was das für Auswirkungen haben kann, zeigte sich bereits im ersten Quartal. Volkswagen wies überraschenderweise einen positiven Effekt in Höhe von 3,5 Milliarden Euro aus, der sich aus den Absicherungsgeschäften ("Hedging") ergeben hatte. Der Konzern zahlte aufgrund der langfristigen Sicherung noch Preise wie vor dem Ukraine-Krieg, die Differenz sorgte für den Buchgewinn. Diese Sonderentwicklung dürfte sich nach Angaben des Konzerns im weiteren Verlauf des Jahres nicht fortsetzen, die operative Rendite werde sich wieder auf das für 2022 prognostizierte Niveau zubewegen.

Andere Krisen verhindern Rohstoffkrise

Dass Russland ein wichtiger Lieferant vieler Rohstoffe für die Autoindustrie ist, scheint die Autobauer momentan weniger zu beschäftigen. Ein Fünftel von hochwertigem Nickel, das zur Veredelung von Stahlprodukten sowie in der Herstellung von Batterien etwa für Elektroautos eingesetzt wird, stammt aus Russland. Bei Aluminium, das vor allem für die Karosserie zum Einsatz kommt, sind es 6 Prozent der weltweiten Produktion. Der globale Bedarf an Palladium wird zu etwa der Hälfte aus Russland und der Ukraine gedeckt – wovon 70 Prozent in die Autobranche geht.

Was den Preisanstieg der Metalle für die Autoindustrie in Grenzen hält, sind laut Metall- und Minen-Analystin Alice Yu von S&P Global Insights andere Krisen. "Aufgrund der Inflation und der chinesischen Null-Covid-Politik sinkt die Nachfrage und das Angebot nimmt kurzfristig etwas zu", sagt Yu. Kurzfristig werde daher für die meisten Rohstoffe sogar ein leichter Überschuss prognostiziert. Erst in einigen Jahren würden sich die Märkte wieder in Richtung Defizite bewegen.

Der zweimonatige Lockdown in China hatte den globalen Rohstoffhunger erheblich verringert. In der Wirtschaftsmetropole Shanghai und anderen Städten standen zahlreiche Fabriken still, vor dem größten Hafen der Welt in Shanghai stauten sich kürzlich rund drei Prozent der weltweiten Containerfrachtkapazität. Weltweit kam es zu Produktionsstopps in den Autofabriken. Laut einer Ifo-Umfrage von Mai warteten 90 Prozent der befragten deutschen Betriebe aus der Automobilindustrie auf Vorprodukte aus China.

Gleichzeitig sank die Nachfrage durch die Inflation. In der Eurozone kletterte die zuletzt auf 8,1 Prozent und in den USA auf 8,3 Prozent.

Engpässe bei Kobalt halten an

Größere Engpässe sieht Expertin Yu momentan vor allem bei Kobalt. Das Metall ist wie Lithium und Nickel ein wichtiger Batterie-Rohstoff. "Der Ausbruch des Krieges hat die Knappheit auf dem Kobaltmarkt weiter verschärft", sagt Yu. Russland steuert zwar nur rund 4 Prozent der weltweiten Kobaltproduktion bei. Aber der Ausfall verschärft die ohnehin angespannte Lage. Bereits vor dem Krieg sei weniger Kobalt aus Südafrika geliefert worden – zunächst aus logistischen Gründen, jetzt wegen Überschwemmungen. Diese hatten in der Küstenstadt Durban, wo sich ein wichtiger Hafen für Kobaltexporte befindet, große Schäden verursacht. Von dort aus exportiert die Demokratische Republik Kongo, der mit Abstand weltweit größte Förderer von Kobalt, den Rohstoff. Auf den Staat entfielen 2021 mehr als zwei Drittel der weltweiten Kobaltproduktion.

Insgesamt erwartet Yu in den Jahren 2022 und 2023 eine geringe Produktion von Elektrofahrzeugen und daher eine geringere Nachfrage nach Lithium und Kobalt. Das dämpft den Preisanstieg bereits jetzt. Die Goldman-Sachs-Analysten Nicholas Snowdon und Aditi Rai erwarten kurzfristig, also innerhalb der kommenden zwei Jahre, sogar Preisrückgänge bei Kobalt und Lithium, wie sie einer Mitteilung von Ende Mai schrieben.

Eine Eskalation auf den Rohstoffmärkten ist momentan unwahrscheinlich. Aber wenn es eine Lehre aus den zurückliegenden Jahren gibt, dann die: Die nächste Krise kommt bestimmt.

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