Showdown in Wolfsburg Darum geht es beim Duell Diess gegen Cavallo

7000 VW-Mitarbeiter werden heute in Halle 11 des Wolfsburger VW-Werks das Duell zwischen VW-Chef Herbert Diess und Betriebsratschefin Daniela Cavallo live verfolgen. Nachdem Diess angeheizt hat, dürfte Cavallo lautstark antworten. Dabei geht es nicht nur um den Abbau tausender Arbeitsplätze: Was von der Fortsetzung des VW-Kulturkampfes zu erwarten ist.
Cavallo, Diess: Showdown in Halle 11

Cavallo, Diess: Showdown in Halle 11

Foto: Swen Pförtner; Carsten Koall / picture alliance/dpa

Showdown in Wolfsburg: Bei der VW-Mitarbeiterversammlung am Hauptsitz des Konzerns treffen Volkswagen-Boss Herbert Diess und Betriebsratschefin Daniela Cavallo aufeinander. Diess hat im Vorfeld mächtig Dampf gemacht: Mit der Idee, bis zu 30.000 Jobs zu streichen – das wäre fast jeder vierte Job bei VW in Deutschland – hat er die VW-Mitarbeiter in helle Aufregung versetzt. Das Stammwerk in Wolfsburg müsse "produktiver werden" forderte Diess – und zettelte den offenen Konflikt mit einem mächtigen Gegenspieler an. In keinem der großen deutschen Konzerne haben Betriebsrat und Mitarbeitervertreter einen so großen Einfluss wie bei Volkswagen. Zudem ist es der erste große Auftritt der neuen Betriebsratschefin Cavallo, die vor den eigenen Mitarbeitern jetzt Stärke zeigen muss. Was von dem Kräftemessen zu erwarten ist.

Warum sorgt Diess bei VW für Alarmstimmung?

Der VW-Chef fürchtet, nach einem furiosen ersten Halbjahr ausgebremst zu werden . Nach einem Gewinn von 11,4 Milliarden Euro von Januar bis Juni war VW auf bestem Weg, den höchsten Jahresgewinn in der Konzerngeschichte einzufahren – bis die Chipkrise diesen prestigeträchtigen Rekord zunichte machte. Vor allem die Volumenmarken VW, Skoda, Seat und VW Nutzfahrzeuge leiden unter dem Mangel an Chips und dem damit verbundenen Absatzeinbruch. Zusammengenommen haben die Massenmodelle im dritten Quartal einen Verlust eingefahren. Zugleich arbeiten die ebenfalls von der Chipkrise betroffenen Massenhersteller Stellantis, Ford und GM weiter profitabel: Für Diess ein Alarmzeichen, dass Volkswagen im Vergleich zu teuer produziert und die deutschen Standorte wie das Stammwerk in Wolfsburg nicht produktiv genug sind.

Sein Gegenmittel: Kosten runter, Stellen streichen. Dass der Betriebsrat die von Diess ins Spiel gebrachte Zahl von 30.000 Jobs als Kampfansage auffassen musste, dürfte dem VW-Chef bewusst gewesen sein. Dem Volkswagen-Chef passt allerdings auch nicht, dass der mit dem Betriebsrat vereinbarte Zukunftspakt noch nicht komplett umgesetzt ist. Von der Vereinbarung, 14.000 Jobs bis 2025 zu streichen, ist der Konzern noch entfernt. An Kostensenkungen geht für Diess kein Weg vorbei – unabhängig von der Dauer der Chipkrise.

Welche Rolle spielt Tesla dabei?

Seit Jahren ist Tesla bei allen wichtigen Projekten schneller, als es die deutschen Autobauer erwartet haben. Ob es um den Sprung von einem Nischenanbieter zu einem Massenhersteller (Model 3) geht, um die Entwicklung von Software, den Aufbau eines attraktiven Ladesäulen-Netzes, die Möglichkeit von automatischen Updates oder um den Bau neuer Fabriken: Stets hat Tesla VW, Daimler, BMW und Co mit seinem Tempo überrascht. "Wir brauchen mehr Geschwindigkeit in der Entwicklung neuer Fahrzeuge und bei der Entscheidungsfindung", forderte Diess kurz vor der Mitarbeiterversammlung und verwies ausdrücklich auf die Tesla-Factory im benachbarten Grünheide.

Zugleich übernimmt Tesla die für Diess nützliche Rolle des Tempomachers: Es ist kein Zufall, dass Diess jüngst bei einem VW-Führungskräftetreffen Elon Musk als Überraschungsgast zuschaltete und dass er bereits vor Monaten gemeinsam mit dem Tesla-Chef ein paar Runden im ID.3 drehte. Die öffentlich demonstrierte Nähe zeigt: Elon Musk soll Diess' Führungskräfte auf Linie bringen und auf den neuen Kurs (mehr Tempo, mehr Elektroautos, höhere Produktivität) einschwören.

Was muss sich bei Volkswagen ändern?

Dem VW-Chef geht es um Beschleunigung. Sowohl bei der Entwicklung der Software für die kommende Autogeneration als auch bei den Arbeitsabläufen in den deutschen Werken. Beim Thema Software liegt VW hinter dem eigenen Zeitplan. Auch das Ziel, in diesem Jahr rund 600.000 Elektroautos (ID.3 und ID.4) zu verkaufen, wird VW aller Voraussicht nach klar verfehlen.

Zugleich sind die Gewinne und Gewinnmargen der anderen deutschen Autohersteller in den vergangenen Monaten gestiegen: Da vor allem hochpreisige Autos verkauft werden und Kunden monatelang auf Neuwagen warten müssen, liefern sich die Hersteller keine Rabattschlachten. Die aktuell hohen Gewinne drohen die strukturellen Probleme zu überdecken und könnten zu einer gefährlichen Selbstzufriedenheit führen: Diess sähe dabei ziemlich schlecht aus. Auch deshalb stößt er wohl extra laut ins Horn, selbst wenn er damit die neue Betriebsratschefin brüskiert.

Riskiert Diess den Bruch mit dem Betriebsrat und seinen eigenen Job?

Wer lautstark austeilt, muss auch mit lautem Echo leben. Es ist kein Zufall, dass einen Tag vor der Mitarbeiterversammlung in Wolfsburg die Zukunft des VW-Chefs erneut zum Thema wird. Der Streit um die Zukunft von Diess sei "Thema im Vermittlungsausschuss", hieß es am Mittwoch unter Berufung auf Insider. Die Botschaft ist klar: Auch nach seiner Vertragsverlängerung gilt Diess nicht als unantastbar. Noch kann er auf Rückendeckung der Familien Porsche und Piech zählen. Zu den Gesetzen bei VW zählt aber auch: Wer den mächtigen Betriebsrat dauerhaft gegen sich aufbringt, hat im Konzern keine Zukunft. Als VW-Chef muss es Diess gelingen, Unternehmen und Mitarbeiter auf eine gemeinsame Linie einzuschwören.

Folglich ließ auch Betriebsratschefin Cavallo vor der Mitarbeiterversammlung die Muskeln spielen: Sie pfiff den VW-Chef von einer geplanten USA-Reise nach Wolfsburg zurück und machte wenige Tage vor dem Showdown klar, dass sie vom Topmanagement eine Stärkung des aktuell nicht ausgelasteten Stammwerks Wolfsburg erwarte – am besten durch die Produktion des Elektromodells "Trinity". Als Nachfolgerin des kantigen und konfliktfreudigen Betriebsratschef Bernd Osterloh ist es für Cavallo auch persönlich wichtig, als neue Betriebsratschefin jetzt lautstark und machtbewusst zurückzuschlagen. Im Frühjahr 2022 beginnt der Wahlkampf für die nächste Betriebsratswahl.

Kommt es schon während der Versammlung zum großen Knall?

Unwahrscheinlich. Cavallo und Diess werden sich bei ihrem ersten großen direkten Schlagabtausch vor den VW-Mitarbeitern gewiss nichts schenken. Doch beide wissen, dass sie trotz lauter und scharfer Töne in den kommenden Monaten eine gemeinsame Linie finden müssen. Indiz dafür ist, dass Volkswagen seine bislang für den 12. November geplanten Entscheidungen für die mittelfristige Investitionsplanung auf den 9. Dezember verschoben hat. Dadurch gewinnen alle Beteiligten Zeit, um über Zukunftsinvestitionen am Stammwerk Wolfsburg zu verhandeln. Und eine mögliche neue Produktionshalle für das Projekt "Trinity" wäre eine Investition, die auf Beifall der verunsicherten Wolfsburger Mitarbeiter stoßen dürfte.

Dass der Kulturkampf bei Volkswagen am Donnerstag möglicherweise verbal, aber inhaltlich zunächst wahrscheinlich nicht weiter eskalieren wird, hat auch mit der Corona-Pandemie zu tun. In Halle 11 in Wolfsburg werden am Donnerstag nur 7000 VW-Mitarbeiter anwesend sein, der Rest verfolgt die Veranstaltung via Intranet. Auch die sonst übliche Fragerunde und Diskussion nach den Vorträgen von Diess und Cavallo fällt aus, da es sich offiziell nicht um eine Betriebsversammlung, sondern lediglich um eine "Informationsveranstaltung für die Belegschaft" handelt. Deshalb wird aus dem mit Spannung erwarteten Duell Diess vs Cavallo kein Mehrkampf werden: Nach den lauten Tönen der vergangenen Woche dürfte dies dem VW-Chef nur Recht sein.

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