Daniela Cavallo attackiert Herbert Diess "Ein Armutszeugnis für einen Weltkonzern"

VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo sucht vor den Mitarbeitern den Schlagabtausch mit Herbert Diess. Der Umgang mit der Chipkrise sei ein "Armutszeugnis". Diess kontert, doch auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil fordert von ihm mehr Entgegenkommen.
"Produktionsstand wie Ende der 50er Jahre": VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo wirft Herbert Diess in ihrer Rede vor, zu wenig gegen den Chipmmangel zu unternehmen

"Produktionsstand wie Ende der 50er Jahre": VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo wirft Herbert Diess in ihrer Rede vor, zu wenig gegen den Chipmmangel zu unternehmen

Foto: Susanne Hübner; Susanne Huebner / imago images/Susanne Hübner

Ihr Vorgänger Bernd Osterloh war ebenso kantig wie konfliktfreudig – und legte sich wiederholt öffentlich mit Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess (63) an. Nun tritt Daniela Cavallo (46) in Osterlohs Fußstapfen: Bei einer Mitarbeiterversammlung in Halle 11 in Wolfsburg ging die neue Betriebsratschefin Diess hart an. Das zeigt ihr Redemanuskript, das manager magazin vorliegt.

Vor kurzem hatte Diess die Idee ins Spiel gebracht, im Konzern bis zu 30.000 Jobs zu streichen – um wettbewerbsfähiger zu werden und bei der Produktivität zu zahlreichen Konkurrenten, insbesondere zu Tesla, aufzuschließen. Diese Idee stößt, was kaum verwundert, in der mächtigsten Arbeitnehmervertretung Deutschlands auf wenig Gegenliebe. Mehr über die Hintergründe des Streits lesen Sie in unserer Vorab-Analyse zum aktuellen Kulturkampf bei VW.

In ihrer Rede verglich Cavallo nicht nur die Produktivität von VW mit Tesla. Sie forderte auch ein weiteres Elektromodell für Wolfsburg – und mehr Budget für Mitarbeiter-Weiterbildungen.

"Es sind wirtschaftlich keine einfachen Zeiten für uns", begann Cavallo laut Manuskript ihre Rede. Noch nie hatte das Stammwerk in Wolfsburg eine so lange Kurzarbeitsphase. Mehr als 50 Schließtage musste die Belegschaft verbuchen und einen Produktionsstand, "den wir zuletzt Ende der 1950er-Jahre hatten". Sie frage sich beim öffentlichen Auftreten von Herbert Diess in den vergangenen Monaten, ob ihm "diese Lage hier an unserem Standort eigentlich bewusst ist".

Die Konzernspitze sei mit vielen Versprechen aufgefallen. So sollte laut dem Zukunftspakt mindestens 820.000 Fahrzeuge im Jahr 2020 in Wolfsburg gebaut werden, es wurden letztlich keine 500.000. Von der in Aussicht gestellten eine Million Fahrzeuge sei man in Wolfsburg aktuell weiter entfernt denn je – auch vor der Pandemie und der Chipkrise seien diese Ziele unrealistisch gewesen, so Cavallo. Der Halbleitermangel werde die Produktion noch mindestens im kommenden Jahr erschweren. "Es steht uns also ein weiteres schwieriges Jahr bevor", so Cavallo.

"Es fehlen schlicht die Teile, mit denen wir unsere Autos bauen können"

Die Auftragslage sei gut. Nicht das Werk oder die Beschäftigten seien ineffizient, es "fehlen schlicht die Teile, mit denen wir unsere Autos bauen können". Der Mangel an Halbleitern sei "ein Armutszeugnis für einen Weltkonzern", meint Cavallo – und es sei die Verantwortung des Konzernvorstands, das besser hinzubekommen. Es gebe ja auch "andere Automobilhersteller, die besser durch die Krise kommen".

Besonders ärgerlich für sie sei, so Cavallo, dass die Marke Volkswagen bei der Zuteilung der Chips benachteiligt werde – weil die Premiummarken des Konzerns "stärker versorgt werden". Das sei zwar nachvollziehbar und "das gehen wir auch mit"; allerdings vermisse sie konkrete Lösungsvorschläge zur Lösung der Halbleiterkrise.

"Leichtfertige Spekulationen" des Konzernchefs

Fast 48 Stunden habe Diess gebraucht, um seine "leichtfertigen Spekulationen" über den Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen zurückzuziehen. Das sei "völlig absurd". Dabei sei VW gut durch die Krise gekommen. Es gebe eine Beschäftigungssicherung bis 2029.

Cavallo stellt dann auch noch einen öffentlichen Vergleich mit Tesla an: In Teslas Werk in Berlin sollen zwischen 8000 und 10.000 Leute rund 500.000 Autos bauen. Im Volkswagen-Stammwerk in Wolfsburg sind rund 13.000 Menschen direkt mit dem Autobau befasst. "Wenn wir mal die festgelegten 820.000 Autos nehmen, die für Wolfsburg angepeilt waren, würden wir im Vergleich noch immer ziemlich gut abschneiden".

"Zur VW-Kultur gehört, dass sich der Betriebsrat einmischt"

"Hier ist nicht ein Mensch zuviel an Bord", gab sich Cavallo kämpferisch. "Nicht eine Stelle können Sie zusätzlich mit uns verhandeln. Wir haben hier schon unsere Hausaufgaben gemacht". Der Betriebsrat habe gemeinsam mit der Belegschaft seine Zusagen eingehalten. Der Konzernvorstand hingegen schaffe es nicht, für die Auslastung des Werkes Wolfsburg zu sorgen. "Also hören Sie auf mit Spekulation über Stellenabbau und erarbeiten Sie mit uns gemeinsam Lösungen", forderte Cavallo von Diess.

Den Mitarbeitern sei bewusst, dass sich durch die Elektromobilität und Digitalisierung sehr viel verändern werde und müsse. "Der Betriebrat will den Wandel, die Belegschaft will den Wandel, Wolfsburg will den Wandel". Man brauche den Wandel, um Arbeitsplätze zu sichern. Doch "den Wandel gibt es nur mit VW-Kultur. Und dazu gehört, dass sich der Betriebsrat einmischt".

Das Werk in Wolfsburg sei Konzernzentrale, Stammwerk und Herz der technischen Entwicklung. Dafür müsse es in Wolfsburg die modernste Produktion geben, "in der Effizienz und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen"- und wo am Ende die größten Stückzahlen des Konzerns stünden. Das sei möglich, doch dafür brauche das Werk schon "vor 2026 ein weiteres E-Modell für Wolfsburg" – und zwar eines, dass auf der nächsten Elektroplattform-Generation "Trinity" aufbaut.

Zudem will Cavallo, dass die Konzernführung das Budget für Weiterbildungen der Wolfsburger Belegschaft aufstockt. "Volkswagen bedeutet für uns Familie", so Cavallo. Sie selbst arbeite seit 27 Jahren hier. "Wir wollen die Veränderung und wir können Veränderung".

Die großen Herausforderungen der Vergangenheit habe die Belegschaft "immer geschafft. Und zwar gemeinsam". Wenn Diess den Wandel meistern wolle, sollte er nicht nur den Betriebsrat "als Partner sehen, sondern jede und jeden einzelnen, der für Volkswagen arbeitet."

Diess: "Werk Wolfsburg muss die Speerspitze sein"

VW-Chef Herbert Diess will den Stammsitz Wolfsburg zu einem zentralen Motor für den Konzernumbau machen. "Gerade Wolfsburg ist wichtig für den Konzern, muss die Speerspitze sein", betonte Diess seinem Redetext zufolge. Er verwies aber auch darauf, dass die Konkurrenz genau im Blick behalten werden müsse: "Der nächste Golf darf kein Tesla sein! Der nächste Golf darf nicht aus China kommen!"

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Auf Sorgen vor einem weiteren Arbeitsplatzabbau ging Diess ein - griff die drastische Zahl von bis zu 30.000, die er zur Irritation vieler Beschäftigter zuletzt ins Spiel gebracht hatte, aber nicht auf. "Ich möchte, dass Ihre Kinder und Enkelkinder auch 2030 noch einen sicheren Job hier bei uns in Wolfsburg haben können", sagte er. Aber: "Die heute bestehenden Jobs werden innerhalb der nächsten 10 bis 15 Jahren sicher weniger - vor allem in der Verwaltung auf Konzernebene, aber auch in der Produktion und in der Entwicklung." Gleichzeitig komme neue und andere Arbeit hinzu.

"Nur gemeinsam machen wir Volkswagen zukunftssicher", erklärte Diess. Dafür müsse man den Konzern "rechtzeitig zum Umsteuern bewegen". Mit Blick auf den Konkurrenten Tesla, der kurz vor dem Start seines neues Werks in Grünheide bei Berlin steht, heiße das: "Wir dürfen uns unseren Standort, unsere Konzernzentrale, nicht von Tesla kaputtmachen lassen!"

Aus Sicht von Diess hat die VW-Zentrale gute Chancen, wieder zum "Aushängeschild für Autoproduktion" zu werden. Doch dazu müsse das Projekt Trinity unbedingt ein Erfolg werden. Für E-Autos wird insgesamt deutlich weniger klassische Arbeitskraft gebraucht, dafür sind viele neue Kompetenzen nötig. Diess: "Wir planen schnellere Produktionszeiten und effizientere Formen der Zusammenarbeit."

Ministerpräsident Weil: Unternehmen müssen Perspektiven geben

"Wir haben die eigentümliche Situation, dass die Nachfrage nach den Produkten aus Wolfsburg viel höher ist als das Angebot", sagte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (62, SPD) vor der VW-Belegschaft. Weil ist zugleich Aufsichtsrat des Volkswagen-Konzerns. Die Autoindustrie wandle sich derzeit stark, was "sehr, sehr anspruchsvoll" sei. Dennoch müsse es die Aufgabe des Unternehmens sein, Perspektiven zu geben statt Sorgen zu schüren, mahnte Weil.

Es sei zwar gut, dass Volkswagen die neue Generation von "Trinity"-Elektromodellen "hier in Wolfsburg aufs Band setzt", so Weil. Doch das alleine werde nicht die Auslastung des Standorts gewährleisten können. Deshalb könne er "sehr gut nachvollziehen", dass der Betriebsrat ein weiteres Zukunftsprojekt für Wolfsburg fordere.

Das Land Niedersachsen erwarte, dass es am Ende der nächsten Planungsrunde klare Perspektiven gebe, "die dann für alle verbindlich sind und an denen sich alle dann auch orientieren können". Ein starker Vorstand und ein starker Betriebsrat seien entscheidend für Volkswagens Aufstieg gewesen. An diesem "Erfolgsrezept" halte das Land Niedersachsen fest. "Zusammenarbeit und Zusammenhalt innerhalb dieses Unternehmens sind eine Grundlage, die nicht zur Disposition steht", so Weil.

wed
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