Unwetter über Deutschland "Die Gefahr von Elementarschäden wird gemeinhin unterschätzt"

Unwetter richten in Deutschland derzeit schwerste Verwüstungen an, künftig werden solche Ereignisse wohl häufiger. Einfache Wohngebäude- oder Hausratsversicherungen schützen meist nicht vor diesen Schäden - doch Versicherer wissen immer besser, wo das Unheil droht.
Beschädigte Autos, zerstörte Häuser in Schuld, Rheinland-Pfalz: Ein Fall auch für die Versicherungsbranche

Beschädigte Autos, zerstörte Häuser in Schuld, Rheinland-Pfalz: Ein Fall auch für die Versicherungsbranche

Foto: Thomas Frey / dpa

Straßen, die wie Gebirgsflüsse erscheinen, Häuser, von denen nur noch ein Haufen Schutt übrig ist, sogar Tote und Dutzende vermisste Menschen - so etwas kennt man in Deutschland im Zusammenhang mit Unwettern bislang kaum. Ein Ausmaß der Verwüstung durch Starkregen und Überschwemmungen wie in diesen Tagen hat es hierzulande lange nicht gegeben.

Seit Jahren nimmt sowohl die Intensität als auch die Anzahl der Unwetter in Deutschland tendenziell zu, heißt es vom Versicherungsverband GDV. Im Jahr 2021 erwartet der Verband durch Stürme, Überschwemmungen, Starkregen und Hagel vermutlich die höchsten Schäden seit 2013. "Bereits im Juni haben Starkregen und Hagel einen geschätzten versicherten Schaden von 1,7 Milliarden Euro verursacht", sagt GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen.

Was die meisten Verbraucher dabei nicht wissen: Unwetterschäden an Immobilien sind nicht automatisch durch eine Wohngebäude- oder Hausratversicherung abgedeckt. Wer sein Haus oder seine Wohnung auch gegen Schäden durch Starkregen, Überschwemmungen, Rückstau und Hochwasser versichern möchte, braucht vielmehr zusätzlich eine Elementarschadenversicherung. Nach Angaben von Versicherungskennern übersehen nicht wenige Kunden diese Notwendigkeit - und ärgern sich im Schadensfall, wenn die Versicherungsgesellschaft die Zahlung verweigert.

Immobilienbesitzer wähnen sich in trügerischer Sicherheit

"Die Gefahr von Elementarschäden wird gemeinhin unterschätzt und es hält sich die Fehlvorstellung, dass eine Wohngebäudeversicherung ausreichenden Schutz bietet", heißt es vom Bund der Versicherten (BdV). "Viel mehr Eigentümer sollten sich über eine Elementarschadenversicherung Gedanken machen."

Dabei können die Versicherer inzwischen sehr genau einschätzen, wie hoch das Risiko für Schäden an einer Immobilie sind – und berechnen entsprechend genau ihre Prämien. Grund dafür ist das Informationssystem "ZÜRS Geo" der Versicherungsbranche. In diesem System werden die Adressen der Versicherten in Gefahrenklassen eingeteilt, je nachdem, wie groß das Risiko am jeweiligen Ort ist, Hochwasser oder Starkregen zu erleben. Und auf der Grundlage dieser Einteilung erfolgt letztlich auch ein großer Teil der Prämienkalkulation dieser Versicherungen. Sprich: Je höher die Gefahrenklasse, desto teurer die Police.

Dabei zeigt ein Blick auf die Entwicklung der Gefahrenklassen in den vergangenen Jahren: Der Anteil der Regionen mit besonders hohem Risiko hat nicht etwa - wie intuitiv zu erwarten wäre - zugenommen. Er ist vielmehr sogar kleiner geworden. So befinden sich bei der Gefährdung durch Hochwasser laut Branchenverband GDV gegenwärtig von insgesamt 22,1 Millionen in dem "ZÜRS Geo"-System erfassten Adressen 20,4 Millionen und damit 92,4 Prozent in der niedrigsten Gefahrenklasse 1. Lediglich 98.000 oder 0,4 Prozent der Adressen dagegen werden von den Versicherern der Gefahrenklasse 4 mit dem höchsten Risiko zugerechnet. Zum Vergleich: 2016 hatte die Gefahrenklasse 1 noch einen Anteil von 90,9 Prozent, und auf die Gefahrenklasse 4 entfielen 0,7 Prozent der Adressen.

Zugang zu Sturm- und Hochwasserversicherungen im Schnitt leichter geworden

Der Grund für diese Verschiebung ist nach Angaben eines GDV-Sprechers vor allem die sich stetig verbessernde Datenlage der Versicherer, die eine immer präzisere Abgrenzung der Risikogebiete ermögliche. Dabei erscheinen die prozentualen Veränderungen womöglich marginal. Doch sie führen de facto dazu, dass es im breiten Schnitt in den vergangenen Jahren in Deutschland einfacher geworden ist, sein Haus oder seine Wohnung gegen derartige Naturgewalten zu versichern. Oder anders formuliert: Die Versicherungsbranche konnte mehr günstige Policen anbieten und musste seltener vergleichsweise hohe Beiträge verlangen.

Auf der anderen Seite gibt es jedoch jene Regionen, die plötzlich von Regen- und Überschwemmungen betroffen sind, obwohl es dort womöglich seit Jahrzehnten ruhig war. Es liegt auf der Hand, dass ein Versicherungsschutz in solchen konkreten Lagen schwieriger zu bekommen ist und auch teurer wird - ein Zusammenhang, den ein Experte vom US-Maklerriesen Marsh schon im besonders katastrophalen Unwetterjahr 2013 im Interview mit dem manager magazin bestätigte.

Hinzu kommt: Der Abschluss einer Versicherungspolice garantiert ohnehin noch längst nicht, dass im Ernstfall tatsächlich gezahlt wird. Immer wieder kommt es zu Streitfällen zwischen Versicherungsunternehmen und ihren Kunden, beispielsweise weil es im Einzelfall Auslegungssache sein kann, ob ein Schadensereignis unter den Versicherungsschutz fällt oder nicht.

"Wenn ein Anspruch berechtigt ist, zahlen Versicherer ihn auch", teilt dazu der Bund der Versicherten auf Anfrage mit. "Gestritten wird sowohl außergerichtlich als auch vor Gericht trotzdem häufig." Dem Versichertenverein zufolge kommt es bei diesem Thema allerdings nicht häufiger zu Streitfällen als in anderen Versicherungssparten. "Problematisch ist, dass die Gutachter zur Feststellung der Schadenhöhe zunächst im Auftrag des Versicherers tätig werden", lautet allerdings die Kritik.

Unwetter kurbeln Versicherungsgeschäft an

Die Klimaveränderungen sind für die Versicherer insgesamt ein großes Geschäft. Wie groß, lässt ein Blick auf besonders lange Zeitreihen erahnen. Die finden sich beispielsweise im Serviceteil des Naturgefahrenreports 2020 vom GDV . Dort lässt sich etwa erkennen, dass sowohl die Zahl der Schäden durch Sturm und Hagel in Deutschland als auch der Umfang, in dem die Versicherer dadurch entstandene Schäden beglichen, seit den 1970er-Jahren bis heute deutlich angestiegen sind (im Report auf Seite 18 ). Zurückzuführen ist das aller Wahrscheinlichkeit nach allerdings lediglich zum Teil auf die Zunahme der Unwetter. Zum anderen Teil dürfte auch die Geschäftstüchtigkeit der Branche und deren stetiges Wachstum eine Rolle spielen.

Allein zwischen 2013 und 2019 stiegen die Beiträge, die die deutsche Versicherungsbranche mit Wohngebäudeversicherungen einnahm, laut GDV von 5,6 Milliarden Euro auf 8,2 Milliarden Euro . Mit den Beiträgen für Hausratsversicherungen ging es im gleichen Zeitraum von 2,7 Milliarden auf 3,2 Milliarden Euro aufwärts . Und wie dem Naturgefahrenreport (auf Seite 43 ) ebenfalls zu entnehmen ist, ist auch die Durchdringung Deutschlands mit Absicherungen gegen Starkregen und Hochwasser im Laufe der Jahre deutlich angestiegen: Verfügten 2002 noch lediglich 18,6 Prozent aller Wohngebäude- und 8,2 Prozent aller Hausratsversicherungen über diesen Zusatzschutz, so waren es 2019 bereits 44 Prozent der Wohngebäude- und 27 Prozent der Hausratspolicen.

Am leichtfertigsten gehen dabei dem GDV zufolge die Bremer Immobilieneigentümer mit diesen Risiken um. Während dort lediglich 22 Prozent der Gebäude gegen die elementaren Naturgefahren abgesichert sind, sind es in Baden-Württemberg 94 Prozent - der bundesweite Höchstwert. In Nordrhein-Westfalen, dem Land, das zuletzt besonders schwer vom Unwetter heimgesucht wurde, sind laut GDV immerhin 45 Prozent der Gebäude gegen Starkregen- und Hochwasserschäden versichert.

cr
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