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Vaude-Chefin Warum will Deutschland nicht Nachhaltigkeits-Weltmeister werden?

Die Energiekrise trifft auch die Textilbranche hart: Vaude-Chefin Antje von Dewitz hat ihr Unternehmen schon vor Jahren auf "grün" gekrempelt und fordert, dass Manager nicht jammern, sondern Nachhaltigkeitskompetenz aufbauen.
Die Kolumne "Teil der Lösung" von Antje von Dewitz
aus manager magazin 1/2023
Strategiewechsel für mehr Nachhaltigkeit: Fairtrade- und Bio-Baumwollernte in Indien

Strategiewechsel für mehr Nachhaltigkeit: Fairtrade- und Bio-Baumwollernte in Indien

Foto: Joerg Boethling / imago images

Wer am lautesten jammert, dem wird geholfen. Das ist eine bewährte Strategie, die ich bei vielen Unternehmen und Lobbyverbänden wahrnehme, ob in der Industrie oder in der Landwirtschaft.

Leider führt sie viel zu oft zum Erfolg. Die Politik wird mit großer Selbstverständlichkeit für funktionierende Rahmenbedingungen einer reibungslosen Marktwirtschaft verantwortlich gemacht und – auch wenn man sich sonst jede Einmischung verbittet – soll sie stets als Krisenhelfer in Aktion treten. In der aktuellen Energiekrise hat das Wehklagen der deutschen Wirtschaft Weltmeisterniveau erreicht.

Antje von Dewitz ist Geschäftsführerin der nachhaltigen Outdoormarke Vaude in Tettnang. Nach ihrem Studium der Wirtschafts- und Kulturraumstudien an der Universität Passau, war sie bei Vaude zunächst als Produktmanagerin, später als Verantwortliche für die Kommunikation tätig. Von 2002 bis 2005 promovierte sie und arbeitete am Stiftungslehrstuhl Entrepreneurship der Universität Hohenheim. 2009 übernahm sie die Geschäftsführung von ihrem Vater und Vaude-Gründer Albrecht von Dewitz. Sie hat Vaude (der Name geht auf die Anfangsbuchstaben des Familiennamens zurück: v.D.) seitdem kontinuierlich zu einem durch und durch nachhaltigen Unternehmen transformiert.

Nun ist der Einsatz von Öl und Gas nicht erst problematisch, seitdem Putin die Ukraine überfallen hat. Unsere Abhängigkeit von fossilen Energien ist der Nährstoff der globalen Klimakrise. Die aktuelle Energieknappheit macht nur deutlich, welch hohen Preis diese Abhängigkeit hat und wie massiv wir beim Umstieg auf erneuerbare Energien hinterherhinken.

Nicht nur in der Politik, auch in den meisten Unternehmen wurde bisher einfach zu wenig für den Klimaschutz getan. Dass jetzt auch noch längst vereinbarte Ausstiegszeiten für Atom und Kohle panikartig verlängert werden, ist einfach nur kurzsichtig gedacht und könnte uns langfristig teuer zu stehen kommen.

Nicht jammern und nach Rettung rufen

Wir brauchen einen Strategie- und Haltungswechsel. Ich wünsche mir eine deutsche Wirtschaft, die proaktiv und ganzheitlich globale Herausforderungen annimmt. Eine Wirtschaft, die nicht verharrt, jammert und dann nach Rettung ruft. Eine Wirtschaft, die ihre Innovations- und Schlagkraft auf zukunftsfähige Lösungen konzentriert, Verantwortung übernimmt und sich daraus einen strategischen Kompetenz- und Wettbewerbsvorteil erarbeitet.

Die globale Textilindustrie ist durch den hohen Energie- und Ressourcenverbrauch in der Produktion für ein Zehntel aller Emissionen verantwortlich und damit ein Treiber der Klimakrise. Ich habe als Unternehmerin die Haltung verinnerlicht, dass wir als Player in der Textilbranche Teil dieses Problems sind. Vor vielen Jahren haben wir uns auf den Weg gemacht, um Teil der Lösung zu werden. Seit 2008 verfolgen wir Mobilitäts- und Effizienzkonzepte, setzen auf Fotovoltaik, grünen Strom und Biogas. In unserer Manufaktur etwa konnten wir so zwischen 2011 und 2021 70 Prozent Emissionen pro Tonne Produktionsoutput einsparen. Alle anderen (noch) nicht reduzierten Emissionen am Standort in Tettnang kompensieren wir und sind dadurch bereits seit 2012 klimaneutral.

Wettbewerb um Ideen

Der Weg dahin war nicht einfach. Nicht nur die Investitionen mussten sorgfältig geplant und bei knappen Budgets verteidigt werden. Auch die systematische Erhebung von Emissionen und Verbräuchen – unabdingbar, um zu wissen, wo man steht – wurde von vielen Mitarbeitenden als bürokratischer Mehraufwand empfunden. Darauf hatte keiner gewartet. Nach und nach gelang es uns, Leute aus allen Bereichen als aktive Unterstützer*innen unserer Nachhaltigkeitsstrategie zu gewinnen. Vor allem die kreativen und greifbaren Veränderungen innerhalb des Mobilitätskonzepts wie ausleihbare E-Bikes, überdachte Fahrradparkplätze, privilegierte Parkplätze für Fahrgemeinschaften waren hierbei hilfreich.

Sie vermittelten Sinnhaftigkeit, machten den Willen zur Veränderung der Geschäftsleitung deutlich und spornten an, mitzumachen. Am Ende löste das einen regelrechten Wettbewerb an guten Ideen aus, wo man wie am meisten einsparen konnte. Mit dieser Motivation begannen wir im Anschluss, unsere globale Lieferkette zu transformieren. Vom gefühlten bürokratischen Ballast ist unser Engagement zum Innovationstreiber geworden, der ganz wesentlich unser Kerngeschäft bereichert, zu neuen Produktideen führt und unsere Marke stärkt.

Ich bin durchaus dafür, dass Unternehmen und Branchen, die durch die Krise in ihrer Existenz bedroht sind, geholfen wird. Mindestens ebenso viel Aufwand sollte jedoch betrieben werden, um die Firmen zu fordern und zu fördern, die notwendige Nachhaltigkeitskompetenz aufzubauen und Klimaschutz umzusetzen.

Als Unternehmerin muss ich heute die sozialen und ökologischen Auswirkungen meines wirtschaftlichen Handelns kennen und genau bemessen können. Ich muss in der Lage sein, wirkungsvolle Lösungen zu entwickeln, um meinen Fußabdruck zu verringern. Nachhaltiges Management ist zu einer ebenso wichtigen Businesskompetenz geworden wie die Digitalisierung. Nicht nur, um der europäischen Gesetzgebung vorzugreifen, die in den nächsten Jahren die Unternehmen sowieso auf diesen Weg zwingen wird. Sondern vielmehr, um glaubwürdig gegenüber den eigenen Kund*innen zu sein, die das heute schon einfordern. Es geht um die Verantwortung gegenüber unseren Kindern – aber auch um unsere wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit.

Deutschland sollte nicht Weltmeister im Jammern, sondern im verantwortungsvollen, proaktiven und innovativen Lösen von globalen Problemen sein.

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