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Unter Wasser

Entrepreneure: Mehr Mut, mehr Wachstum, mehr Innovation - die Gründerwelle hat Deutschland verändert. Jetzt kippt der Trend, die Zahl der neuen Firmen sinkt. Gewinner: die Konzerne. Verlierer: die Volkswirtschaft.
Von Henrik Müller, Christian Rickens und Claus G. Schmalholz
aus manager magazin 9/2001

Was waren das für tolle Zeiten, damals im Juni 2000. Die Intershop Communications AG lud zur Hauptversammlung ins Hamburger Curio-Haus, und viele kamen, um die jungen Stars der neuen Wirtschaft aus nächster Nähe zu erleben. Nachdem alle Reden geredet waren, trug sich Erstaunliches zu.

Firmengründer Stephan Schambach (31) mischte sich unters Kleinaktionärsvolk. Plötzlich fasste sich einer ein Herz, trat auf Schambach zu - und bat ihn um ein Autogramm. Eine kleine Geste für den ostdeutschen Aufsteiger, aber ein großer Schritt für den Gründer als solchen: Ein Star war geboren.

Schier übermenschliche Hoffnungen lasteten auf Schambach und all den anderen Helden der New Economy.

Sie werden uns reich machen, glaubten die Anleger.

Sie werden tolle neue Jobs schaffen, wünschten sich die Beschäftigten.

Sie werden die Wirtschaft erneuern und das Wachstum ankurbeln, hofften die Wirtschaftspolitiker.

Der Typus des Firmengründers - eine kapitalistische Ikone.

Allein die Zeiten, sie haben sich geändert. Mit den Börsenkursen ihrer Unternehmen sind die Superhelden von einst ins Trudeln geraten. Schlimmer noch: Viele smarte Surfer der großen Gründerwelle sind abgesoffen - Sanierungsfälle wie Schambachs Intershop, aus dem eigenen Unternehmen geflüchtet wie Thomas Haffa (EMTV) oder schlicht pleite wie Peter Kabel (Kabel New Media).

Die große Welle droht zu brechen. Bereits im vorigen Jahr sank die Zahl der Betriebsgründungen um 6,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt ermittelte. 2001 geht es weiter abwärts: Die Deutsche Ausgleichsbank (DtA), wichtigster Gründungsfinanzierer, vergab im ersten Halbjahr 17 Prozent weniger Kredite - nach einem Einbruch um 22,3 Prozent im Jahr 2000. Es wollen einfach weniger Gründer Kredite haben.

Bei der TBG, der Hightech-Beteiligungstochter der DtA, sank die Zahl der Neuengagements im ersten Halbjahr gar um 50 Prozent. Tendenz: freier Fall.

"Die Stimmung in der Gründerszene hat sich deutlich verschlechtert", sagt der Gründerforscher Rolf Sternberg, Professor an der Uni Köln.

Im öffentlichen Bewusstsein ist diese Trendwende noch nicht angekommen. Nach wie vor glauben viele, die Deutschen hätten sich zu einem Volk von wagemutigen Selfmademen gewandelt.

So frohlockt Gerhard Schröder immer noch, die Bundesrepublik habe sich "wirklich zu einem Gründerland" entwickelt. Wahrhaft neue Zeiten seien angebrochen, jubilierte der Kanzler kürzlich, in denen "immer mehr Menschen nicht nur kreative Ideen haben", sondern auch "ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen".

Wunschdenken. Die Zahlen erzählen eine weniger heitere Geschichte: Noch lebt die Gründerszene - aber die Lage ist ernst.

Der Gründerboom begann

in Wirklichkeit schon 1993

Die deutsche Gründerszene und der Hype um Neuen Markt und neue Wirtschaft haben nur am Rande etwas miteinander zu tun. All die Intershops, Pixelparks und Ricardos der Republik mögen zwar die öffentliche Wahrnehmung der Gründerszene geprägt haben. Tatsächlich sind die New-Economy-Entrepreneure in der gesamten Gründerszenerie aber nur Randfiguren: 5526 Venture-Capital-finanzierte Unternehmen verzeichnet der Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften. 342 Firmen sind am Neuen Markt notiert. Verschwindend wenige, gemessen an 200 000 Gründungen jährlich.

Die New Economy - nicht viel mehr als eine Fata Morgana: Das Image dieser Firmen war viel größer als ihre wirkliche Gestalt.

Die wahre Geschichte der Gründerwelle beginnt nicht erst 1999, als der Neue Markt abhob, sondern bereits im Jahr 1993. Damals stieg die Zahl der Neueröffnungen stark an. Erstmals seit den Wirtschaftswun-

derjahren gab es auch wieder viele Ingenieure, Chemiker, Physiker und Betriebswirte, die bereit waren, sich selbstständig zu machen. Sie seien die Treiber des Gründerbooms der 90er gewesen, sagt Erich Staudt, Chef des Bochumer Instituts für Angewandte Innovationsforschung. "Hungrige" junge Leute, die selbst die Initiative ergreifen mussten, weil der Arbeitsmarkt in der kriselnden Wirtschaft der 90er Jahre nur wenige attraktive Jobs bot.

Vulgo: Not macht erfinderisch.

Von Börsenmillionen wagte damals kaum jemand zu träumen. Es waren Leute wie Peter Heinrich, der 1994 39 Jahre alt war und den ungewissen Aufstiegsperspekti-

ven bei Wacker-Chemie entfloh, indem er die Firma Medigene gründete, eine der ersten Biotech-Firmen in Deutschland.

Mittlerweile

hat sich die Situation dramatisch geändert. Bereits 1999 - dem Jahr, als die New-Economy-Party ihrem Höhepunkt entgegenrauschte - flachte die große Gründerwelle ab. Nun droht sie zu brechen.

Wie Mitte der 90er Jahre liegt die Trendwende in der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt begründet - jetzt aber mit umgekehrtem Vorzeichen.

Heute sind Fachleute knapp und begehrt. Etablierte Unternehmen locken mit anständigen Gehältern und Aufstiegschancen. Dass sich weniger Leute für das Risiko, den Stress und den mageren Anfangsverdienst der Gründung entscheiden, ist nur verständlich.

In den neuen Bundesländern, die Anfang der 90er Jahre von einer Gründerzeit heimgesucht wurden, hat die Dynamik bereits 1995 nachgelassen. Seither liegt die Zahl der neuen Unternehmen und der Anteil der Selbstständigen konstant deutlich unter Westniveau. Von einer neuen Gründerzeit Ost ist nichts zu sehen.

Warum den Start-ups

die Leute ausgehen

Feierliche Verleihung der Diplome an der European Business School (EBS). Ein schwüler Sommertag, ein Schloss im Rheingau. Jürgen Schrempp hält die Festrede, Hans Tietmeyer übergibt die Diplomurkunden, und Walther Leisler Kiep sitzt in der ersten Reihe. Die Deutschland AG vereidigt ihre Rekruten.

Hier in Oestrich-Winkel, zwischen Talaren, Perlenohrringen und nassglänzenden Scheiteln scheint wie ferne Vergangenheit, was vor zwei Jahren geschah: Damals schlugen viele Absolventen der Wirtschaftsfakultäten und Business Schools die Jobs aus, die ihnen Großkonzerne, Beratungshäuser und Investmentbanken andienten. Die Nachwuchstalente wollten stattdessen in Start-up-Firmen arbeiten oder selbst Unternehmen gründen.

Vorbei, vergangen und fast schon vergessen. "Beratungsfirmen und Investmentbanken stehen bei unserem Jahrgang wieder hoch im Kurs", sagt EBS-Absolvent Alexander Becker.

Big Business as usual.

Becker (24) hat sich sein EBS-Studium zum Teil mit einer kleinen Webdesign-Firma verdient, die er nebenher betrieb. Und jetzt, nach dem Examen? "Wir werden nicht hauptberuflich als Unternehmer arbeiten", sagt Becker. "Die Firma bietet nicht genug Entwicklungsmöglichkeiten." Stattdessen will der Betriebswirt seine ersten beruflichen Schritte als Angestellter in einer etablierten IT-Beratung machen.

So wie Becker denken viele. An der Handelshochschule Leipzig (HHL) sank die Zahl der Absolventen, die in Start-ups arbeiten oder selbst ein Unternehmen gegründet haben, im Gleichschritt mit den Kursen am Neuen Markt (siehe Grafik rechts).

Die jungen Hochschulabsolventen träumen kaum mehr von einem Job im Start-up. Und wer dort bereits arbeitet, hat meist nur einen Wunsch: Nichts wie weg! Das ist zumindest das Ergebnis einer Umfrage der Universität Witten-Herdecke und der Personalberatung Heidrick & Struggles unter 450 Angestellten und Geschäftsführern von jungen Internet-Firmen.

Von den befragten einfachen Dotcom-Angestellten wollen 70 Prozent in Unternehmen der alten Wirtschaft überlaufen, unter den leitenden Angestellten und Gründern liegt der Anteil immerhin bei einem Drittel. Eines der Hauptmotive: Seit die Bezahlung mit Aktienoptionen in Verruf geraten ist, können die Start-ups bei den Gehältern nicht mehr mit den etablierten Unternehmen mithalten.

Die deutsche Gründerszene ist einer neuen Gefahr konfrontiert: Personalmangel.

Paradoxerweise könnte die abflauende Konjunktur den Start-ups zu Hilfe kommen. Wenn Konzerne wie Siemens Leute entlassen, könnten viele von ihnen in "soliden jungen Unternehmen etwas finden", meint Harald Steger, der für die Investmentbank Merrill Lynch die deutsche Gründerszene beobachtet. Ein Hoffnungsschimmer, mehr nicht.

Gerald Böhm sucht jedenfalls noch immer vergeblich. Er hat einen Job zu vergeben, für den Business-School-Absolventen vor kurzem noch ihre eigene Großmutter bei E-Bay versteigert hätten. Böhm, Vorstand der ACGT Progenomics AG in Halle, braucht für sein solide finanziertes Biotech-Start-up einen Controller. Geht alles nach Plan, wird der Kandidat 2003 zum Finanzvorstand aufsteigen.

Von neun Bewerbern hat Böhm nur einem abgesagt. Die übrigen sagten von sich aus nein: Einigen war der Standort Halle zu unattraktiv, anderen das Gehalt zu niedrig. Wieder andere fühlten sich der großen Verantwortung für das Wohl des jungen Unternehmens nicht gewachsen.

Personal als Engpassfaktor für das Firmenwachstum - bis vor kurzem noch unvorstellbar. Ein weiteres Hindernis hingegen, das jahrelang beklagt wurde, scheint dauerhaft beseitigt: Von Kapitalmangel kann keine Rede mehr sein - trotz eingebrochener Börsenkurse.

Die Finanzierer: volle

Taschen - volle Hosen

Lange Zeit war es einfacher, Kapital an der Börse zu beschaffen als einen Kleinkredit für die neue Couch zu bekommen. So beschrieb Bundeswirtschaftsminister Werner Müller unlängst die Euphorie der vergangenen Jahre. Vorbei? Kommt drauf an.

Kapital an der Börse zu beschaffen ist in der Tat ziemlich aussichtslos geworden, aber Geld zum Gründen gibt's immer noch genug. Bund und Länder bieten eine unübersehbare Anzahl von Zuschüssen, Krediten und Bürgschaften an.

Auch die Venture-Capitalists, wichtigste Geldgeber für die Unternehmen der neuen Wirtschaft, sitzen auf prallgefüllten Geldsäcken. Nach Erhebungen des Bundesverbandes Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften stieg das Kapital der inzwischen über 220 Venture-Capital-Unternehmen im vergangenen Jahr auf 36,4 Milliarden Mark an.

Das Problem ist nur, wie Falk Strascheg, einer der Väter der deutschen VC-Szene es ausdrückt, dass die Geldleute zwar immer noch die Taschen voll haben, gleichzeitig aber auch die Hosen. Die Hüter der Millionen sind vorsichtiger geworden und sehr, sehr wählerisch.

Kapital gibt es jetzt vornehmlich für echte Innovationen. Besonders gern gesehen: wirklich neuartige Technologien, am liebsten abgesichert mit ein paar Patenten. Diverse Flops mit vermeintlich bahnbrechenden Internet-Firmen wie Online-Drogerien (Vitago) und Webshops (Letsbuyit.com) haben die Investitionsneigung deutlich gesenkt.

Zudem sehen die Schreibtische der Fondsmanager plötzlich wieder recht übersichtlich aus. Die Zahl der eingereichten Businesspläne ist rapide gesunken. Werner Dreesbach von Atlas Venture bekommt heute weniger als die Hälfte neuer Geschäftskonzepte auf den Tisch als noch vor einem Jahr.

Die Szene hat sich beruhigt, auf beiden Seiten. Jugendlich forsche Ex-Berater, die eine schnelle Mark machen wollten, in der Branche als "Boygroups" verhöhnt, stehen nicht mehr auf der Matte und bitten um Millionen. Heute bemühen sich typischerweise Naturwissenschaftler, die aus der Hochschule heraus gründen wollen, oder erfahrene Konzernmanager um VC-Gelder. Von Gründern wird heute mehr erwartet als noch vor einem Jahr.

Sie müssen die Venture-Capitalists davon überzeugen, dass sich ihre Firma später an ein größeres Unternehmen verkaufen lässt - und dem Wagnisfinanzierer dabei eine satte Rendite einbringt.

Zu Zeiten des Hypes genügte eine tolle Story, um ein Start-up x-fach überzeichnet an der Börse zu platzieren. Jetzt zählen Qualität und Substanz.

Als Folge dieser Entwicklung klafft in der Frühphasenfinanzierung wachstumsträchtiger Start-ups eine große Lücke. Vermögende Business Angels können sie nur bedingt schließen. Sie verfügen insgesamt gesehen über zu wenig Kapitalkraft, um eine neue Gründerbewegung in Gang zu setzen. Zudem haben die meisten viel Lehrgeld bezahlt und sind vorsichtiger geworden. Gelder sind vorhanden - aber nicht für alle.

Nur die wenigsten

sind wirklich innovativ

Jahrelang hat der Staat die Gründer mit Geld gepäppelt - doch den Adressaten vergeht die Lust.

Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber rief kürzlich "den jungen Unternehmerinnen und Unternehmern und ihren Mitarbeitern" zu: "Ihre Initiative, Ihr Mut und Ihre Ideen sind entscheidend für Wachstum, für neue Arbeitsplätze und damit auch für den sozialen Wohlstand!"

Mit Vorliebe zitieren Wirtschaftspolitiker wie Stoiber den Ökonomen Joseph Schumpeter, der einst den "dynamischen Unternehmer" pries und ihn zum "Revolutionär der Wirtschaft" emporhob, der dem Neuen zum Durchbruch verhilft. Ein Image, das die Helden der New Economy nur zu gern auf sich bezogen.

Und jetzt? Gehen mit dem Gründergeist auch Wachstum, Arbeitsplätze und sozialer Wohlstand verloren?

Grobe Indikatoren wie die Gesamtzahl der Neugründungen sagen über die Innovationsfähigkeit eines Landes gar nichts aus. In Brasilien und Argentinien gibt es pro Kopf viel mehr Gründer als in Deutschland. Niemand würde jedoch behaupten, dass diese beiden Krisenstaaten technologisch führend seien.

Wichtig ist also, wer gründet. Die Statistik des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim zeigt: Weit mehr als die Hälfte der neuen Unternehmen entstehen im Handel und bei haushaltsnahen Dienstleistungen wie Pflege- oder Putzdiensten; also nicht dort, wo der technologische Fortschritt vorangetrieben wird.

Nur 14 Prozent der Gründungen sind technologieintensive Dienstleister, insbesondere IT-Beratungs- und Serviceunternehmen. Gerade sie seien besonders wertvoll, weil sie maßgeblich verantwortlich für die rasche Ausbreitung neuer produktivitätssteigernder Technologien seien, analysiert der "Bericht zur Technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Jetzt sind gerade diese hochproduktiven technologielastigen Gründungen von dem Rückgang betroffen. Daraus, sagt der Bochumer Innovationsforscher Erich Staudt, erwachse ein gesamtwirtschaftliches Problem. "Wenn zehn Leute durchs Minenfeld laufen, kommt einer durch." Gibt es weniger Versuche, schaffen es entsprechend weniger Erfolgreiche.

Trübe Aussichten für den Innovationsstandort Deutschland.

Warum es Gründer

in die Großstädte zieht

Zwei Lehren lassen sich aus der Entwicklung ziehen. Erstens: Wenn Firmen gegründet werden, dann meist in Ballungsräumen. Zweitens: Wirtschaftsförderung mit der Gießkanne hilft wenig.

Herumgesprochen hat sich das allerdings noch nicht. Nach wie vor überbieten sich die Bundesländer gegenseitig mit teuren Programmen und Aktionen.

Bund, Länder und Kommunen unterstützen die Gründer mit mannigfaltigen Hilfen und Geldspritzen bei ihrem Gang in die Selbstständigkeit. Die Subventionen reichen von Investitionszuschüssen über zinsgünstige Kredite bis hin zum Beteiligungskapital für kleine Technologieunternehmen. Das Handbuch der Förderprogramme für kleine und mittlere Unternehmen listet sage und schreibe 439 verschiedene Maßnahmen auf.

Zum Beispiel das Hamburger Programm "Pitch Fever". Der schmissige Anglizismus steht für Deutschlands höchstdotierten Business-Plan-Wettbewerb. Satte 100 000 Mark zahlt die hanseatische Wirtschaftsbehörde Start-up-Teams, die eine gute Geschäftsidee haben und diese in Hamburg in die Tat umsetzen wollen.

Bei vielen Steuerzahlern erzeugen solche Summen ebenfalls fieberhafte Effekte. Zornesrot gesichtsgefärbt geißeln sie das hanseatische Pitch Fever als Sündenfall der Startup-Förderung.

Mit Recht.

Unternehmen, zumal Hightech-Firmen, suchen sich ihren Standort selten nach der Höhe der Wirtschaftsförderung aus. Ganz andere Faktoren spielen bei der Wahl des Standorts eine Rolle. Der wichtigste Faktor: ein Netzwerk aus jungen Unternehmen ähnlicher Branchen, technologielastigen Industrieunternehmen als potenziellen Abnehmern, Geldgebern, hochkarätigen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Kommen alle diese Ingredienzen zusammen, kann eine hochproduktive Dynamik entstehen.

So wie in Martinsried bei München, dem Zentrum der deutschen Biotech-Szene.

So wie in Hamburg, wo sich rund um die traditionellen Großverlage die Multimediaszene angesiedelt hat.

So wie in Berlin, wo es von beidem etwas gibt.

Von einer flächendeckenden Gründerwelle konnte in den vergangenen Jahren keine Rede sein. Die Dynamik konzentriert sich auf wenige Ballungsräume.

Doch auch die Großstädte und ihre Umgebung bekommen nun Probleme. Zum Beispiel das Biotech-Zentrum Martinsried bei München. "Die Lage ist sehr volatil", sagt vorsichtig Horst Domdey, eine der zentralen Figuren der dortigen Biotech-Szene. Der frühere Uni-Professor hat einen tiefen Einblick ins Gründungsgeschehen: Seine Beteiligungsfirma Bio-M finanziert Firmen im Frühstadium. Der Venture Capitalist Tom Geimer von der Beteiligungsfirma Apax wird deutlicher: Für ihn sind viele Biotech-Start-ups bloß noch "Geldverbrennungsanlagen".

Was bleibt

von der Gründerwelle?

War der Hype um die New Economy tatsächlich nur ein Treppenwitz der Wirtschaftsgeschichte? Ist der Gründergeist zurückgekehrt in die Flasche - fest verkorkt und weggesperrt?

Glücklicherweise nicht. Die Gründerwelle hat das Land verändert - nur ganz anders als viele gehofft haben: Sie hat den Großkonzernen einen heilsamen Schock versetzt. Plötzlich wanderten High Potentials in die Start-ups ab; hatten junge börsennotierte Läden so hohe Börsenkapitalisierungen, dass sie alte Konzerne schlucken konnten wie AOL den Medienriesen Time Warner; machten innovative Newcomer den Alteingesessenen

Marktanteile

streitig. "Als die Konzerne merkten, dass sie an allen Fronten gleichzeitig bedroht wurden, fingen sie an, sich zu bewegen", sagt Carsten Kratz, E-Business-Experte bei der Unternehmensbera-

tung Boston Consulting.

Multis wie Siemens und DaimlerChrysler haben zentrale E-Business-Einheiten eingerichtet, die zu Keimzellen der Veränderung werden könnten. Unregelmäßige

Arbeitszeiten,

offene Hemdkragen und eine Kultur des Ausprobierens diffundieren nunmehr in die Büros.

Der Einfluss der Start-ups auf Denken und Handeln wird bleiben, meint Andreas Biagosch, Leiter der europäischen Geschäftsaufbau-Beratung bei McKinsey: "Der Trend zu flexibleren Arbeits- und Vergütungsmodellen, marktnäheren

Strukturen und kürzeren Reaktionszeiten lässt sich nicht aufhalten." Konzerne würden in "virtuelle Netzwerke" aus Start-up-ähnlichen Einheiten aufgespalten. Der Gründer-Hype

hat lediglich einen zwangsläufigen Wandel angekündigt. Weggucken gilt nicht.

Nicht nur die alten Großunternehmen sind dabei, sich zu verändern, das Land insgesamt ist heute anders als noch vor zehn Jahren. Gründerwelle und New-Economy-Hype haben die rasche Verbreitung neuer Technologien wie Internet und Biotech befördert. Eine Investition, die sich in Zukunft auszahlen wird.

Vor allem aber hat in den Köpfen ein Wandel stattgefunden. Das Ansehen der Unternehmer hat sich dramatisch verbessert. Einer Allensbach-Umfrage zufolge sind sie seit 1995 deutlich höher geachtet als in den Jahrzehnten zuvor. Für viele Leute ist Selbstständigkeit eine realistische Karrierealternative - die man vielleicht derzeit nicht wählt, aber für die Zukunft nicht ausschließt.

Vorbei, sagt Tom Geimer von der Beteiligungsfirma Apax, sei allerdings die übergroße Gier der vergangenen Jahre. All die Träume von schnellem Geld, dickem Porsche und dem Szeneleben in angesagten Metropolen - ausgeträumt. "Die Leute bleiben lieber in ihrem Haus im Ruhrgebiet und fahren weiter VW." Henrik Müller/Christian Rickens/ Claus G. Schmalholz

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Wahrnehmung

n Die Deutschen haben sich zu einer Gründernation entwickelt.

n Der Absturz der New Economy ist nur ein Ausrutscher, der nicht weiter ins Gewicht fällt.

n Gründer sind dabei, die deutsche Wirtschaft zu modernisieren.

Wirklichkeit

n Die Zahl der Betriebsgründungen nimmt ab.

n Schon während des New-Economy-Hypes begann die Gründerwelle zu kippen.

n Gerade Topkräfte zieht es wieder in die Konzerne.

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