Star-Psychologe über die Folgen von Stress "Die Rücksichtslosigkeit wird größer"

Pandemie und Ukraine-Krieg durchsetzen die Gesellschaft mit Angst und Unsicherheit. Hier erklärt der Psychologe und Bestseller-Autor Rainer Mausfeld, warum Angst auch etwas Gutes haben kann und wie man ihr die zerstörerische Kraft nehmen kann.
Hält die "sozialen Netzwerke" für weitgehend asozial: Psychologe Rainer Mausfeld.

Hält die "sozialen Netzwerke" für weitgehend asozial: Psychologe Rainer Mausfeld.

Foto: Uwe Zucchi / picture alliance / Uwe Zucchi

Rainer Mausfeld (72) ist emeritierter Psychologieprofessor der Universität Kiel und Autor des Bestsellers "Angst und Macht". Der 72-Jährige sprach mit manager-magazin-Autorin Elisabeth Schönert über Angst-Strukturen  unter Führungskräften und wie man wieder Mut gewinnt.

manager magazin: Herr Mausfeld, was passiert im Körper, wenn der Mensch Angst hat?

Rainer Mausfeld: Angst ist ein Grundaffekt unserer Psyche und beeinflusst Leib und Seele gleichermaßen. Deswegen hat er einen hohen Stellenwert im gesamten psychischen Gefüge. Die Neigung zur Angst ist uns angeboren und kann durch vielfältige Situationen ausgelöst werden. Wir können das an körperlichen Symptomen merken, dass der Angstschweiß ausbricht, die Pupillen sich verengen. Je nach Intensität reichen Angstgefühle von einem diffusen Unbehagen über Beunruhigung, über Furcht oder affektive Verwirrung bis hin zu Panik. Es hängt immer davon ab, was hat die Angst ausgelöst? Ist es eine Angst, die durch ein äußeres Objekt ausgelöst wurde? Dann verengt sich unser Denken, unsere Aufmerksamkeit darauf, weil wir dies als eine akute Bedrohung wahrnehmen. Unser gesamtes psychisches System und der gesamte Organismus stellen sich in den Dienst einer Bewältigung der Ursache, die diese Angst ausgelöst hat.

Was eigentlich gut ist.

Ja. Das ist die eigentliche biologische Funktion der Angst: maximale Konzentration auf das Angst auslösende Objekt, maximale innere Aktivierung all der Möglichkeiten, die wir für eine Bewältigung haben und dann eine angemessene maximale Handlungsreaktion - flüchten oder standhalten.

Was sind dann die Schattenseiten der Angst?

Wenn sie bewältigt wird, keine. Es gibt sozusagen den biologisch optimalen Bereich, wo sie sich gut in Handlung umsetzen lässt. Es gibt aber auch Angst, die lähmend wirkt, ein Angstausmaß, das so groß ist, dass es die Möglichkeiten unserer Psyche zur Bewältigung übersteigt.

Die Angst, die Sie beschreiben, ist eine Angst, die immer auf ein Ereignis zeitlich eng begrenzt ist. Was ist denn, wenn Menschen dauerhaft Angst haben wie bei der Pandemie oder extremen Transformationsprozessen?

Da kommen wir in den Bereich der zerstörerischen Angst. Angst, die auf ein konkretes Objekt bezogen ist, wird zumeist als Furcht bezeichnet und lässt sich in der Regel gut bewältigen. Aber wenn sich die Dinge unserer Bewältigung entziehen, entsteht existenzielle Angst, denn wir sind nun einmal verletzliche, biologische Wesen. Dazu gehören beispielsweise Krankheit, Tod oder schwere Verlusterfahrungen. Das sind existenzielle Ängste, die eben nicht direkt eine Möglichkeit der Bewältigung haben. Deshalb haben verschiedene Kulturen, kulturelle Riten und Möglichkeiten ihrer Bewältigung entwickelt, wie Bestattungsrituale, Trauer, Beten und so weiter, um den Einzelnen, dem das widerfahren ist, solidarisch in der Gemeinschaft bei der Bewältigung zu unterstützen.

"Diese Art von Kontrollverlust, was das eigene Leben angeht, erzeugt massive Ängste."

Zählt dazu auch Transformationsangst?

Das wiederum sind Ängste, die durch eine Unberechenbarkeit der Zukunft, durch Gefühle des Kontrollverlust, durch Unsicherheit ausgelöst werden. Was wir psychisch am stärksten brauchen, ist immer eine Art Verlässlichkeit, eine Art von Sicherheitsgefühl. Dass ich weiß, dass ich morgen noch in der Weise, wie ich heute den Tag lebe, auch leben kann. Wenn systematisch Gefühle der Unsicherheit und Gefühle der Unberechenbarkeit erzeugt werden, dann erzeugt das eine verinnerlichte Angst, die nicht mehr bewältigbar ist. Sie bleibt in einer Person gefangen und ist kaum auflösbar. Das ist natürlich etwas ganz Bedrohliches, weil sie die Person lähmt, weil sie ihre Energien auffrisst, zu einem Gefühl der Ohnmacht und im schlimmsten Fall zur Depression führt.

Aber die Zukunft ist doch immer unberechenbar.

Weiterlesen mit manager magazin+

Mehr verstehen, mehr erreichen

Exklusive Insider-Stories, Trends und Hintergründe.

Ihre Vorteile mit manager magazin+

  • Alle m+-Artikel auf manager-magazin.de

    exklusive Recherchen der Redaktion und das Beste aus „The Economist“

  • Das manager magazin lesen

    als App und E-Paper – auf all ihren Geräten

  • Einen Monat kostenlos testen

    jederzeit online kündbar

Ein Monat für 0,00 €
Jetzt für 0,00 € ausprobieren

Sie haben bereits ein Digital-Abonnement? Hier anmelden

Weiterlesen mit manager+

Immer einen Einblick voraus

Ihre Vorteile mit manager+

  • manager magazin+

    in der App

  • Harvard Business manager+

    in der App

  • Das manager magazin und den Harvard Business manager lesen

    als E-Paper in der App

  • Alle Artikel in der manager-App

    für nur € 24,99 pro Monat

Sie haben bereits ein Digital-Abonnement?

manager+ wird über Ihren iTunes-Account abgewickelt und mit Kaufbestätigung bezahlt. 24 Stunden vor Ablauf verlängert sich das Abo automatisch um einen Monat zum Preis von zurzeit 24,99€. In den Einstellungen Ihres iTunes-Accounts können Sie das Abo jederzeit kündigen. Um manager+ außerhalb dieser App zu nutzen, müssen Sie das Abo direkt nach dem Kauf mit einem manager-ID-Konto verknüpfen. Mit dem Kauf akzeptieren Sie unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzerklärung .