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Interview: Der Crash bei Technologieaktien ist in seiner Dimension einzigartig. Wie konnte es zu einem solchen Desaster kommen? Wie geht es weiter? mm sprach mit Ulrich Dietz, Chef des Internet-Unternehmens GFT.
aus manager magazin 9/2001

mm* "Wann, wenn nicht jetzt, soll ein Internet-Dienstleister denn überhaupt Gewinne machen?" Herr Dietz, kommt Ihnen dieser Satz bekannt vor?

Dietz Könnte glatt von mir sein.

mm Richtig. Im August vergangenen Jahres haben Sie im manager magazin mit dieser Formulierung Unternehmer wie Peter Kabel kritisiert, denen Wachstum wichtiger war als Gewinn. Heute ist Kabel New Media pleite. Fühlen Sie sich bestätigt?

Dietz Es ist unglaublich, wie schnell der Einbruch bei Investitionen in die Informationstechnologie (IT) über die gesamte Branche gekommen ist. Mit einem Umschwung in dieser Geschwindigkeit hat auch in unserem Unternehmen niemand gerechnet - und gefreut hat mich diese Entwicklung erst recht nicht.

mm Der Einbruch bei den IT-Investitionen muss in allen Internet-Firmen als Begründung für miese Zahlen herhalten. Nur ein Alibi oder die ganze Wahrheit?

Dietz Die Wahrheit. Das Tückische an der derzeitigen Situation besteht darin, dass die Nachfrage im Wortsinn sehr wohl existiert. Die IT-Entscheider in den Konzernen sind aufgeschlossen, man steht schnell in Verhandlungen über konkrete Projekte. Das Beraterteam scharrt schon mit den Hufen. Nur: Der Auftrag kommt dann nicht. Irgendein Konzerngremium muss noch mal beraten, irgendeine Unterschrift fehlt noch. Es werden Entscheidungen über Monate verschleppt.

mm Überrascht es Sie tatsächlich, dass die Konzerne heute etwas genauer hinschauen, bevor sie ihr Geld in E-Business-Projekte stecken?

Dietz Im Internet-Bereich liefen die Dinge bislang anders, da zählte auch für die Konzerne Geschwindigkeit. Heute wird die Wirtschaftlichkeit solcher Projekte doppelt und dreifach geprüft. Das hätte man schon viel früher tun sollen, dann wären viele Projekte erfolgreicher verlaufen. Aber momentan sehe ich dies als Übertreibung.

mm Sie haben es deutlich länger geschafft, profitabel zu bleiben, als die meisten Internet-Unternehmen. Was haben Sie anders gemacht als die anderen?

Dietz Zum Glück sind wir das Thema Wachstum im vergangenen Jahr konservativer angegangen als andere. Wir haben zum Beispiel keine anderen Internet-Dienstleister übernommen, sondern sind immer nur organisch mit der Nachfrage gewachsen. Deshalb sitzen unsere Mitarbeiter jetzt nicht untätig herum. Ein noch höheres Wachstumstempo, und auch unser Zug wäre nicht mehr so sicher in der Spur.

mm Hat es Sie denn nie gereizt, andere Unternehmen zu übernehmen?

Dietz Wir haben uns im vergangenen Jahr mehr als 20 Firmen angeschaut. Aber keine hat unseren Qualitätsmaßstäben entsprochen. Gott sei Dank haben wir nicht angefangen, einen Inkubator zu gründen ...

mm ... eine Beteiligungs- und Beratungsgesellschaft für Start-ups ...

Dietz ... oder sonst einen Blödsinn zu veranstalten. All diese Dotcom-Aktivitäten, mit denen Internet-Dienstleister ihr Kerngeschäft verlassen haben, bewirken nur zwei Dinge: Sie kosten viel Geld, und sie binden Managementkapazität.

mm Auch Sie haben mal ein Dotcom gegründet, eine Online-Versicherung zusammen mit der Mannheimer Versicherung.

Dietz Wir konnten uns mit der Mannheimer nicht über die richtige Strategie einigen und haben uns im Guten wieder getrennt. Das war wahrscheinlich unser Glück.

mm Sie sprechen von Glück. Heißt das umgekehrt, gefallene Gründerhelden wie Peter Kabel, Paulus Neef oder Stephan Schambach haben einfach nur Pech gehabt?

Dietz Nach den Managementmaßstäben des vergangenen Jahres haben diese Herren vieles richtig gemacht: Sie haben ihre Aktie als Akquisitionswährung eingesetzt, sie sind schnell in verschiedene Märkte expandiert. Sie haben so viele neue Leute eingestellt, wie sie finden konnten. Hätte der Internet-Boom nur ein Jahr länger angehalten, wer weiß, vielleicht hätte es Peter Kabel geschafft. Dann wäre er zumindest in Deutschland Marktführer auf dem Gebiet der Internet-Beratung. Und wir bei der GFT müssten uns vorwerfen lassen, dass wir diesen Spitzenplatz durch unsere Zögerlichkeit verloren haben.

mm Hat die damalige Internet-Begeisterung viele Neuunternehmer nicht blind für Risiken gemacht?

Dietz Natürlich gab es auch Managementfehler. Wir haben vor kurzem ein E-Business-Projekt übernommen, das zuvor ein großer Wettbewerber betreut hat. Als ich die Zahlungsmodalitäten gesehen habe, konnte ich es nicht fassen, mit welcher Einfältigkeit dort verhandelt worden ist.

mm Herr Dietz, haben in den vergangenen Jahren Menschen Unternehmen gegründet, die für eine solche Aufgabe schlichtweg nicht geeignet sind?

Dietz Viele Leute probieren es, viele scheitern, einige kommen durch. So funktioniert Unternehmertum. Problematisch an der Entwicklung der vergangenen Jahre ist nicht, dass auch dafür ungeeignete Menschen Unternehmen gegründet haben. Das ist völlig normal. Problematisch ist, dass diese Gründer allzu lange vom Kapitalmarkt angetrieben und alimentiert wurden. Dadurch hat die natürliche Marktbereinigung nicht mehr funktioniert.

mm Mit der Start-up-Welle der vergangenen Jahre hat sich in Deutschland auch die öffentliche Einstellung zum Unternehmertum verbessert. Befürchten Sie eine Rückkehr zu alten Klischees: der Unternehmer als geldgieriger Hasardeur?

Dietz Ja, diese Gefahr besteht. Das positive Gründerbild hat wesentlich von den Helden der neuen Wirtschaft gelebt. Genau wie Boris Becker bei uns Tennis zum Volkssport gemacht hat, so haben Stephan Schambach oder Paulus Neef das Gründen popularisiert.

Jetzt werden diese gerade inthronisierten Helden wieder vom Schild gestoßen. Die Botschaft, die von ihrem Sturz unterschwellig ausgeht, lautet: Lass das mal lieber mit dem Gründen, das bringt dir nur Scherereien. Als Angestellter geht es dir besser.

mm Für viele Zeitgenossen womöglich der richtige Ratschlag.

Dietz Eine solche Entwicklung wäre verhängnisvoll für die deutsche Volkswirtschaft. Ohne eine höhere Bereitschaft zur Unternehmensgründung wird sich das Innovationstempo in Deutschland nicht steigern lassen.

mm Können die großen Konzerne nicht auch innovativ sein?

Dietz Natürlich, viele Konzerne sind äußerst innovativ. Aber wir brauchen junge Firmen, die neue Produkte mit höherer Geschwindigkeit auf den Markt bringen können, als dies traditionelle Konzerne vermögen.

mm Unterschätzen Sie da nicht die Manager in den Großunternehmen? Die müssen die Lektion der New Economy doch auch begriffen haben.

Dietz Zugegeben, es hat sich etwas getan. Viele Konzerne haben ihre Strukturen aufgebrochen, haben selbst Start-ups mitgegründet und ihre Vergütungssysteme flexibilisiert. Sie dürfen aber nicht vergessen: All dies geschah, weil diese Unternehmen am Kapital- und Personalmarkt die heiße Luft der New Economy im Nacken gespürt haben.

Wenn die Konkurrenz der neu gegründeten Firmen wegfällt, besteht die Gefahr, dass viele Konzerne in alte Verhaltensmuster zurückfallen. Das wäre schädlich für unsere Volkswirtschaft und letztlich auch für ein Unternehmen wie die GFT, die ja von der Umsetzung der Innovationen in den Konzernen lebt. u

*Das Gespräch führte mm-Redakteur Christian Rickens.

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Persönlich

Karriere: Ulrich Dietz, Jahrgang 1958, gründete die GFT kurz nach dem Abschluss seines Maschinenbau-Studiums an der Fachhochschule Furtwangen.

Familie: Dietz ist verheiratet, sein Sohn kam sechs Wochen vor dem Börsengang der GFT zur Welt.

Vorlieben: Jazz und moderne Kunst. Dietz pflegt eine intensive Abneigung gegenüber den großspurigen Ritualen der Dotcom-Szene.

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Unternehmen

Die Anfänge: Ulrich Dietz gründete die Gesellschaft für Technologietransfer (GFT) 1987 zusammen mit einem inzwischen ausgeschiedenen Partner. Zunächst entwickelte das Unternehmen Benutzeroberflächen für Computerprogramme. 1996 kam die E-Business-Beratung hinzu. Der wichtigste GFT-Kunde, die Deutsche Post, beteiligte sich 1999 mit 16 Prozent. Im Juni desselben Jahres ging das Unternehmen an den Neuen Markt.

Anfang Juli hat die GFT mit Emagine eine IT-Tochter der Deutschen Bank übernommen. Im Gegenzug erhielt die Bank 25 Prozent der GFT-Anteile.

Die Zahlen: Im ersten Halbjahr 2001 erwirtschafteten die knapp 800 Mitarbeiter der alten GFT (ohne Emagine) einen Umsatz von 43,1 Millionen Euro (plus zwei Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2000) - bei einem Verlust vor Zinsen und Steuern von 1,2 Millionen Euro. Inklusive Emagine lag der Umsatz bei 115,7 Millionen Euro.

Die Aktie: Die solide geführte GFT hat die Krise der Internet-Dienstleister lange Zeit besser überstanden als Konkurrenten wie Pixelpark oder Kabel New Media (siehe Grafik oben). Jetzt ist auch Dietz vom Einbruch der IT-Investitionen getroffen worden. Für die GFT-Aktie gilt daher vorerst das Fazit von HSBC-Analyst Peter Barkow: "Sorry, no story".

*Das Gespräch führte mm-Redakteur Christian Rickens.

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