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Neue Warenwelt Über Elektrorasierer

Die Mehrheit der Deutschen rasiert sich trocken, doch der neue Trend heißt: Elektrisch ja, doch ein bisschen feuchte Erfrischung soll auch dabei sein.
Von Horst Dieter Ebert
aus manager magazin 3/2000

Keine Frage des Lebens, zu der nicht als Autoritäten zuvörderst unsere Fernsehlieblinge gehört würden. Auf die Frage, welches technische Produkt sie für überflüssig halte, antwortete die flitzfidele Plapperlady Arabella Kiesbauer, Expertin für die wichtigen Talk-Themen ("Alle wollen nur meinen Körper"): "Elektronische (!) Rasierapparate". Begründung: "Ich finde es viel erotischer, wenn sich Männer nass rasieren, außerdem fühlt sich die Haut viel besser an."

Wenn diese Überzeugung denn repräsentativ wäre, hätten die Frauen an uns wenig Freude: Die Mehrheit der deutschen Männer hat sich nachdrücklich für die trockene Rasiermethode entschieden, je nach Statistik fahren sich 56 bis 60 Prozent mit elektrischen Geräten um den Bart.

Damit bilden wir zusammen mit Skandinaviern, Holländern und Belgiern einen avantgardistischen Brü- ckenkopf gegen fast den ganzen Rest der Welt: Alle romanischen Männer, alle Mittelmeer-Anrainer, aber auch die Amerikaner, Australier, Asiaten (außer den Japanern) bevorzugen die nasse Rasur mit der scharfen Klinge.

"Na, logisch", spottet meine Pöseldorfer Freundin mild, "einen Torero oder Cowboy mit Trockenrasierer kann man sich in der Tat nicht gut vorstellen. Zum Macho gehört das Messer an die Kehle."

Mit diesem Verfahren ging es, statistisch gesehen, bei uns schon vor vier Jahrzehnten zu Ende: Der große Sieg der Trockenrasierer über Schaum und Klinge fand in den Jahren 1953 bis 1961 statt; in dieser kurzen Spanne schnellte die Zahl trockenrasierender Männer von 1,5 Prozent auf über 50 Prozent in die Höhe. Elektrisches Rasiergerät freilich gab es schon viel länger.

In den 20er Jahren rüsteten amerikanische Hersteller klassische Rasierer mit elektrisch

schwingenderl Klinge aus; Siemens folgte 1932 mit "Sirama" (der elektrischen SIemens-RAsier-MAschine) für 12,90 Reichsmark, einschließlich Taschenlampenbatterie und mit dem Werbespruch "Warum rasiert Sirama glatt - weil sie die Schwinge-Klinge hat."

Doch so richtig populär wurde diese erste Generation von Rasiermaschinen nicht: "Für einen Erfolg war vor allem eine Tatsache hinderlich", bilanzierte Frank Gnegel in seiner "Geschichte der Selbstrasur" 1995, "man musste sich weiterhin vor der Rasur einseifen."

Der Amerikaner Jakob Schick, ein ehemaliger Berufsoffizier, Goldsucher und Geheimagent, entwickelte 1919 den "ersten wirklich brauchbaren Trockenrasierer" (Gnegel).

Um das Geld für seine Produktion aufzutreiben, erfand er zuvor einen Nassrasierer mit einem neuartigen Klingenmagazin. Schick war so erfolgreich, dass er die Firma nach ein paar Jahren mit hohem Gewinn verkaufen konnte, um damit seinen ersten Elektrorasierer, den Schick "Colonel", zu finanzieren.

In Europa machten sich die ersten Tüftler Ende der 30er Jahre über das Thema her: Bei Philips, wo man über Fahrraddynamos zu kleinen Elektromotoren gefunden hatte, entstand der rotierende Scherkopf; Max Braun entwickelte die Scherfolie und damit das folgenreichste und erfolgreichste Rasiersystem überhaupt.

Doch das große Geschäft startete erst mit dem Wirtschaftswunder, als alles hurtig gehen sollte und Zeit als eine harte Währung wie die neue D-Mark eingeschätzt wurde: "125 Tage seines Lebens verbringt der Mann beim Rasieren. Das sind 3000 Stunden", rechnete die Werbung vor und versprach: "Mit dem Philips Trockenrasierer lässt sich die Zeit um die Hälfte verkürzen." Tatsächlich haben die Statistiker erforscht, dass die mittlere Elektrorasur nur vier Minuten dauert; mit meinem Braun schaffe ich das deutlich schneller. Eine solche Vielfalt von Rasierapparaten wie in den 50ern hat es nie wieder gegeben. Netzgeräte natürlich, solche mit Batterie und mit aufladbaren Akkus ("für Sport und Camping"), sogar solche mit mechanischem Antrieb, mit Federaufzug, ja mit Wasserkraft, an den Wasserhahn zu koppeln.

Und so schöne Werbeslogans gibt es auch nicht mehr: "Unsere Mutti profitiert/Vati ist Dual rasiert!" hieß es damals, oder: "Rasier dich ohne Qual/nun auch elektrisch mit Punktal", mit dem rätselhaften Zusatz: "Für den Herrn - Für die Dame - Für das Kind".

Die heutige Generation der Geräte besitzt technische Finessen aller Art: Philips, dem Design nach immer noch wie ein Faustkeil aus der Steinzeit, besitzt inzwischen drei Scherköpfe, alle beweglich und gefedert, "mit selbstschärfenden Messern"; Braun, mit annähernd 60 Prozent Marktanteil in Deutschland Klassenprimus, hat immer wieder sein Design und seine Scherfolie verfeinert, eine Art Cockpit eingebaut mit allen Kontrollanzeigen über Batteriereserven und Reinigungsgebot; Panasonic benutzt einen Linearmotor ("Transrapid-Prinzip"), der mehr Schwingungen erzeugen soll als alle Konkurrenten.

Welches System letztendlich die perfekte Elektrorasur ausmacht, bleibt zwischen den Markengemeinden objektiv unentschieden. Eine Tendenz indes haben fast alle neuerdings und fast alle zugleich entdeckt: Ganz ohne einen Hauch von Frische, von Nässe, von Wasser, bleibt die Elektrorasur stets nur eine bequeme, schnelle Ersatzhandlung. Ideal scheint eine Mischung aus Rasierluxus und Erfrischung.

Panasonic propagiert seine Apparate für die trockene wie für die eingeschäumte Wange; die ungeliebte Reinigung findet einfach unter fließendem Wasser statt. Das vertragen inzwischen auch Philips-Geräte, und das Modell "Cool Skin", auch nicht wasserscheu, spritzt eine Spezialemulsion von Nivea auf die Haut - das sei, so jodelt die Werbung, "so herrlich erfrischend wie eine echte Nassrasur".

Die jüngste Innovation kommt, unter Hintanstellung aller Designambitionen, von Braun. Eine große Kampagne stellt sie den Händlern als "Aufbruch in eine neue Ära" vor. Das "Flex Syncro System" liefert zum wieder verbesserten Rasierer eine Park-, Lade- und Waschstation mit: eine Art schickschiefes High-Tech-Wigwam mit eingebauter Badewanne, in die das Handgerät kopfüber eingeloggt wird, um sich in einer Spezialflüssigkeit motorbrummelnd die Haarstoppeln auswaschen zu lassen; mit sanftem Limonenduft frisch parfümiert ist das Gerät nach 15 Minuten wieder wie neu.

"Ganz schön luxuriös", lobt meine Pöseldorfer Freundin, "aber kann das Nassrasierer zum Überwechseln locken?" Wohl nicht, aber immerhin hält es uns Bequemrasierer vom Überlaufen zurück. u

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