Geschäftsjahr Tui macht Rekordverlust – und will noch mehr sparen

Der staatlich gestützte Tui-Konzern bilanziert für das Corona-Geschäftsjahr einen Verlust von mehr als drei Milliarden Euro. Konzernchef Joussen will die Kosten weiter senken und rechnet 2021 mit steigenden Preisen für die Kunden.
Retten Milliardenhilfen den Konzern durch den Winter? Tui-Chef Fritz Joussen glaubt an den Neustart: "Die Leute sagen: Wir haben es satt, wir wollen in Urlaub."

Retten Milliardenhilfen den Konzern durch den Winter? Tui-Chef Fritz Joussen glaubt an den Neustart: "Die Leute sagen: Wir haben es satt, wir wollen in Urlaub."

Foto: Socrates Baltagiannis / picture alliance/dpa

Die schwindenden Buchungen in der Corona-Krise haben den weltgrößten Reiseanbieter Tui im vergangenen Geschäftsjahr tief in die roten Zahlen gedrückt. Am Ende stand ein Rekordverlust von mehr als 3,1 Milliarden Euro, nachdem 2018/2019 noch 532 Millionen Euro an Gewinn erwirtschaftet werden konnten. Der Umsatz des mehrfach mit staatlichen Krediten und Kapitalhilfen gestützten Unternehmens brach von 18,9 Milliarden um 58 Prozent auf 7,9 Milliarden Euro ein.

Beim Blick nach vorn gab sich das Management optimistischer: Es gebe "Licht am Ende des Tunnels, und die Perspektiven für den Tourismus und für Tui sind gut", hieß es. Nach einem "Übergangsjahr" 2021 rechnen die Hannoveraner damit, dass 2022 das Niveau aus der Zeit vor der Pandemie wieder erreicht werden kann.

Tui will 2022 Niveau vor Corona-Krise erreichen

Vorstandschef Fritz Joussen (57) erklärte: "Die Aussicht auf Impfungen ab dem Jahresbeginn lässt die Nachfrage nach Sommerurlaub 2021 deutlich steigen." Eine genauere Prognose für das neue Geschäftsjahr traut er sich aber noch nicht zu. Es gebe großen Nachholbedarf bei den Kunden. Man sei gut gerüstet für einen Neustart - "sobald die Pandemie überwunden ist". Am Finanzmarkt ging es für die Tui-Aktie  am Donnerstag in der Spitze um 4 Prozent abwärts.

20 Prozent des normalen Wintergeschäfts

In der angelaufenen Wintersaison verharren die Buchungen derzeit um 82 Prozent unter dem Vorjahreswert. Die Preise stiegen dabei im Schnitt um 4 Prozent. "Wir haben ein Geschäftsniveau etwa auf 20 Prozent des normalen Wintergeschäfts", sagte Joussen. "Das ist aber besser als nichts." Es gehe darum, "diesen Winter jetzt gut zu überstehen. Wir haben das Schlimmste jetzt gesehen."

Für den Sommer 2021 sehe es etwas besser aus. Hier hätten – bezogen auf den vergleichbaren, Pandemie-freien Sommer 2019 – 3 Prozent mehr Kundinnen und Kunden gebucht. Die Preise legten gegenüber dem Sommer des jetzt zu Ende gehenden Jahres derweil um 14 Prozent zu. Und auch für die Zukunft erwartet der Konzernchef eher höhere Preise in der Branche.

Das Geschäftsjahr 2019/2020 (bis Ende September) war – wie für so gut wie alle Unternehmen der Tourismusbranchegeprägt von den verheerenden Folgen der Corona-Krise.  Anfangs meldete Tui noch ein gutes Geschäft, im Januar standen die Buchungen sogar 14 Prozent im Plus. Während der ersten Pandemie-Welle ab März musste das Programm dann komplett ausgesetzt werden.

Im Sommer lief das Geschäft zögerlich an, nachdem erste Gäste wieder nach Mallorca geflogen werden konnten. Auch Reisen nach Griechenland liefen relativ gut, insgesamt buchten seit dem Neustart über zwei Millionen Urlauber bei der Tui. Im Herbst wuchs die Unsicherheit aufgrund neuer Reisewarnungen für viele Länder dann aber wieder. Eine Ausnahme stellen aktuell Pauschalangebote und Kreuzfahrten zu den Kanarischen Inseln dar.

Kritik an Jobkürzungen trotz Staatshilfen

Staats- und Kapitalhilfen von inzwischen rund 4,8 Milliarden Euro sollen die Tui-Gruppe vor dem finanziellen Kollaps bewahren - ähnlich wie bei der Lufthansa oder beim Wettbewerber FTI. Die Höhe der verfügbaren Mittel gab Tui Ende November mit 2,5 Milliarden Euro an - Joussen nimmt an, dass das Geld über die Krise hinweg ausreicht. Die Nettoverschuldung versiebenfachte sich im Vergleich zum vorherigen Geschäftsjahr von knapp 910 Millionen auf mehr als 6,42 Milliarden Euro. Joussen wies darauf hin, dass dies aber nicht "alles reine Schulden" seien. So seien hier teils auch die neuen Kapitalmaßnahmen eingerechnet. "Wir werden unsere Bilanz reparieren", kündigte er an. Die ersten zurückzuzahlenden Kredite seien Mitte 2022 fällig.

Bis Ende September hatte sich das Unternehmen bereits über drei Milliarden Euro an finanzieller Unterstützung gesichert. Erst kürzlich einigten sich die Eigentümer mit dem Bund sowie privaten Investoren und Banken auf ein weiteres Hilfspaket von 1,8 Milliarden Euro. Wesentlich ist daran der Bund mit 1,3 Milliarden Euro beteiligt - in letzter Konsequenz könnte er über stille Einlagen, die teils in Firmenanteile gewandelt werden, künftig direkt am Konzern beteiligt sein. Eine Kapitalerhöhung privater Investoren und des russischen Großaktionärs Alexej Mordaschow soll 500 Millionen Euro bringen und für die wichtige Liquidität sorgen. Eine weitere Kapitalerhöhung schließt Joussen nicht aus.

Wegen der Reisewarnungen in Folge der Virus-Pandemie fehlten Tui nicht nur die Umsätze. Aufgrund von Stornierungen floss auch noch viel Geld ab. Auf dem bisherigen Höhepunkt der Krise hatte das Unternehmen 550 bis 650 Millionen Euro pro Monat verbrannt. Joussen wich mehrfach der Frage von Journalisten aus, wie hoch diese Summe derzeit sei.

An den öffentlichen Hilfen gibt es vor allem aus Gewerkschaften auch heftige Kritik, weil Tui zugleich Tausende Jobs streicht. Etliche Politiker lehnen einen möglichen Staatseinstieg ebenfalls ab. Das Sparprogramm führte mit dazu, dass die Zahl der Tui-Mitarbeiter im Konzern bis Ende September schon von einst 71.473 um fast ein Drittel auf 48.330 sank. "Signifikante Kostensenkungen" hätten den finanziellen Verlust noch mit eingrenzen können, hieß es.

Kosten sollen ab 2023 jährlich um 400 Millionen sinken

Der Konzern erhöhte das Sparziel und will die jährlichen Kosten ab 2023 langfristig um 400 Millionen Euro verringern - bisher waren 300 Millionen Euro angepeilt. Die eingeleiteten Schritte bei der Digitalisierung sowie die Verkleinerung der Flotte der Airline Tuifly von 39 auf 17 Maschinen sollen mehr Geld einsparen als bisher angenommen. Für das angehobene Einsparziel sei laut Joussen kein zusätzlicher Stellenabbau vorgesehen, die jüngste Streichung von weltweit 8000 Jobs sei im Wesentlichen bereits geschafft.

cs/dpa-afx, Reuters
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