Türkei in der Krise Lira stürzt erneut, die Touristen bleiben weg

Im Konflikt um niedrige Zinsen hatte der türkische Präsident vor einem Jahr den Notenbankchef gefeuert. Jetzt bricht die Lira erneut ein, für Stützungskäufe gehen der Zentralbank langsam die Devisen aus - und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Touristen wegbleiben.
Der türkische Präsidet Recep Tayyip Erdoğan hat ein Problem: Die Lira stürzt, die Devisenreserven schmelzen dahin. Touristen, die frische Dollar ins Land bringen könnten, bleiben weg. Das Land steuert auf eine zweite Rezession zu

Der türkische Präsidet Recep Tayyip Erdoğan hat ein Problem: Die Lira stürzt, die Devisenreserven schmelzen dahin. Touristen, die frische Dollar ins Land bringen könnten, bleiben weg. Das Land steuert auf eine zweite Rezession zu

Foto: Pool Presdential Press Service/AP/dpa

Schwächelnde Landeswährung, schmelzende Devisenvorräte, wegbleibende Touristen: Die Türkei kämpft derzeit an mehreren Fronten gegen schlechte Wirtschaftsdaten. Die türkische Lira  bewegte sich am Mittwoch wieder auf das erst im Mai erreichte Rekordtief zu und notierte bei 7,031 zum Dollar. Im Mai hatte ein Dollar mit 7,25 türkischen Lira so viel wie nie zuvor gekostet.

Für das rohstoffarme und auf Importe angewiesene Schwellenland, das auf seine zweite Rezession in weniger als zwei Jahren zusteuert, sind das schlechte Nachrichten, verteuern sich doch damit die Einfuhren merklich. Das wiederum nagt an Unternehmensgewinnen und der Kaufkraft der Verbraucher. Zudem ist die Türkei im Ausland stark verschuldet, weshalb der Schwächeanfall der Lira die Rückzahlung verteuert. Die Ratingagentur S&P schätzt, dass mehr als ein Drittel aller Kredite in Fremdwährungen aufgenommen wurden.

Währungsreserven schmelzen dahin

Ein Grund für den Kursrutsch ist ein kräftiger Einbruch der Währungsreserven der Zentralbank, der das Vertrauen in die Lira unterminiert. Die Reserven fielen von 81 auf 51 Milliarden Dollar. Seit vergangenem Jahr haben die Zentralbank und staatliche Geldhäuser mehr als 110 Milliarden Dollar ausgegeben, um die heimische Währung zu stützen. Sollte es nicht gelingen, die Bestände aufzubauen, droht nach Einschätzung von Analysten eine weitere Abwertung der Landeswährung, eine steigende Inflation und ein erhöhtes Leistungsbilanzdefizit. 

Die Reserven dürften aufgrund des Leistungsbilanzdefizits "und der Tatsache, dass der öffentliche Sektor keine ausländischen Gelder anzieht, weiter sinken", erwarten die Analysten von Goldman Sachs. "Daher werden Versuche, die Lira auf einem bestimmten Niveau zu halten, wahrscheinlich nicht funktionieren." Die Experten erwarten, dass die Notenbank wegen der Abwertung der Lira den Leitzins bald erhöhen muss.

Auch die Commerzbank rechnet mit einer tendenziell weiteren Abwertung der Lira. "Schuld daran sind die inkonsequente Geldpolitik der Notenbank und die fehlende Inflationsbekämpfung", sagte Devisenexperte Tatha Ghose. Im Juni lag die Inflationsrate in der Türkei bei 12,61 Prozent und zog damit gegenüber April und Mai weiter an. Im Juni des Vorjahres lag die Teuerung bei 15,72 Prozent  und im Januar 2019 sogar bei mehr als 20 Prozent.

Im vergangenen Jahr hatte der türkische Präsident und Autokrat Recep Tayyip Erdoğan (66) im Konflikt um niedrigere Zinsen den Chef der eigentlich unabhängigen Zentralbank gefeuert und einen massiven Umbau der Bank mit ihm getreuen Leuten in die Wege geleitet. Die Opposition warf Erdoğan vor, die Notenbank als Geisel für die eigene Machtpolitik zu nehmen. Erdoğan hatte von der Notenbank fortgesetzt niedrigere Zinsen gefordert, um die in einer Rezession steckende Wirtschaft anzukurbeln.

75 Prozent weniger ausländische Besucher, BIP wird wohl einbrechen

Erschwert wird die aktuelle Lage durch die Corona-Pandemie. So belastet die wichtige Tourismusbranche das Fernbleiben ausländischer Gäste, die normalerweise viel Geld und harte Devisen ins Land bringen. Im Frühjahr 2019 summierten sich die Tourismuseinnahmen noch auf mehr als acht Milliarden Dollar.

Doch im ersten Halbjahr 2020 brach die Zahl ausländischer Besucher um 75 Prozent auf 4,51 Millionen ein. Auch deshalb erwartet die von der Nachrichtenagentur Reuters befragten Ökonomen, dass das türkische Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um mehr als 4 Prozent fallen wird. 

rei mit Reuters
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