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Rodenstock Trübe Aussicht

Finanzinvestor Bridgepoint hat sich mit dem Brillenhersteller verhoben.
aus manager magazin 8/2008

Peter Littmann (60), früher Boss-Chef, heute bekannt als Selbstvermarkter, beherrscht die Werbersprache wie kaum ein anderer. Er spricht über das "Riesenpotenzial" des Münchener Brillenherstellers Rodenstock. Über eine neue Zweitmarke, die "emotionaler, weniger maskulin und jünger" ausfallen soll. Und über die "zweite Raketenstufe", die es beim Unternehmen zu zünden gilt.

Deutlich wortkarger wird Littmann, seit Februar Rodenstock-Chef, wenn es um Zahlen geht. Zu einer konkreten Geschäftsprognose will sich der Marketingfachmann gar nicht erst "verleiten lassen".

Die Zurückhaltung überrascht nicht. Schwächelnder Umsatz, bestenfalls stagnierende Gewinne, verfehlte Planziele, Strategie- und Führungslosigkeit: Deutschlands bekanntester Brillenhersteller blickt offenbar nicht mehr durch.

Es sind trübe Jahre in der langen Geschichte des Traditionsbetriebs. Gegründet 1877 in Würzburg als kleine Brillenwerkstatt, erlebte der Sehhilfenlieferant während des Wirtschaftswunders seinen Aufschwung. Gründerenkel Rolf Rodenstock machte den Betrieb fit für Europa. Rolfs Sohn Randolf (60) übernahm 1990 die Alleinherrschaft, verlagerte einen Großteil der Produktion ins Ausland. Doch bald übernahm er sich. 2003 musste der Junior - bekannt als umtriebiger Arbeitgeberfunktionär - das angeschlagene Familienerbe an einen Finanzinvestor abstoßen.

Das Private-Equity-Haus Permira stieg günstig ein, kürzte Kosten, stieß Verlustbringer ab - und verkaufte Rodenstock Ende 2006 mit sattem Profit an Finanzinvestor Nummer zwei. Der neue Besitzer heißt Bridgepoint, kommt aus Großbritannien und bezahlte etwa 700 Millionen Euro, Schulden und Pensionszusagen eingerechnet. Doch seither läuft fast nichts wie geplant.

Erst provozierte der damalige Vorstandschef Giancarlo Galli (48) Anfang des Jahres seine Trennung von Rodenstock. Dann sprang der vorgesehene Nachfolger plötzlich ab. Als Übergangslösung kam Littmann.

Eine handfeste Strategie lässt er bislang nicht erkennen. Das mag daran liegen, dass der ehemalige Rodenstock-Aufsichtsrat zugleich ein Büro in seiner Hamburger Beratungsfirma Brandinsider unterhält. Gerüchte, nach denen er nur vereinzelte Wochentage bei Rodenstock in München verbringe, weist Littmann jedoch entschieden zurück.

Keine zwölf Monate ist es her, dass sein Vorgänger Galli ehrgeizige Pläne bekräftigte: Bis 2010 wollte der Brillenhersteller seinen Umsatz auf 750 Millionen Euro verdoppeln, auch mithilfe von Zukäufen. Inzwischen erscheint das Ziel traumtänzerisch. Der langfristig geplante Börsengang droht zu platzen.

Denn Rodenstock entwickelt sich kläglich. Im ersten Quartal 2008 ging der Umsatz um 3 Prozent auf 98,6 Millionen Euro zurück. Auf Jahresbasis wird es kaum besser aussehen, auch wegen des drohenden Konjunktureinbruchs. Das Geschäft auf dem gesättigten deutschen Markt lahmt, im Ausland ebenso: Schmerzhafte Einbußen erlitt Rodenstock in Frankreich, Italien und vor allem in England.

Auch die Performance in Asien enttäuscht. Das Umsatzwachstum im boomenden Fernen Osten ist bisher nicht der Rede wert. Kein Wunder: Nur eine Handvoll Vertriebsmanager vertritt das Unternehmen vor Ort.

Die hauchdünnen Gewinne reichen bislang nicht aus, um Rodenstock international schlagkräftig auszurichten. Uwe Kolb (51), Deutschland-Chef von Bridgepoint, muss wohl weitere Millionen nachschießen, will aber warten, bis wieder ein richtiger Chef an Bord ist. Bis Spätsommer soll Headhunter Heiner Thorborg (63) einen geeigneten Kandidaten gefunden haben. Schon jetzt ist klar: Der Mann wird weniger Macht haben als seine Vorgänger, die Geschäftsführung wird um einen Vorstandsposten für Vertrieb und Marketing erweitert.

Von Littmann erwartet keiner mehr Großtaten. Er selbst wohl auch nicht. 2008, sagt er, sei ein "Übergangsjahr".

Simon Hage

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