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EADS Tribunal Fatal

Die Insideraffäre stürzt den europäischen Luftfahrtkonzern in seine schwerste Krise. Jetzt wollen die Franzosen den Aufruhr für ihre Machtgelüste nutzen - zum Schaden der Deutschen.
aus manager magazin 8/2008

Vor diesem Termin graute Gustav Humbert (58). Als der ehemalige Airbus-Chef - Typ: rechtschaffener Ingenieur - im Juni von der französischen Polizei eine Vorladung für eine Vernehmung erhielt, kam gleich wieder die Erinnerung an das erste Verhör.

Schon Wochen zuvor war Humbert zur Insideraffäre bei Airbus und dem Mutterkonzern EADS befragt worden; hatte sich stundenlang dem Verdacht stellen müssen, er und andere Topleute hätten listig mit Aktienoptionen Kasse gemacht, bevor die Schwierigkeiten beim Superjumbo A380 bekannt wurden.

Die Unruhe vor der zweiten Vernehmung war berechtigt. Das Verhör fiel noch weit unangenehmer aus als das erste. Zwei volle Tage hielt die Polizei ihn fest. Einen Rechtsbeistand durfte er nicht mitbringen. Und die Nächte verbrachte Humbert in einer kargen Zelle.

Insgesamt fühlte er sich vorgeführt wie "ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird", berichtet ein enger Vertrauter. Um nach 48 Stunden überhaupt wieder freizukommen, musste Humbert eine Kaution von 350 000 Euro bezahlen. Ein Richter eröffnete ein förmliches Ermittlungsverfahren gegen ihn.

Es sind Schicksalstage - nicht nur für Humbert. Die Insideraffäre bei EADS greift weit über einzelne Personen hinaus. Es geht um die Zukunft eines ganzen Konzerns, ja einer europäischen Schlüsselindustrie.

Sollten sich die Ermittlungen gegen Humbert und die 16 anderen Verdächtigen (siehe Kasten Seite 39) ausweiten und am Ende sogar zu Anklagen und Verurteilungen führen, droht das Unternehmen von einer donnernden Lawine erdrückt zu werden:

n Mehrere amtierende Spitzenmanager könnten gleichzeitig zum Rücktritt gezwungen sein, das Luftfahrtunternehmen würde in eine tiefe Führungskrise gestürzt.

n Mit dem Kahlschlag im Management geriete der fein austarierte deutschfranzösische Proporz in dem Unternehmen in Gefahr.

n Der Imageschaden - schon heute spürbar - könnte die Exportchancen von EADS ramponieren, vor allem im US-Geschäft.

n EADS könnte erneut zum Streitobjekt der Politik werden, politische Kalküle könnten wieder wichtiger werden als wirtschaftliche Vernunft.

Den französischen Behörden - der AMF (Autorité des marchés financiers) und der Finanzpolizei - ist es bitterernst. Das zeigt sich schon darin, dass die Verdächtigen behandelt werden, als seien sie illegale Einwanderer mit Neigung zur Flucht - oder gar Terroristen (siehe Kasten Seite 38). Nur auf dieser Rechtsbasis war es nämlich möglich, dass Humbert oder Ex-EADS-Chef Noël Forgeard ohne Haftbefehl bis zu 48 Stunden in Polizeigewahrsam gehalten werden konnten.

Die grimmigen Behörden haben sich weit vorgewagt. Es wirkt, als wollten sie Ergebnisse erzwingen - Verurteilungen oder zumindest spektakuläre Rücktritte.

Freilich geben die amtierenden und ehemaligen EADS-Spitzenkräfte den Ermittlern auch Stoff für Verdächtigungen. Wen wundert es nicht, dass die massive Auslieferungsverzögerung beim Prestigeprojekt A380 - die Abweichung betrug am Ende anderthalb Jahre, und der Schaden wird auf knapp fünf Milliarden Euro geschätzt - erst Mitte Juni 2006 absehbar gewesen sein soll?

Die EADS-Oberen waren gewarnt. Schon ein gutes Jahr zuvor, bereits im Mai 2005, war die geplante Übergabe des ersten Riesenfliegers an Singapore Airlines um ein halbes Jahr verschoben worden, vom Frühjahr auf den Herbst 2006.

Allem Anschein nach hat die Führungscrew des Unternehmens die weiteren Produktionsprobleme beim A380 lange Zeit zumindest falsch eingeschätzt. Offenbar erlag der damalige Airbus-Chef Humbert dem Machbarkeitswahn des Technikers. Noch Anfang Juni 2006 behauptete er intern, erst nach den für den Folgemonat angepeilten Kabinenchecks - das sind Testflüge mit Passagieren - werde man belastbare Erkenntnisse haben.

Aber warum haben Humbert und die übrigen EADS-Manager trotzdem ihre Aktienoptionen verkauft? Weil sie im November 2005 nach Ablauf der Haltefrist erstmalig die Gelegenheit dazu hatten? Weil üppiger Profit lockte - Humbert strich einen Gewinn von 1,7 Millionen Euro ein, bei Forgeard waren es gar 4,3 Millionen? Oder doch, weil sie Unheil ahnten, womöglich sogar mehr wussten als die Öffentlichkeit?

Die Beschuldigten weisen solche Vorwürfe weit von sich. "Die Tatsache, dass erhebliche Lieferverzögerungen unvermeidbar sein würden, wurde erst im Juni deutlich", heißt es in einem internen Papier der EADS-Rechtsabteilung, an das sich offenbar alle EADS-Beschuldigten bei den Befragungen durch die AMF und die Finanzpolizei halten.

Die Entgegnungen wirken indes recht pauschal. "Bei einem komplexen Entwicklungsprozess eines innovativen Flugzeugtyps gibt es immer unvorhersehbare Herausforderungen", so die EADS-Argumentation. Vorbeugend habe man deshalb mit Puffern kalkuliert: "Während die airbuseigene Planung aus dem Jahr 2005 für 2007 von der Fertigung von 29 Flugzeugen ausging", so das EADS-Papier, "wurde Kunden die Auslieferung von lediglich 24 Flugzeugen zugesagt."

Schließlich weist EADS noch darauf hin, Airbus habe "alle Ressourcen darauf konzentriert, die beim Produktionsablauf auftretenden Risiken/Verzögerungen zu mindern". So seien Mitte 2006 "in der Endmontage des A380 rund 1300 zusätzliche Arbeitskräfte eingesetzt" worden.

Im Fall von Humbert, dem einstigen Co-EADS-Chef Forgeard, dem früheren Marketingvorstand Jean-Paul Gut sowie dem ehemaligen Airbus-Finanzchef Andreas Sperl haben diese Argumente offenbar nicht gezogen. Gegen alle vier hat die Pariser Staatsanwaltschaft nach den Befragungen formelle Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Mit Sperl hat sich die französische Justiz erstmalig auch einen aktiven EADS-Manager gegriffen; er leitet gegenwärtig die Elbe-Flugzeugwerke in Dresden.

Jetzt richten sich alle Blicke auf Thomas Enders, den amtierenden Airbus-Chef. Zur Zeit der Insideraffäre bildete er zusammen mit Noël Forgeard die Spitze der EADS. Die deutschen EADS-Vertreter und Anteilseigner bis hinauf zu Daimler-Chef Dieter Zetsche sind in höchster Alarmstimmung.

Enders hat zwar seine Aktienoptionen frühzeitig, im November 2005, verkauft, die Behörden werfen ihm aber vor, er habe gewusst, dass Analysten die geschäftlichen Aussichten des Konzerns weit optimistischer einschätzten als das Management. Aus Sicht der Behörden hätte er als damaliger Co-Konzernchef gegen die zu positiven Erwartungen des Marktes vorgehen müssen.

EADS bestreitet, dass es einen solchen Analystenkonsens gegeben hat. Die Ebit-Prognose im März 2006 habe außerdem erstmals ein oberes Limit des möglichen Ebit-Ergebnisses genannt; auf diese Weise habe EADS die Prognose genutzt, "um Markterwartungen zu dämpfen und einer allzu optimistischen Stimmung entgegenzuwirken".

Von intern schwindenden Erwar-tungen, die die Ermittler unterstellen, kann nach Ansicht der EADS-Verteidiger keine Rede sein. So seien "die Ebit-Prognosen in der operativen Planung von EADS für 2006-08" nicht rückläufig, sondern steigend gewesen. "Gegenüber der früheren Planung 2005-07 waren sie ¿ 300 Mio. höher für 2006 und ¿ 400 höher für 2007."

Es könne im Übrigen nicht angehen, so ein EADS-Funktionär, dass einzelne Manager für Analystenprognosen haftbar gemacht würden. Damit würde die gesamte bisherige Praxis der Finanzkommunikation von Unternehmen infrage gestellt.

Dennoch droht auch Enders Gewahrsam, womöglich sogar ebenfalls ein Ermittlungsverfahren. Wie lange könnte sich Enders dann noch in seinem Amt halten? Rechtsexperten gehen davon aus, dass sich die Ermittlungen mindestens zwei Jahre hinziehen werden.

Ausgerechnet Enders. Der drahtige Ex-Fallschirmspringer und Major der Reserve gilt als unverzichtbar. Er ist die letzte deutsche Topkraft im EADS-Management mit Kompetenz und Ausstrahlung. Sollte Enders kippen, gibt es auf deutscher Seite kaum Nachrücker. Jetzt rächt sich verfehlte Personalpolitik. "Daimler hat es versäumt, starke deutsche Manager bei EADS aufzubauen", weiß ein Insider.

Enders wird auch als möglicher Nachfolger von Konzernchef Louis Gallois gehandelt, selbst wenn dies nach dem vor einem Jahr zwischen Deutschen und Franzosen neu gefassten Grundlagenvertrag nicht vorgesehen ist. Gallois gilt als amtsmüde. Es heißt, er bereite sich gedanklich auf eine zweite Karriere vor, als Betreiber eines Buchantiquariats.

Die Deutschen argwöhnen deshalb, dass die Ermittlungen politisch gesteuert sein könnten und vor allem dem Zweck dienen, ihren obersten Repräsentanten nachhaltig zu beschädigen. Enders selbst spricht von einem "Schauprozess".

AMF und Staatsanwaltschaft zeigen zumindest keinerlei Entgegenkommen. Anfang Juli fragten Enders' Anwälte nach, ob ihr Mandant seinen Familienurlaub planen könne oder ob eventuell in nächster Zeit eine Vorladung anstehe. Doch die Pariser Ermittler verweigerten jede Auskunft.

Schweigen, Misstrauen, verdeckte Kalküle - die Insideraffäre wirkt wie ein Katalysator für die zermürbenden Machtkämpfe bei EADS. Der latente deutsch-französische Zwist könnte jetzt richtig eskalieren. Auf dem Spiel stehen mühsam geschlossene Kompromisse, am Ende bröckelt, so die Sorge, sogar die gesamte Architektur des Konzerns.

In den mächtigen Ministerien erhalten wieder diejenigen Auftrieb, die größeres französisches Gewicht fordern, besonders auf Staatsseite.

Die Chancen dafür stehen gar nicht schlecht. Die beiden großen privaten Investoren - Daimler und die Industriegruppe Lagardère - haben das Interesse an EADS augenscheinlich verloren. Daimler zog sich auf 15 Prozent zurück, Lagardère reduziert seinen Anteil bis 2009 auf 7,5 Prozent (siehe Grafik oben). Nichts von der Luftfahrtbegeisterung des 2003 verstorbenen EADS-Gründers Jean-Luc Lagardère hat sich auf dessen Sohn Arnaud Lagardère übertragen. In Board-Sitzungen hat der vor allem Augen für seinen Mobilcomputer, auf dem er die Ergebnisse von Tennisspielen verfolgt. Geschäftlich ist Lagardère weit mehr am Mediengewerbe und an Sportrechten interessiert als an Großraumjets und Lenkwaffen.

Wie weit der französische Staat zu gehen bereit ist, hat er schon 2006 bewiesen. Damals erwarb die staatliche Bank CDC von einem 7,5-Prozent-Paket Lagardères einen 2,25-Prozent-Anteil. Da störte es die Kasse wenig, dass der Handel zu Konditionen zustande kam, die für sie miserabel sind. Inzwischen ermittelt auch dort die AMF.

Frankreichs Präsident Nicolas Sar-kozy jedenfalls scheint entschlossen, EADS unter seinen Einfluss zu bringen. Kenner berichten, der Politiker träume davon, einen Vertrauten als EADS-Chairman einzusetzen: den Baulöwen Martin Bouygues.

Ob die EADS als vorwiegend französische Firma dann am internationalen Luftfahrt- und Rüstungsmarkt ebenso erfolgreich wäre wie in der Vergangenheit? Wohl kaum.

Ohnedies wächst im Unternehmen die Angst vor einem Imageschaden, der dem Geschäft massiv zusetzen könnte. Gerade jetzt muss der Konzern um den schon sicher geglaubten Milliardenauftrag der US-Luftwaffe kämpfen. Die hatte im Frühjahr 179 Tankflugzeuge bei Airbus geordert. Nun wird das Verfahren auf Druck des Erzrivalen Boeing neu aufgerollt. Und Boeing, mit Hundertschaften von Lobbyisten in Washington präsent, nutzt die Insideraffäre nach Kräften, um die Seriosität des Konkurrenten infrage zu stellen.

Der Koloss EADS wankt. Die fein ausbalancierte Welt des Unternehmens ist heftig durcheinandergeraten. Nie war die Zukunft der europäischen Gemeinschaftsfirma so ungewiss wie heute.

Die Franzosen sehen die Krise als Chance zur Machtergreifung. Die Ihren schützen sie; so erhielt Jean-Paul Gut wieder einen Beratervertrag. Die Deutschen kämpfen um den Erhalt der Parität. Jedenfalls wollen sie sich nicht tatenlos in ihr Schicksal fügen.

So gelang es EADS-Vertretern unlängst, einen lästigen Krisenanheizer zu besänftigen: den Münchener Rechtsanwalt Klaus Rotter. Der hatte seit 2006 eine Schadensersatzklage von Kleinanlegern vertreten und viel Staub aufgewirbelt. Anfang Juli handelten beide Seiten einen Vergleich aus. Nun herrscht Ruhe an dieser Front.

EADS-Chairman Rüdiger Grube (56) und seine Mannen haben Vorsorge für den Ernstfall getroffen. Sollte Airbus-Vormann Enders tatsächlich stürzen, würde wohl Grube selbst den Posten übernehmen und sein Chairman-Amt abgeben. Außerdem würde er dann aus dem Daimler-Vorstand ausscheiden.

Fraglich scheint Insidern allerdings, ob dieser Schritt ausreichen würde, um EADS aus der Krise zu führen. "Die Franzosen verfolgen eindeutig das Ziel, aus EADS irgendwann einen französischen Konzern zu machen", glaubt ein EADS-Funktionär. "Wenn sie die Chance dazu sehen, werden sie sie nutzen."

Michael Machatschke/Thomas Werres

Draußen scheint die Sonne und gaukelt einen unbekümmerten Sommertag vor. Pünktlich und aufgeräumt kommt Frank Horn* zusammen mit seinem Anwalt zur Rue du Château des Rentiers 122 in Paris. Die Brigade Financière, die französische Finanzpolizei, hat den Manager in der EADS-Insideraffäre als Zeugen geladen. Horn ist der Aufforderung bereitwillig nachgekommen. So wie er bereits vor Wochen der französischen Finanzaufsicht AMF Rede und Antwort gestanden hat.

Was dann aber folgt, ist - anders als bei der früheren Vernehmung - das pure Grauen. Gleich nach der Begrüßung durch den zuständigen Polizeikommandanten wird dem EADS-Mann erklärt, dass er in Polizeigewahrsam genommen wird. 24 Stunden könne man ihn auf dem Revier behalten, danach könnten sich mit Einwilligung eines Untersuchungsrichters weitere 24 Stunden Gewahrsam anschließen.

Nach einer halben Stunde muss der Anwalt gehen, Horn seine mitgeführten Habseligkeiten Uhr, Handy und Brieftasche abgeben.

Dann legen drei Polizeibeamte, später sind es vier, rund um einen Schreibtisch in einem kleinen Ein-Mann-Büro mit ihren Fragen los. Ein Dolmetscher muss übersetzen. Horn beherrscht das Französische nur in Maßen. Wie sich herausstellt, ist der Dolmetscher allerdings auch kein Meister seines Fachs. Vor allem mit Wirtschaftstermini hat er seine liebe Not.

Was die Beamten wissen wollen, kreist um die Geschäftspläne der EADS, wie sie erstellt werden, um den Genehmigungsvorgang oder die interne Abstimmung. Es gibt keine Vorwürfe oder Beschuldigungen, nur Fragen und Antworten, knapp fünf Stunden lang. Dann wird Horn in ein anderes Stockwerk geführt. Vor einer großen Tür, deren Milchglasfenster vergittert ist, wird Horn gefragt, ob er eine Brille besitzt. Die muss er sogleich abgeben. Vor ihm erstreckt sich eine drei Meter lange und zwei Meter breite Zelle. Darin eine Erhöhung aus Beton, bedeckt mit einer verschmutzten und übel riechenden Matratze. Sonst nichts. Aufgewärmtes Essen wird auf den Boden gestellt. Krachend fällt die Tür hinter Horn ins Schloss. Horn fühlt sich "weggesperrt wie ein Schwerverbrecher".

Nach etwa anderthalb Stunden - ohne Uhr muss sich Horn allein auf sein Zeitgefühl verlassen - geht es zurück zum Verhör. Dann wieder in die Zelle. Zur Toilette wird Horn von einem Beamten begleitet. "Das ist entwürdigend."

Sein Anwalt hatte Horn vor seiner "Zeugenvernehmung" gewarnt. Es sei möglich, dass er in Polizeigewahrsam genommen werde, aber nicht zwingend. Die Sache liege im Ermessen der Beamten.

Die Ermittler entschlossen sich zur harten Tour. Am Abend heißt es wieder Brille abgeben, zurück in die Zelle - für die ganze Nacht. Waschen ist kaum möglich. In einem Waschraum gibt es weder Seife noch ein Handtuch. Die Notdurft ist über einem Loch im Boden zu verrichten.

"Was tun die mit mir?", fragt sich Horn, während die Sonne hinter dem Horizont von Paris versinkt. An Schlaf ist auf der schmuddeligen Matratze nicht zu denken.

Am nächsten Tag wieder Verhör. Wieder der gleiche unfähige Übersetzer. Dadurch zieht sich die Prozedur unnötig in die Länge. Horn vermutet Absicht.

Exakt 24 Stunden nach Beginn des Gewahrsams verlängert eine Untersuchungsrichterin den Arrest um einen weiteren vollen Tag. Das bedeutet: eine zweite Nacht in der Zelle. Horn empfindet den Akt als Psychoterror. Bei der AMF hatte Horn den annähernd gleichen Fragenkatalog binnen acht Stunden beantworten können. Doch da funktionierte die Übersetzung auch reibungslos.

Bei der Finanzbrigade dagegen scheint man vor allem darauf zu achten, den Manager die maximal zulässigen 48 Stunden bei sich zu behalten. Kurz vor Ablauf der Frist weisen Beamte die Vernehmer mehrfach auf die verbleibende Restlaufzeit hin: noch zehn Minuten, noch fünf Minuten. Für Horn immerhin ein Zeichen der Erlösung.

Doch ganz überstanden hat er die Tortur immer noch nicht. In einem abgedunkelten Auto wird er quer durch Paris zu einem anderen Justizgebäude chauffiert. Dort darf ihn auch sein Anwalt wieder in Empfang nehmen. Zwei Untersuchungsrichterinnen erscheinen. Die Personalien von Horn werden überprüft. Dann ziehen sich die Richterinnen "zur Beratung zurück" - für etwa eine Minute. Sie kommen wieder mit einem fertigen Schriftsatz, in dem steht, dass ein förmliches Ermittlungsverfahren gegen Horn eingeleitet wird. Der Vorwurf: Verdacht auf Insiderhandel vor allem bezüglich der operativen Planung von EADS und Airbus und des abweichenden Marktkonsenses. Dabei hat Horn nichts anderes gesagt als bei seiner ersten Vernehmung durch die AMF und ist sich nach wie vor keiner Schuld bewusst.

Immerhin hat er jetzt erst einmal "den schlimmsten Stress seines Lebens" hinter sich. Nicht ganz: Binnen drei Wochen muss er eine Kaution in sechsstelliger Höhe entrichten, sonst wird er sofort verhaftet.

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