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Deutsche Bahn: Der Konzern will seine unrentable Speisewagen-Tochter Mitropa verkaufen.
aus manager magazin 9/2001

Sie gehörten zusammen wie Rad und Schiene. Seit Kaisers Zeiten - genau: seit 1916 - bildeten die Bahn und der Speisewagenbetreiber Mitropa ("Mitteleuropäische Schlafwagen- und Speisewagen-AG") ein festes Gespann. Der Schienen-Wirt speiste die Gäste der DDR-Reichsbahn ab, seit 1994 tischt er gesamtdeutsch auf, als Tochter der Deutschen Bahn. Das Bündnis schien unverwüstlich. Bis Hartmut Mehdorn (59) kam.

Den Bahn-Chef ärgert, dass die Tochter ein Kostgänger des Konzerns ist. Die Bahn muss ihr jedes Jahr fast 70 Millionen Mark so genanntes Serviceentgelt überweisen, eine Art Antrittsprämie. Trotzdem fuhr die Mitropa im vergangenen Jahr einen Verlust von etwa 50 Millionen Mark ein.

Und Mehdorn zweifelt, ob Gastronomie wirklich zum Stammgeschäft der Bahn zählt. "Wir müssen uns fragen", orakelte der Vorstandschef unlängst, "ob wir unser eigener Caterer sein müssen und mit Rentenanspruch Suppe kochen."

Jetzt hat er sich die Antwort selbst gegeben. Für die Mitropa ist auf Dauer kein Platz mehr im Bahn-Konzern. Mehdorn will sie so bald wie möglich verkaufen. Für das Essen auf Rädern sollen dann allein unabhängige Anbieter sorgen.

Noch allerdings zögert er, seinen Plan offen zu legen. "Wir führen keine Verkaufsverhandlungen über die Mitropa", wehrt ein Konzernsprecher pflichtgemäß jede Nachfrage ab.

Unruhe könnte die Sanierung der Mitropa gefährden und auf diese Weise die Verkaufschancen schmälern. Seit Jahresbeginn unterzieht sich der Schienen-Gastronom einer Rosskur. "Wir haben uns gesagt: Es geht um alles oder nichts", umreißt Mitropa-Aufsichtsratschef Rolf Kranüchel (44) das Programm.

200 von gut 5700 Stellen wurden gestrichen. Selten bestellte Gerichte flogen aus der Speisekarte. Und mit dem früheren Betriebsratschef Roland Hahn (47) wurde ein neuer Antreiber im Vorstand installiert. Per strenger Dienstanweisung mahnte Hahn das Personal im Zugrestaurant, in den ruhigen Stunden in der 2. Klasse Kaffee zu verkaufen.

Die Zucht hat offenbar Erfolg. "Wir werden in diesem Jahr die schwarze Null schaffen", versichert Mitropa-Chef Oskar Mayr (55).

Mehdorn will die Gesundung abwarten und sich einstweilen mit diskreter Sondierung begnügen. Im kommenden Frühjahr aber beginnen die Verkaufsverhandlungen.

Interessenten gibt es anscheinend genug. "Sechs oder sieben Unternehmen stehen Schlange", berichtet ein Bahn-Intimus. Zu ihnen zählen die Schweizer Rail Gourmet, der britische Flugcaterer Eurest und - trotz Dementi - die Lufthansa-Verpflegungstochter LSG. Gerade dort wissen die Manager um das Potenzial der Mitropa. LSG-Vorstand Ulrich Bröscher war bis Anfang 2000 Logistikvorstand bei der Mitropa.

Die Kaufanwärter reizt besonders die unbekannte Seite der Mitropa: ihr Geschäft mit Bahnhofsgastronomie ("Segafredo", "Alles Wurst") und einige Autobahnraststätten im Osten der Republik, ein Erbe aus DDR-Zeiten. Abseits des Schienenstrangs nimmt die Bahntochter etwa 40 Prozent ihres Jahresumsatzes von zuletzt rund 680 Millionen Mark ein.

Die Zeit bis zum Verkaufsstart will Mehdorn gut nutzen. Er hat bei den Managern der Fernverkehrssparte, zu der die Mitropa gehört, ein neues Konzept für die Bahn-Gastronomie bestellt. Das Papier soll vor allem klären, wie viele der durchweg unrentablen Speisewagen die Bahn in Zukunft noch braucht - und wie viele sie ersetzen kann durch einträglichere Bistros oder durch Service im Abteil. Aus diesen Erkenntnissen will Mehdorn Auflagen für die Investoren ableiten.

Mehdorn wird die Interessenten noch über andere Eigentümlichkeiten des Geschäfts aufklären müssen. Kaffeemaschinen fürs Zugrestaurant zum Beispiel brauchen eine besondere Zulassung - vom Eisenbahn-Bundesamt. Michael Machatschke

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