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Treiber und Getriebene

Editorial: Treiber und Getriebene
Von Wolfgang Kaden
aus manager magazin 3/2000

Big is beautiful, den Größenfantasien sind keine Grenzen mehr gesetzt. AOL mit Time Warner, Vodafone mit Mannesmann, demnächst vielleicht HypoVereins- und Dresdner Bank - fragt noch jemand nach dem betriebswirtschaftlichen Sinn dieser Megakonzerne?

Es ist, wie die Redakteure Arno Balzer, Wolfgang Hirn und Winfried Wilhelm in ihrer Titelgeschichte feststellen (siehe Seite 76), vor allem der Druck der Finanzmärkte, der die Unternehmen in immer neue Fusionsabenteuer drängt. Es ist die Spezies der Analysten, die Kaufempfehlungen aussprechen und die die Kurse nach oben treiben, wenn die Manager ihnen eine "Story" bieten - vorzugsweise einen dicken Merger. Und die den Daumen senken, wenn keine spektakulären Eigentumsveränderungen auf dem Spielplan stehen.

Welch ein Wandel: Hoch bezahlte Manager, die vor Jahren nicht mal den Aktienkurs des eigenen Konzerns kannten, jagen heute um den Erdball, um den Analysten ihr Unternehmen anzupreisen. Geduldig anworten sie auf die kritischen Fragen von Fachfremden, die sie früher keiner Antwort für würdig befunden hätten.

Gewiss, die Machtverschiebung hat ihr Gutes. Die Analysten, im Verein mit Fondsmanagern und Investmentbankern, haben das Zeitalter unbegrenzter Managerherrschaft beendet; sie haben die Unternehmenskontrolle nachhaltig verschärft und die Aktionäre reicher gemacht.

Doch der Eindruck drängt sich auf, dass das Pendel inzwischen zu weit ausgeschlagen ist: von der Allmacht der Manager zur Allmacht der Finanzspezialisten. Es kann nicht richtig sein, dass 30-Jährige, bar jeder Führungserfahrung, indirekt über das Schicksal von Großunternehmen mit hunderttausenden von Mitarbeitern befinden; dass Topmanager zu den Exekutoren von Analystenforderungen degradiert werden.

Empfehlungen der Finanzgurus besitzen derzeit die Qualität von Gottesurteilen. Wer sich dem Urteil der Analysten widersetzt, wird mit Liebesentzug gestraft, die Aktie verliert sich in der Sphäre der Nichtbeachtung.

Doch die, die da so folgenschwere Urteile sprechen, sind mitnichten neutrale Richter. So wie die Manager sehr wohl ihre Eigeninteressen wahren, so haben auch Analysten das eigene Wohl im Auge. Die meisten arbeiten für Geldhäuser, die an den Zusammenschlüssen prächtig verdienen. Ihr Interesse bringt einer der ihren ganz schlicht auf den Punkt: "Wir müssen jede Woche eine neue Sau durchs Dorf treiben."

Sieht so die schöne neue Unternehmenswelt aus? Das Unbehagen ist groß. Bayer-Chef Schneider und Commerzbank-Vorsteher Kohlhaussen verweigern sich mit deutlichen Worten dem Trend (siehe Seite 94, 109). Allenthalben wachsen die Zweifel, ob die Weisheiten der Finanzgewaltigen wirklich die alleinige Richtschnur der Unternehmenslenker sein dürfen.

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