Steuerzahler muss helfen Tief, tiefer, Deutsche Bahn

5,7 Milliarden Euro Jahresverlust, mehr als 30 Milliarden Euro Schulden - die Deutsche Bahn hat ein katastrophales Jahr hinter sich. Milliardenverluste sind auch für 2021 eingeplant. Der Steuerzahler muss erneut ran.
Massiv steigende Verluste: Die Verträge von Bahnchef Richard Lutz (Mitte) Berthold Huber (l.) und Ronald Pofalla wurden dennoch verlängert. Sie sollen weiterarbeiten - vorerst fürs gleiche Geld.

Massiv steigende Verluste: Die Verträge von Bahnchef Richard Lutz (Mitte) Berthold Huber (l.) und Ronald Pofalla wurden dennoch verlängert. Sie sollen weiterarbeiten - vorerst fürs gleiche Geld.

Foto: imago stock&people / imago/Reiner Zensen

Die Deutsche Bahn ist während der Corona-Krise so tief in die Verlustzone gefahren wie noch nie in ihrer Geschichte. Auch wegen des Einbruchs der Passagierzahlen türmte sich unterm Strich ein Minus von 5,7 Milliarden Euro auf und damit noch mehr als zuletzt erwartet, bestätigte der Staatskonzern am Donnerstag Berichte vor einer Woche. Der Betriebsverlust (Ebit) lag bei 2,9 Milliarden Euro. Der Umsatz sackte um zehn Prozent auf knapp unter 40 Milliarden Euro ab. Auch in diesem Jahr wird der Konzern tief in den roten Zahlen bleiben.

Parallel schnellten die Schulden des Unternehmens innerhalb eines Jahres um fünf Milliarden Euro nach oben und haben Konzernkreisen zufolge inzwischen die Marke von 30 Milliarden Euro überschritten. Bahnchef Richard Lutz (56) gab sich dennoch zuversichtlich: Das Unternehmen werde sich erholen, die Passagiere zurückkommen: "Wir sind der Impfstoff gegen den Klimawandel." Zwar erwartet die Bahn dieses Jahr eine leichte Besserung: "Dennoch sind erneut beträchtliche Verluste zu erwarten", erklärte das Unternehmen. Konzernkreisen zufolge werde mit einem Betriebsverlust (Verlust vor Zinsen und Steuern) von 2,5 Milliarden Euro gerechnet. 2022 will die Bahn zurück in die Gewinnzone.

Corona-Krise allein begründet nicht die hohen Verluste

Als Hauptgrund für die Höhe des Verlustes von 2020 gibt das Unternehmen an, dass die Bahn ihr Angebot trotz drastisch gesunkener Passagierzahlen im Lockdown weitgehend aufrechterhalten hat. Dies war auch der Wunsch der Bundesregierung. Im Fernverkehr fuhren Konzernkreisen zufolge nur noch 81 Millionen Menschen mit IC und ICE. 2019 waren es mit gut 150 Millionen fast doppelt so viele. Im Nahverkehr war der Rückgang nur etwas geringer.

Corona allein taugt aber nicht zur Begründung für die hohen Verluste. Nach Informationen von manager magazin taxiert eine Analyse der Bundesnetzagentur  den Corona-Schaden für den gesamten deutschen Schienenverkehr 2020 auf 2,5 Milliarden Euro. Nach Abzug der Schäden bei den Wettbewerbern dürften gut zwei Milliarden Euro Extralast auf die DB entfallen – was deutlich macht: Mehr als drei Milliarden Euro Defizit hätten Konzern-Chef Lutz und seine Mitstreiter ganz coronafrei aufgeschüttet. 2019 hatte die Bahn noch 680 Millionen Euro Gewinn ausgewiesen.

Bereits vor der Corona-Krise litt die Bahn unter massiven Problemen und konnte ihre Investitionen aus eigenen Mitteln nicht mehr finanzieren. Im Schienengüterverkehr hat der einstige Fast-Monopolist mehr als die Hälfte der Marktanteile verloren. Der Verkauf der Auslandstochter Arriva, in der der Nahverkehr in Europa gebündelt ist, scheiterte. Die Bahn musste auf Arriva nun 1,4 Milliarden Euro abschreiben, was den Nettoverlust weiter erhöhte.

Steuermilliarden sollen Bahn erneut stützen

Profitiert von der Corona-Krise hat teilweise allerdings die internationale Bahn-Spedition Schenker. Auch wegen des guten Geschäfts mit der Luftfracht konnte sie einen Betriebsgewinn von über 700 Millionen Euro erzielen und damit mehr als je zuvor.

Die Bahn setzt in ihrer desolaten Lage auf eine Stützung durch den Eigentümer: So waren im Klimapaket elf Milliarden Euro bis 2030 als Eigenkapitalspritze in Aussicht gestellt worden. Dies wurde angesichts des Widerstands der EU gestutzt und soll nun zudem allein in die Schienennetz-Sparte fließen. Aber bis jetzt sind diese Mittel ebenso wenig freigegeben wie eine zusätzliche Corona-Hilfe von fünf Milliarden Euro. Die Schienen-Konkurrenten des Staatsunternehmens beklagen bei der EU-Kommission Wettbewerbsverzerrung.

Sparen bei Personalkosten, nicht bei Investitionen

Trotz der enormen Schulden halten Bahn und Bund an den vor der Krise angekündigten Investitionen fest. So soll sich dann bis 2030 die Zahl der Fahrgäste verdoppeln. Allein in diesem Jahr sollen deshalb 12,7 Milliarden Euro in die Modernisierung des bestehenden Schienennetzes fließen.

Sparen will die Bahn unter anderem bei den Personalkosten. Mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft einigte sich die Arbeitgeberseite bereits im vergangenen Jahr auf eine Nullrunde für 2021. Erst im kommenden Jahr sollen Löhne und Gehälter um 1,5 Prozent steigen. Die Tarifverhandlungen mit der konkurrierenden Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) stehen allerdings noch aus.

Immerhin: Auch die verantwortlichen Vorstände sollen nicht mehr Geld bekommen. Der Aufsichtsrat verlängerte am Mittwoch trotz anhaltender Probleme den Vertrag von Konzernchef Richard Lutz. Er soll die Bahn nun mindestens bis zum März 2027 führen. Ebenso lang bleibt der Vorstand Personenverkehr, Berthold Huber (57), an Bord. Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla (61) macht weiter bis Juli 2025, dann erreicht er das Rentenalter. Das manager magazin hatte bereits im Januar über die Verlängerung der Verträge berichtet .

Gehaltserhöhung für Vorstände erst nächstes Jahr Thema

Lutz' Name sei untrennbar mit einer Wachstumsstrategie verbunden, teilte Aufsichtsratschef Michael Odenwald mit. "Diese gilt es nun zum Wohle unserer Kunden Stück für Stück umzusetzen." Die Vorstände unterzeichnen jedoch ohne die übliche Gehaltserhöhung. Eigentlich war ein Aufschlag von zehn Prozent auf das Fixgehalt geplant. Es beträgt bei Lutz 900.000 Euro im Jahr; mit variablen Bestandteilen kam er 2019 auf 1,73 Millionen Euro. Bei Pofalla und Huber sind 650.000 Euro fix. Die Gewerkschaften sperrten sich am Mittwoch gegen die Erhöhung. Im kommenden Jahr solle das Thema aber noch einmal besprochen werden, hieß es aus dem Umfeld des Aufsichtsrats.

Die FDP kritisierte die Vertragsverlängerungen - angesichts einer dramatischen wirtschaftlichen Lage und jahrelang verschleppter Reformen könne es dafür kaum einen schlechteren Zeitpunkt geben. Die Grünen sehen "einen bitteren Beigeschmack". Das Management solle über die Bundestagswahl im September gerettet werden, der Spielraum für die Bahnpolitik danach klein gehalten werden.

rei/dpa-afx/Reuters
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